Dein SPIEGEL: 11-jähriges Kampfkunsttalent aus Deutschland »Ich mache Kung-Fu«

vor 1 Tag 1

An Kung-Fu mag ich die akro­batischen Elemente. Ich kann Spagat und lerne verschiedene Sprünge, etwa Drehungen in der Luft mit einem Fußkick. Andere aus meinem Verein können in der Luft ein Rad schlagen, ohne die Hände zu benutzen. Das übe ich noch. Kung-Fu ist eine chinesische Kampfkunst. Im Notfall kann ich mich damit verteidigen. Das ist aber nicht das Wichtigste. Vor allem geht es um Selbstbeherrschung, Respekt und Demut.

Ich habe anderthalb Jahre in China gelebt. Als ich vier Jahre alt war, ist meine Familie nach Hongkong gezogen, das ist eine supermoderne, riesige Stadt. Mein Vater ist Historiker und hat dort an einer Universität gearbeitet. In China besuchte ich den Kindergarten und die erste Klasse. Ich habe die Sprache gelernt und Taekwondo gemacht, eine andere Kampfkunst.

Zurück in Deutschland, habe ich vieles vermisst, vor allem meine Freun­dinnen und Freunde aus China. Ich wollte mich gern an das Land erinnern. Deshalb habe ich mit Kung-Fu angefangen. Der Sport ist eng mit der chinesischen Kultur verbunden.

Wie lernt man, glücklich zu sein? Mobbing, Müdigkeit, mieser Leistungsdruck – wenn in Deutschland Kinder und Jugendliche gefragt werden, wie es ihnen in der Schule geht, sind die Ergebnisse leider schlecht. Viel zu wenige gehen gern zur Schule und fühlen sich dort gut. Mancherorts wird dagegen etwas unternommen, mit einem besonderen Schulfach: Glück! Wir haben eine Schule in Berlin besucht und uns angeschaut, wie Glück gelehrt wird. Außerdem im Heft: Warum Elon Musk so mächtig ist. »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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Ich trainiere dreimal die Woche in der Zhuo Shi Wushu Akademie in Tübingen. Montags mache ich oft zwei Trainingseinheiten hintereinander. Zum Aufwärmen joggen wir, dehnen uns und machen Kicks und Beinschwünge. Danach übt jeder seine Form. Eine Form ist eine Abfolge von Bewegungen. Eine Art Choreografie. Man kann sich das vorstellen wie einen Kampf gegen einen unsicht­baren Gegner.

Anfänger lernen zuerst Kicks, Beinschwünge und die Grundstellungen. Bei Mabu stehe ich zum Beispiel breitbeinig mit angewinkelten Knien, als würde ich auf einem Pferd sitzen. Bei Gongbu ist mein hinteres Bein gestreckt, das vordere im rechten Winkel gebeugt. Erst wer die Grundstellungen beherrscht, darf auch mit Waffen kämpfen.

Ich übe gerade Formen mit Säbel und Stock. Daneben gibt es zum Beispiel noch Schwert und Speer. Die Waffen beziehe ich in meine Bewegungen ein. Der Stock reicht etwas über meinen Kopf. Der Säbel ist natürlich stumpf. Trotzdem habe ich mich schon mal leicht geschnitten. Wenn ich ihn durch die Luft schwinge, erzeugt er einen feinen Klang.

Beim Chinesischen Frühlingsfest ihrer Kung-Fu-Schule lässt Pauline den Drachen tanzen. Das Fabeltier steht in der chi­ne­sischen Kultur für den Frühling.

Beim Chinesischen Frühlingsfest ihrer Kung-Fu-Schule lässt Pauline den Drachen tanzen. Das Fabeltier steht in der chi­ne­sischen Kultur für den Frühling.

Foto: Matthias Schmiedel / DEIN SPIEGEL
Die Medaille hat Pauline vergangenes Jahr bei den Berlin Wushu Open bekommen.

Die Medaille hat Pauline vergangenes Jahr bei den Berlin Wushu Open bekommen.

Foto: Matthias Schmiedel / DEIN SPIEGEL

Die Formen wiederhole ich immer und immer wieder. Es ist nie ganz perfekt, doch mit jedem Mal werde ich besser. Es fühlt sich toll an, wenn ich etwas Neues gelernt habe und sich die Mühe ausgezahlt hat.

Durch Kung-Fu bin ich selbstbewusster geworden und habe neue Freunde gefunden. Ich bin gut mit den zwei Töchtern meines Trainers befreundet. Mit ihnen besuche ich samstags die Chinesische Schule in Tübingen, wo wir Chinesisch lernen. Seit der Coronapandemie habe ich außerdem einmal die Woche Online-Sprachunterricht. Das hilft mir oft im Training. Viele Begriffe sind auf Chinesisch. Und auch mit unserem Trainer, den wir Meister nennen, spreche ich Chinesisch.

Vor zwei Jahren habe ich einen Sprach- und Talentwettbewerb gewonnen. Ich musste einen kleinen Vortrag auf Chinesisch halten und etwas vorführen. Ich habe natürlich eine Kung-Fu-Form gezeigt. Andere Kinder sangen, trugen ein Gedicht vor oder haben gekocht. Zum Finale durfte ich nach China reisen. Dort wurde meine Kung-Fu-Darbietung sogar im Fernsehen gezeigt. Ich war sehr stolz, als ich den Preis für die beste Vorführung bekam.

Pauline hebt ab. Im Training lernt sie viele beeindruckende Sprünge. Hier zeigt sie den »Butterfly«.

Pauline hebt ab. Im Training lernt sie viele beeindruckende Sprünge. Hier zeigt sie den »Butterfly«.

Foto:

Matthias Schmiedel / DEIN SPIEGEL

Hoooch in die Luft fliegt Paulines Bein bei der Vorführung mit dem Stock.

Hoooch in die Luft fliegt Paulines Bein bei der Vorführung mit dem Stock.

Foto: Matthias Schmiedel / DEIN SPIEGEL

Vor Wettkämpfen bin ich immer sehr aufgeregt. Sobald ich dann in der Halle bin, werde ich ruhiger. Ich gehöre zum Jugend-Nationalteam des Deutschen Wushu-Verbandes. Unter dem Begriff Wushu werden verschiedene chinesische Kampfkünste zusammengefasst.

Mit dem Nationalteam habe ich schon weite Reisen gemacht. Vergangenes Jahr habe ich an der Europameisterschaft in Schweden teilgenommen und Bronze gewonnen. Ein paar Monate später bin ich zur Jugend-Weltmeisterschaft in Brunei geflogen. Brunei liegt auf der Insel Borneo. Der Flug hat fast einen Tag gedauert. Ich hatte etwas Angst, ohne meine Eltern so weit weg zu sein. Aber wir haben die Woche über jeden Tag telefoniert. Die anderen aus meinem Team haben mir bei Heimweh geholfen und auch, wenn ich vor einem Kampf nervös war. Jeder trainiert seine Form zwar für sich allein, trotzdem tat die gegenseitige Unterstützung gut. Von Brunei habe ich leider nicht viel gesehen. Dafür habe ich beim Wettkampf Kinder und Jugendliche aus der ganzen Welt getroffen. Die meisten kamen aus asiatischen Ländern, wo Kung-Fu weiter verbreitet ist als bei uns. Einmal bin ich Fünfte geworden. Da war ich total glücklich.

In einem Jahr steht die nächste Weltmeisterschaft an. Ich wäre gern wieder dabei.

Dieses Protokoll erschien in »Dein SPIEGEL« 4/2025.

Foto: DEIN SPIEGEL

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