Demografie: Zunehmend mehr junge Männer als Frauen weltweit - Forscher sehen das als Problem

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Weltweit werden in vielen Ländern etwas mehr Jungen als Mädchen geboren, zeigt eine aktuelle Studie. Ein Grund dafür ist, dass in einigen Ländern weibliche Föten häufiger abgetrieben werden und junge Männer mittlerweile oft eine ähnliche Sterblichkeit haben wie Frauen. Die Folge: In einigen Ländern finden nicht mehr alle Männer eine Partnerin, auch wenn sie das wollten, sie bleiben praktisch »übrig«.

Bisher haben Männer im Schnitt mehr Kinder gezeugt als Frauen – dieses Verhältnis hat sich seit dem Jahr 2024 umgekehrt, berichtet ein Forschungsteam um Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock im Fachblatt »PNAS«. Statistisch gibt es nun weniger Kinder pro Mann als pro Frau.

Männerüberschuss in China

Insbesondere in Ostasien ist die Gesamtfruchtbarkeitsrate der Männer den Wissenschaftlern zufolge deutlich niedriger als die der Frauen. »Es wird erwartet, dass der Unterschied in Ländern wie China und Indien, wo geschlechtsselektive Abtreibungen das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Bevölkerungsstruktur verstärkt haben, auf bis zu 20 Prozent anwachsen wird.«

Den langfristigen Trend hin zu einer maskulinen Bevölkerung gebe es weltweit. Bis zum Jahr 2030 wird demnach ein Großteil der Weltbevölkerung in Ländern leben, in denen die männlichen Fortpflanzungsraten deutlich unter denen von Frauen liegen. Ausgenommen seien vorwiegend Länder in Afrika südlich der Sahara. »Dort ist die Überlebensrate der Männer aufgrund der insgesamt hohen Sterblichkeit und der durch Kriege verursachten überproportional hohen männlichen Sterblichkeit niedriger.«

Im Rest der Welt hält die sinkende Sterblichkeit das männlich geprägte Geschlechterverhältnis bei der Geburt über das gesamte Leben hinweg aufrecht: Es werden natürlicherweise etwa 103 bis 107 Jungen pro 100 Mädchen geboren. Zwar haben weibliche Embryonen eine leicht höhere Überlebensrate während der Schwangerschaft, es werden aber merklich mehr männliche Föten empfangen – in der Summe entsteht dadurch der leichte Jungenüberschuss.

Ungewolltes Zölibat

Welche gesellschaftlichen Folgen es haben kann, wenn Männer keine Partnerin finden, zeigt sich etwa an der Entwicklung der sogenannten Incel-Szene in den vergangenen Jahrzehnten. Der englische Begriff setzt sich aus »involuntary» und »celibate» zusammen und bezeichnet vorwiegend Männer, die unfreiwillig enthaltsam leben und Hass auf Frauen sowie auf sexuell aktive Männer entwickeln. Hinzu kommt die sogenannte Manosphere. Frauenverachtende Influencer wie Andrew Tate prägen diese maßgeblich mit. Der britische TV-Journalist Louis Theroux beschreibt die Szene in einer Dokumentation für Netflix als ein Konglomerat aus Frauenverachtung, Fitness, Pornografie, Kryptowährungen, Homofeindlichkeit und Verschwörungsideologien.

Rückständige Geschlechterrollen

Dass solche Rollenbilder in sozialen Medien heute so präsent sind, beeinflusst junge Menschen, wie kürzlich eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos in 29 Ländern zeigte. In der Umfrage vertraten Männer der Generation Z – also den Jahrgängen 1997 und 2012 – rückständige Auffassungen zu Geschlechterrollen und Gleichstellung.

Fast jeder dritte Gen-Z-Mann ist demnach überzeugt, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte. Bei den Gen-Z-Frauen liegt der Wert mit 18 Prozent deutlich darunter. Zum Vergleich: Bei den männlichen Babyboomern – geboren zwischen 1946 und 1964 – sind nicht einmal halb so viele Männer dieser Ansicht (13 Prozent), bei den Boomer-Frauen ebenfalls weitaus weniger (6 Prozent). 61 Prozent der befragten Gen-Z-Männer finden zudem, dass in Sachen Gleichstellung im eigenen Land genug getan wurde. 57 Prozent der Gen-Z-Männer meinen, dass die Gleichstellung von Frauen sogar so weit gefördert wurde, dass nun Männer diskriminiert werden.

Das Team vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fürchtet neben zunehmender Gewalt durch den Männerüberschuss auch soziale und gesundheitliche Folgen. Um dem entgegenzuwirken, müsse etwa die Stellung von Frauen in vielen Ländern verbessert werden, um die Abtreibung von Föten aufgrund ihres Geschlechts zu verhindern.

Einflussreiche Männer, die gegen Frauen hetzten: Expertin Paula Matlach erklärt, wie groß die sogenannte Manosphere in Deutschland ist, wie sie funktioniert und was Eltern tun können.

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