Zu kompliziert, zu bürokratisch, zu realitätsfern – eine Reform des Bafögs wird immer wieder diskutiert, nun potentiell schon wieder vertagt. Diesen Eindruck erweckte kürzlich zumindest Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) in einem Interview. Die F.A.Z. berichtete. Seitdem wird wieder heftig diskutiert: über Bildungsgerechtigkeit, die Frage, welche Generation der Politik gerade wohl am wichtigsten ist, und darüber, was beim Bafög falsch läuft.
Die knapp 900 Kommentare unter dem Tiktok-Video der F.A.Z. zu diesem Thema zeigen: Viele junge Leute kommen sich veräppelt vor. „Wer Bafög nicht erhöhen will, sollte erklären, wie Studierende die gestiegenen Mieten und Lebenshaltungskosten bezahlen sollen. Bildung sollte nicht vom Kontostand der Eltern abhängen“, kommentiert ein Nutzer. „Muss trotz Bafög zur Tafel gehen“, schreibt ein anderer. Aber die Kommentare zeigen auch: Viele (ältere) Menschen verstehen nicht, warum sich die jungen Leute beschweren. „Geh arbeiten“, fordern einige. „Vielleicht mal seinen Lebensstil ändern?“, schlägt ein anderer Nutzer vor. Drei junge Menschen berichten von ihrer Erfahrung mit Bafög, wie sie sich ihr Studium finanzieren und wie viel Arbeit neben ihrem Vollzeitstudium wirklich „kein Drama“ ist.

„In welcher Welt lebt sie?“
Es gab Zeiten im Studium, da war das Geld richtig knapp, erzählt Aleksandar Lubinić. „Manchmal haben mich Freunde zum Essen eingeladen, weil ich sonst nichts gegessen hätte.“ Der Achtundzwanzigjährige studiert im Master Lehramt mit den Fächern Biologie und Chemie am Karlsruher Institut für Technologie. Nach dem Abitur 2016 habe er zunächst ein Semester lang studiert, abgebrochen und dann eine Ausbildung zum Chemielaboranten absolviert. „Dann habe ich schon mal was Sicheres“, habe er sich damals gedacht. Ausziehen war durch das Ausbildungsgehalt möglich, und auch etwas Geld habe er durch die Arbeit als Chemielaborant angespart. Nur so habe er sich das Studium danach überhaupt leisten können.
Bafögberechtigt sei er theoretisch immer gewesen, erzählt Lubinić. Aber seine Eltern hätten nichts davon gehalten, staatliche Hilfe anzunehmen. „Das ist eine andere Mentalität, mit der sie im Balkan aufgewachsen sind“, sagt er. Und ohne die entsprechenden Unterlagen seiner Eltern wurden seine Anträge in den ersten Jahren seines Studiums immer abgelehnt. Probiert habe er es trotzdem. So sei er wenigstens schon mal „im Prozess“ gewesen, falls seine Eltern sich doch noch umentscheiden würden.
Glücklicherweise habe er die meiste Zeit über das Deutschlandstipendium und somit 300 Euro monatlich erhalten. „Ich weiß nicht, wie ich sonst meine Miete gezahlt hätte“, sagt er. Zusammen mit dem Kindergeld, einem Minijob, Gelegenheitsjobs und dem Ersparten habe er gerade so die monatlichen Kosten decken können: 600 Euro koste seine Einzimmerwohnung warm, 200 Euro gebe er für Verpflegung aus, 90 Euro brauche er für die Semestergebühren und Materialien pro Monat, 40 Euro für Handy und Internet. Zusammen macht das 930 Euro – ohne dass er einmal mit Freunden ausgegangen ist, ein Zugticket gekauft hat oder die kaputte Waschmaschine repariert werden musste.
Endlich Bafög: Aleksandar Lubinić hat sich lange ohne durchgeschlagen.Robin HelbigSpätestens mit 25 Jahren wurde das Geld dann richtig knapp. Seitdem bekommt er kein Kindergeld mehr und muss die Kranken- und Pflegeversicherung selbst zahlen. Diese kostet in Deutschland für Studenten zwischen 135 und 150 Euro monatlich. Noch mehr Arbeiten sei neben dem Vollzeitstudium aber nicht möglich gewesen. Und zum Teil lohnt es sich netto auch nicht: Wer im Durchschnitt mehr als 20 Stunden pro Woche arbeitet, verliert das Werkstudentenprivileg und muss wie ein normaler Arbeitnehmer versichert werden.
Seine Eltern hätten irgendwann eingesehen, dass Bafög doch notwendig sei, sagt Lubinić. Seit einem Jahr erhalte er nun endlich knapp 1000 Euro pro Monat. Ohne hätte er das Studium zumindest pausieren müssen und wieder in seinem alten Job gearbeitet. „Es kann eigentlich nicht sein, dass man so abhängig von seinen Eltern ist“, sagt er. Außerdem sei man sehr abhängig vom Wohlwollen und der Kompetenz des Personals beim Bafög-Amt. Manche geforderten Nachweise seien nur schwer oder gar nicht zu bekommen. Im Zweifel habe man dann einfach Pech.
Angesichts der Aussagen von Dorothee Bär, dass Studenten privilegiert seien und nebenher jobben könnten, habe er sich gefragt: „In welcher Welt lebt sie?“ Bei seiner Fächerkombination habe er kaum Ferien. In der vorlesungsfreien Zeit stehe er im Labor oder bereite sich auf Prüfungen vor, statt Urlaub zu machen. Bei einem Vollzeitstudium in Regelstudienzeit nebenbei 1300 Euro netto im Monat zu verdienen, sei für viele Studenten unmöglich. Die Beantragung von Bafög müsse einfacher und die steuer- und versicherungsfreien Verdienstmöglichkeiten neben dem Studium müssten erhöht werden. Die aktuelle Diskussion gehe an der Lebensrealität der Studenten vorbei, findet er.
„Ich habe mich alleingelassen gefühlt“
Wie sie ihr Studium finanzieren würde, darüber habe sie oft mit ihrer alleinerziehenden Mutter gesprochen, erzählt Hanna K. Wie so viele Studenten in Deutschland könnte sie theoretisch sehr wahrscheinlich Bafög erhalten. Dennoch hat sie es nie beantragt. Die Zwanzigjährige aus dem Rhein-Main-Gebiet hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihrem Vater in Polen, der Kontakt sei schwierig. Dass das auch bei der Studienfinanzierung zum Problem werden könnte, das sei ihr jedoch erst klar geworden, als sie mit einer Freundin vor dem Bafög-Antrag saß. Alle Angaben zu sich und ihrer Mutter habe sie ausfüllen können. Aber die ganzen vertraulichen Informationen zur finanziellen Situation ihres Vaters hatte sie einfach nicht. Und danach fragen wollte sie aus Angst vor einem Konflikt nicht.
Theoretisch könnte in so einem Fall auch das Amt die Angaben eintreiben. Aber der Stress sei es ihr nicht wert gewesen, das hätte das Verhältnis noch weiter belastet. Dazu komme, dass fremdsprachige Dokumente für die Beantragung übersetzt werden müssen. „Das kann mehrere Hundert Euro kosten“, sagt sie. Und dann sei immer noch nicht klar, ob man auch wirklich Bafög bekomme. „Ich habe mich alleingelassen gefühlt.“ Kommilitonen von ihr hätten den Antrag ganz einfach stellen können. Für sie habe es aufgrund ihrer familiären Situation keine richtig gute Lösung gegeben. Glücklicherweise verstehe sie sich mit ihrer Mutter sehr gut und dürfe während des Studiums bei ihr wohnen bleiben. Dadurch war jedoch auch klar: Für das Studium kamen nur Universitäten in Pendeldistanz in Frage. Im Wintersemester 2025 begann sie daher einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Über eine Stunde braucht sie bis zur Universität – wenn es gut läuft.
Nie beantragt: Hanna K. erhält kein Bafög.privatIm ersten Semester fuhr sie jeden Tag in die Stadt. „Das hat mich fertiggemacht“, sagt sie. Durch Verspätungen und Zugausfälle kann die Strecke auch mal zwei Stunden dauern. Da bleibt unter der Woche kaum noch Zeit zum Lernen, Jobben oder für soziale Kontakte. Auch ihre Noten hätten darunter gelitten. Im zweiten Semester legte sie sich ihre Kurse so, dass sie nur noch dreimal pro Woche nach Frankfurt musste, den Rest arbeitete sie online daheim nach. Sie habe Glück, dass das bei ihrem Studiengang relativ gut geht. Um ein bisschen „Studentenleben“ zu haben, engagiert sie sich an einem dieser Tage noch in der Fachschaft.
Ein Minijob neben dem Studium deckt die Kosten für Studienmaterialien, Repetitorien und das Alltägliche, die Miete, Verpflegung und den Semesterbeitrag zahlt ihre Mutter. Ohne die Unterstützung ihrer Mutter hätte sie vermutlich erst mal nicht studiert, sondern eine Ausbildung begonnen, schätzt sie. „Ich glaube, viele Leute sind in derselben Situation wie ich“, sagt sie. Die aktuelle Debatte empfinde sie als sehr unempathisch. „Fast alle meine Kommilitonen arbeiten nebenbei.“ Gerade bei denen, die nicht bei ihren Eltern wohnen können, sei das Geld oft trotzdem sehr knapp. Zu wissen, dass sie zuverlässig regelmäßig finanzielle Unterstützung bekommen, würde ihnen viel Stress und Angst nehmen. Sie habe sich inzwischen damit abgefunden, dass sie es ohne Bafög schaffen muss.
„Um mich herum geben alle ihr Bestes!“
Vom Bafög hat Elisabeth D. vor Beginn ihres Studiums fast nur Horrorgeschichten gehört. In den sozialen Medien berichten viele von Bürokratiechaos, strengen Sachbearbeitern und Auszahlungen, die Monate zu spät kommen. „Das hat mich eingeschüchtert“, sagt die inzwischen Einundzwanzigjährige. Ihre Eltern, die aus der Ukraine nach Deutschland kamen, wollte sie mit den komplizierten Formularen nicht belasten. „Eigentlich müsste ich da alleine mit klarkommen“, habe sie sich gedacht. Kam sie aber erstmal nicht. Ohne Hilfe schob sie die Beantragung zunächst vor sich her, versuchte erst mal, den Studienbeginn zu meistern. „Das war eine komplett neue Welt“, sagt sie.
Elisabeth D. studiert Pharmazie in Frankfurt am Main und pendelt über eine Stunde zur Universität. So kann sie noch bei ihren Eltern wohnen. Ein WG-Zimmer in der Stadt wäre zu teuer. Ihr Minijob deckt nur das Nötigste. Noch mehr zu arbeiten, schaffe sie während des Studiums nicht. Die aktuelle Diskussion um das Bafög könne sie nicht nachvollziehen. „Es heißt oft, die Gen Z ist faul, aber das stimmt nicht“, sagt sie. Wenn die Vorlesung um acht Uhr beginnt, muss sie um sechs Uhr aufstehen, ist meist erst am frühen Abend wieder daheim. In der vorlesungsfreien Zeit bereitet sie sich auf Klausuren vor oder arbeitet in unbezahlten Pflichtpraktika. „Wirklich frei habe ich vielleicht ein bis zwei Wochen pro Semester“, sagt sie.

Gerade zu Beginn hätte ihr das Studium viel abverlangt. „Ich war am Anfang total überfordert“, sagt sie. Das ständige Pendeln, all die neuen Themen und Leute, nach wenigen Wochen die ersten Klausuren mit hoher Durchfallquote – all das sorgte dafür, dass sie kaum Zeit hatte, sich über anderes Gedanken zu machen, und sehr müde gewesen sei. Allmählich fand sie sich jedoch ein und mithilfe von Kommilitonen und einem Bafögbeauftragten am Fachbereich beantragte sie zum Ende ihres ersten Semesters schließlich doch Bafög. „Ich hatte die ganze Zeit Angst, etwas falsch zu machen“, sagt sie.
Dreimal habe sie Dokumente nachreichen müssen, ein halbes Jahr nach der Beantragung dann zum ersten Mal Geld bekommen. Erst erhielt sie 534 Euro pro Monat, jetzt nur noch 354 Euro. Warum es weniger wurde, das wisse sie nicht genau. Vielleicht, weil sie einen Teil des Geldes als Puffer angelegt hat. „Ich bin immer noch verwirrt“, sagt sie. Solange sie Bafög bekomme, nehme sie es einfach dankend an. „Das ist so eine Erleichterung“, sagt sie. Semestergebühren könne sie jetzt direkt bezahlen, neue Kleidung kaufen, wenn im Labor etwas kaputtgeht.
Gerecht findet sie das System nicht. „Noch immer sind so viele Studis von Armut bedroht“, sagt sie. Wer vom Bafög abhängig ist, zittere jedes Jahr, wenn der Bewilligungszeitraum abläuft und noch unklar ist, ob und wie viel Bafög man weiterhin bekommt. „Das entscheidet, ob die essen oder nicht“, sagt sie. Und wer bei einer Prüfung durchfalle, für den verlängere sich das Studium schnell um ein Semester. Ihr Studium in Regelstudienzeit zu schaffen, sei sehr schwer. Verlängerungen über die Regelstudienzeit hinaus gibt es beim Bafög aber nur in Ausnahmefällen. Der Druck sei dadurch extrem hoch. „Man hört nur Negatives über meine Generation, aber um mich herum geben alle ihr Bestes“, sagt sie. Sie wünsche sich mehr Anerkennung dafür und mehr Unterstützung.

vor 2 Stunden
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