„Der Teufel trägt Prada 2“: Mehr Platz für Meryl Streep

vor 2 Tage 3

Als „Der Teufel trägt Prada“ vor zwanzig Jahren ins Kino kam, lebte der Film vom Ruf des Skandals, den der gleichnamige Schlüsselroman von Lauren Weisberger ausgelöst hatte: Die Vogue-Chefin Anna Wintour galt als Vorbild der fiesen Chefredakteurin Miranda Priestly des Modemagazins „Runway“. Meryl Streep spielte die Modepäpstin als eisige Chefin, die Karrieren mit einem Blick einfrieren und Egos mit drei Worten zerschmettern konnte. Gleiches sagte man Wintour nach. Wie also reagierte die mächtigste Frau der Modewelt damals? Sie kam zur Filmpremiere – in Prada – und lachte den ganzen Film über. Mode- und Filmgeschäft haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert, wie man jetzt an der Werbekampagne für die Fortsetzung der Satire beobachten konnte: Die Nähe der Branchen zueinander hat zugenommen. Bei den Oscars trat Wintour an der Seite der Hauptdarstellerin Anne Hathaway auf; das Cover der Mai-Ausgabe der „Vogue“ zierte Wintour (die mittlerweile zum weltweiten Chief Content Officer für das Medienhaus Condé Nast aufgestiegen ist) gemeinsam mit Streep – und für die Premierentour schickte der Filmverleih Streep und Hathaway mehrere Wochen mit großen Roben um die Welt.

Man merkt: Hollywood setzt nicht mehr darauf, dass allein die großen Namen Leute ins Kino holen. Das Marketing verlangt Videoschnipsel und Hinter-den-Kulissen-Fotos, die sich gut auf Social Media teilen lassen und dort hoffentlich einen Hype erzeugen. Und selbst renommierte Modezeitschriften sind nicht mehr vor dem Klickzahlenzählen gefeit, sondern längst in der Medienkrise angekommen. Damit wären wir schon mitten in der Fortsetzung „Der Teufel trägt Prada 2“: Die von Anne Hathaway gespielte Andy Sachs hat sich ihren Traum erfüllt, aus der schikanierten Modeassistentin ist eine Starreporterin geworden. Gerade als sie und ihr Team für gut recherchierte Berichterstattung einen Preis entgegennehmen, piepst auf dem Smartphone die Kündigung.

Onlineshitstorm und die Werte des Journalismus

Schockiert hält Andy eine feurige Rede auf die Werte des Journalismus – und beklagt anschließend bei Wein mit der besten Freundin, dass der CEO, der ihre Zeitung nun mit großen Streichungen rentabler machen will, im Vorjahr noch elf Millionen mit nach Hause genommen hat. Auf der anderen Seite von Manhattan empfangen Blitzlichtgewitter und schlechte Nachrichten Miranda Priestly auf dem Weg zu einer Gala. Eine wohlwollende Geschichte über Fast Fashion löst einen Onlineshitstorm aus. Die Chefin lächelt standhaft in die Kameras und verabredet für den nächsten Morgen ein Treffen mit den wichtigsten Anzeigenkunden, die reihenweise mit Kündigung drohen. „Die Septemberausgabe ist bereits so dünn, dass man damit flossen kann“, raunt sie ihrer zweiten Hand, dem abermals von Stanley Tucci mit der Ruhe eines Corgis gespielten Nigel, zu.

Priestly, das ist neu, hat den Verleger im Nacken. Sie hofft auf Beförderung zur Chefin der globalen Medienmarke und muss die Chefs zugleich davon überzeugen, dass ihr Magazin noch Relevanz hat. Der Verleger drückt ihr Andy als neue Feature-Redakteurin aufs Auge. Glücklich ist Priestly damit nicht, aber dass sie immer noch die Alte ist, also fähig, schnell Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie wehtun, zeigt sich in der kurzen Szene nach dem Gespräch zwischen ihr und ihrer früheren Assistentin. Priestly greift zum Hörer, feuert die Frau, die bislang die Textstrecken betreut hat, blickt Andy an und seufzt: „Sie war die Erste in ihrer Familie, die es aufs College geschafft hat.“ Streep dämpft diesen Satz zum Flüstern, verbindet eine Prise Bedauern mit dem entschlossenen Kalkül des Alphatiers.

DSGVO Platzhalter

Meryl Streep bekommt hier mehr Platz als im ersten Teil. Sie nutzt ihn, um ihrer Chefin mehr Charaktertiefe zu geben, schält in kleinsten Momenten Selbstsicherheit wie Zwiebelhäutchen ab. Sie grübelt, taktiert und kämpft darum, ihr Medienimperium zu erhalten. Nicht aus Machtgier. Im Gespräch mit einem potentiellen Käufer des Verlags – Justin Theroux gibt diese dümmere und damit noch schädlichere Variante von Elon Musk – erkundigt sie sich nach dessen Interesse am Guten, Schönen, Wahren, dem sie sich mit ihrem Magazin verpflichtet fühlt. Der Milliardär schaut sie mit unverschämtem Grinsen an und offenbart ihr, dass KI unter ihm sowohl die Redaktion übernehmen als auch die Fotos ausspucken werde. Streep pariert das mit kühlem Lächeln. Solche Masken tragen Königinnen in Shakespeare-Dramen.

Modeprominenz huscht durchs Bild

Nun lebte der erste Teil von den Kostümen. Die „Sex and the City“-Ausstatterin Patricia Field hatte durch ihre Kontakte weit übers Budget hinaus Luxuskleider herangeschafft. In der Fortsetzung übernahm ihre ehemalige Assistentin Molly Rogers nun die Ausstattung. Ihre Wahl steht den früheren Extravaganzen in nichts nach, legt aber größeren Wert auf konsequente Farbwelten. Miranda Priestly trägt als Evolution des Achtzigerjahre-Powerdressings taubengraue Blazer mit leicht ausgepolsterten Schultern, hellgraue Seidenshirts oder einen übergroßen Trenchcoat im Farbton eines verhangenen Januarhimmels über Mailand. Andy Sachs darf mehr experimentieren und tauscht für ihre Verwandlung von der rasenden Reporterin zur Mode-Redakteurin ihre bequemen Cord-Blazer gegen taillierte Nadelstreifenwesten, plissierte Röcke und ein paillettenbesetztes Kleid in Ceruleanblau (ein kleiner Wink auf den ersten Teil). Und Emily Blunt darf sich als bissige Dior-Pressesprecherin in Teile aus dem Luxushaus hüllen – und einmal sogar (die echte) Donatella Versace zurechtweisen. Überhaupt können aufmerksame Modebeobachter allerlei Prominenz durchs Bild huschen sehen, von Naomi Campbell über Marc Jacobs bis zu Heidi Klum. Seit Robert Altmans Komödie „Prêt-à-Porter“ (1994) lässt sich der Modezirkus keine Gelegenheit entgehen, sich auch in Satiren selbst darzustellen.

Hier nun gelingt der Drehbuchautorin Aline Brosh McKenna, die schon in „Cruella“ (2021) die Modebranche mit scharfem Blick auseinandernahm, derlei Eitelkeiten vor dem Bild der größeren Krise in den Hintergrund treten zu lassen. Wenn Miranda, Andy und Nigel versuchen, das Magazin zu retten, brauchen sie das Geschick von Diplomaten und die Unverfrorenheit eines Meisterdiebs. Das ist kein Modemärchen, es ist ein Heist-Film, dessen umkämpfter Schatz der unabhängige Journalismus ist. Denn nur wer Schönheit versteht, kann auch Gutes und Wahres erkennen.

Gesamten Artikel lesen