Dembélé & Co.: Warum stürzen Fußballstars heutzutage kaum noch ab?

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Es gab eine Phase im Leben von Ousmane Dembélé, in der nicht viele darauf gewettet hätten, dass er eines Tages Weltfußballer werden würde. Dass er die Anlagen dazu hatte, war früh offenkundig. Borussia Dortmund schoss er als Zwanzigjähriger zum Pokalsieg. Doch dann fiel er im Charaktertest durch, und zwar so deutlich, dass sie ihm in Dortmund keine Träne nachweinten: Er streikte sich aus seinem Vertrag, um zum FC Barcelona wechseln zu können.

F.A.Z.

Wie zur Strafe dafür, dass sie dieses Verhalten befördert hatten, wurden auch die Katalanen nicht glücklich mit Dembélé. Das hatte mit dessen häufigen Verletzungen zu tun. Vor allem aber mit seinem undisziplinierten und arroganten Verhalten. Mal war dem Franzosen der ihm gestellte Fahrer unsympathisch, mal musste der Verein ihm einen Koch zur Verfügung stellen, damit er seine unprofessionelle Ernährung abstellte. Er kam unpünktlich zum Training oder auch gar nicht.

So vor einem Spiel gegen Betis Sevilla. Es dauerte anderthalb Stunden, bis ihn der Verein am Telefon erreichte, woraufhin Dembélé sagte, er habe eine Magenverstimmung. Der von Barça losgeschickte Arzt fand mittags das Haus des Spielers mit heruntergelassenen Rollläden vor, darin zahlreiche schlafende Freunde Dembélés, diesen aber ganz ohne Anzeichen einer Magenverstimmung.

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Der Hochbegabte ließ auch sonst wenig aus: An einem freien Tag, der zur Erholung dienen sollte, reiste der Franzose kurzerhand nach Marrakesch, um dort bis zum frühen Morgen in einer Disco zu feiern und anschließend nach Paris weiterzufliegen. In Japan fiel er durch rassistische Bemerkungen über das Hotelpersonal auf. Die Katalanen wollten ihn nur noch loswerden.

Es schien sich ein Absturz anzubahnen, wie man ihn zu gut kennt: Rauswurf aus dem Verein, ein Comeback-Versuch bei einem weniger prominenten Klub, der auf einen wundersamen Wandel hofft, endgültiger Absturz, Auftritt im Trash-TV. Doch bekanntlich kam es anders, Dembélé wechselte zu PSG, wurde zu einem Vorbild an Leistungsbereitschaft und Mannschaftsdienlichkeit und gewann zweimal die Champions League. Auch zum aktuellen Erfolg des Nationalteams trägt er maßgeblich bei.

Kahns „spätpubertäre Phase“ währte nur kurz

Ein Happy End durch einen Reifeprozess. Man möchte ihn als überraschend bezeichnen. Aber offenbar liegen die Dinge komplizierter. Denn Fußballstars stürzen heute erstaunlich selten ab, wenn man sich vor Augen führt, welchen Herausforderungen und Versuchungen sie ausgesetzt sind. Viele von ihnen kommen aus armen Verhältnissen und wechseln in ganz jungen Jahren ins Ausland; kaum sind sie volljährig, gehen Millionen auf ihrem Konto ein, sie sind umschwärmt von Leuten, die sie umschmeicheln, weil sie an ihrem Ruhm und ihrem Reichtum teilhaben wollen.

Und doch: Die Liste bekannter Spieler, die in den vergangenen 25 Jahren die Kontrolle über ihr Leben verloren haben, ist erstaunlich kurz. Paul Pogba und Ronaldinho könnte man nennen, aber erstens sind beide erst im Herbst ihrer Karriere – und lange nach dem Gewinn des WM-Titels – gestrauchelt, und zweitens sind sie nicht ins Bodenlose gefallen. Die Regel ist das Gegenteil: Die Karrieren vieler Spitzenfußballer sind erstaunlich lang und skandalfrei. Allenfalls kommt es zu kurzen wilden Episoden wie im Fall von Oliver Kahn, der nach der WM 2002 und seinem spielentscheidenden Fehler im Finale eine „spätpubertäre Phase“ (seine Wortwahl) im Münchner Nachtleben durchmachte. Er krabbelte ziemlich schnell wieder aus dem Loch heraus.

Gefährlich ist heute höchstens noch die Frühphase einer Karriere, wenn den Spielern von Experten eine große Zukunft vorausgesagt wird. Bevor sie zu echter Berühmtheit kommen, scheitern viele Talente an Selbstüberschätzung und antizipiertem Glanz. Der Niederländer Mohamed Ihattaren ist so ein Fall aus jüngerer Zeit.

Denen aber, die sich erst einmal als Profi etabliert haben, scheint jene Disziplin, die sie schon früh in sportlicher Hinsicht zeigen müssen, auch im übrigen Leben zu helfen. Und ganz offenkundig funktioniert das persönliche Umfeld der meisten Spieler besser, als es der Ruf dieses Milieus erwarten lässt. Die Vereine – schon in ihren Fußballschulen – scheinen begriffen zu haben, dass sie eine Fürsorgepflicht für ihr spielendes Personal haben.

Das gilt auch für die viel kritisierten Spielerberater. Man sollte diesen Umstand nicht glorifizieren, schließlich ist es in deren eigenem wirtschaftlichen Interesse, die Geldmaschine in ihrer Obhut vor irreparablen Schäden zu schützen. Aber immerhin, das Ergebnis ist für alle erfreulich.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

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