Debatte über Restitution: Muss geraubte Kunst wirklich zurückgegeben werden?

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In ihrem Film „Dahomey“ dokumentiert die französische Regisseurin Mati Diop die Geschichte der sechsundzwanzig Werke afrikanischer Kunst, die 1892 von Kolonialtruppen nach Paris verfrachtet und im November 2021 in das heutige Benin rücküberführt wurden. Unter den Exponaten, die man im Pariser Musée du Quai Branly in hölzerne Transportkisten verstaute, um sie auf die Reise in ihr Ursprungsland zu schicken, befand sich auch die lebensgroße Statue des Königs Gezo.

In einer eindrücklichen Szene des Films sieht man die verschlossene Kiste im Frachtraum des Flugzeugs verschwinden. Wenige Augenblicke später bedeckt ein undurchdringliches Schwarz den Bildschirm: Aus dem Inneren ihres sargähnlichen Gehäuses heraus beginnt die Statue zu sprechen. „Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Angst, von keinem mehr erkannt zu werden, und der Angst, nichts mehr wiederzuerkennen.“

Der hybride Status geraubter Kunstwerke

Was wird die Statue am Ziel ihrer Reise erwarten? Das vertraute Land der Vergangenheit oder eine nicht wiederzuerkennende Fremde? Die Figur bewegt sich zwischen zwei Welten: dem Land der Kolonisatoren, in das man sie vor über einhundert Jahren verfrachtet hat, und ihrem Heimatland, das in der langen Zeit ihrer Abwesenheit ein anderes geworden ist.

 „Les universels du Louvre“Souleymane Bachir Diagne: „Les universels du Louvre“Albin Michel

In seinem jüngsten Buch nimmt der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne die Szene aus Diops Film als Sinnbild für den hybriden Status geraubter Kunstwerke. Der Band dokumentiert fünf Vorlesungen, die Diagne Ende 2024 im Louvre auf Einladung seiner damaligen Direktorin Laurence des Cars gehalten hat. „Die Universalien des Louvre“ – der Titel verrät noch nicht, welche Auffassung von Universalismus der Autor seinen Überlegungen zugrunde legt, welche hingegen er zurückweist.

Im Laufe der Lektüre klärt sich das rasch. Als Beispiel einer universalistischen Engführung führt Diagne Hegels Geschichtsphilosophie an, die das eigene Denken zur allgemeinverbindlichen Norm erklärt und abweichende Weltbilder nur als Vorstufe oder Defizit verbucht. Im afrikanischen Süden vermochte Hegel nur die Kultur einer „geschichtslosen“ Gesellschaft zu erkennen, die noch „ganz im natürlichen Geiste befangen“ war und „an der Schwelle der Weltgeschichte“ verharrte. Mit der französischen Philosophin Barbara Cassin hält Diagne dieser Vorstellung kultureller Dominanz eine Form relationalen Denkens entgegen, das mit der Notwendigkeit des Dialogs zugleich auch die unaufhebbare Differenz der Kulturen anerkennt.

Möglichkeiten interkultureller Zusammenschau

Jede Übersetzung zwischen Kulturen, die den Gestus „hermeneutischer Gewalt“ vermeiden will, muss daher mit der produktiven Kraft des Unübersetzbaren rechnen. In diesem Sinne arbeitet Diagne gemeinsam mit Barbara Cassin und anderen Wissenschaftlern zurzeit an einem „Lexikon des Unübersetzbaren“, das religiöse Konzepte des Islams, des Judentums und des Christentums in ihrer unterschiedlichen Auslegung zueinander in Beziehung setzt.

Die Vorlesung im größten Kunstmuseum der Welt bot Diagne die Gelegenheit, seine Philosophie der produktiven Differenz am konkreten Gegenstand der Kunst darzustellen. Wenn im heutigen Louvre neben den Exponaten der europäischen Kunst und der klassischen Antike auch Werke aus Afrika, Asien, Ozeanien und den verschiedenen Teilen Amerikas versammelt sind, fordert dieses Nebeneinander dazu auf, die Möglichkeiten und Bedingungen einer solchen Zusammenschau zu studieren.

Die Universalität, von der Diagne spricht, zielt nicht auf ein sämtliche Kulturen umfassendes Wesen der Kunst, sondern ganz im Gegenteil auf einen Akt der Dezentrierung. Es sei offensichtlich, so der Autor, dass die Werke im Museum „ihre Distanzen bewahren“, da „Distanz gerade die Bedingung des Dialogs ist“. Mit dieser Überlegung liefert Diagne eine wichtige Grundlage für eine noch zu schreibende Theorie und Geschichte des vergleichenden Sehens. Sie würde nicht einfach formale Ähnlichkeiten zwischen Kunstwerken feststellen, sondern grundsätzlich danach fragen, welche Bedingungen und Vorannahmen solche Ähnlichkeit überhaupt erst produzieren oder eben auch infrage stellen.

Liegt die Identität geraubter Kunst wirklich im Herkunftsort?

Diagnes Plädoyer für die Anerkennung kultureller Differenz führt ihn beinahe zwangsläufig auch zur Frage der Restitution. Mit konkreten Handlungsanweisungen an die Museen hält der Autor sich zurück. Seine Überlegungen zum hybriden Status migrierender Werke können aber wichtige Impulse für die aktuellen Restitutionsdebatten liefern. Diagnes Denken erweist sich auch hier als Absage an jegliche identitäre Engführung. Das gilt für die Verabsolutierung westlicher Normen, aber ebenso auch für die Überzeugung, die Identität geraubter Kunstwerke sei allein am Ort ihrer historischen Herkunft zu verankern.

Diagne lässt keinen Zweifel daran, dass die geraubten Artefakte Zeugnisse kolonialer Gewalt sind. Trotzdem besitzen sie keine unveränderliche Identität, die sie vor den Einflüssen ihrer wechselnden Umgebungen abschirmen würde. Diagne sieht in ihnen „Mutanten“ und „Mediatoren“, deren Bedeutung sich erst im Wechsel zwischen den Kulturen ergibt. Das bedeute, „Identität als Pluralität und eine Sache im Werden zu verstehen“.

Diese Pluralität geht verloren, wenn man die Werke auf ihre Rolle als Opfer kolonialer Gewalt reduziert. Als Teil von Sammlungen haben sie neue Bedeutungen angenommen, die mit der Rückführung an ihren Entstehungsort nicht einfach verlöschen. Sie haben aber auch ihrerseits die Kultur, in die man sie gewaltsam überführt hat, nachhaltig verändert.

Diagne erinnert an Guillaume Apollinaire, der am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gegen die Ausstellung der geraubten Werke Afrikas im Pariser Musée du Trocadéro Partei ergriff. Statt sie dort als ethnographische Kuriosität und Zeugnis der Barbarei zu inszenieren, so der Dichter, sollten sie ihren Platz in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Kunstwerken des Louvre haben. In ihrer Gegenwart werde die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur das Besondere einer anderen Kultur erblicken, sondern zugleich auch sich selbst erneuern.

Souleymane Bachir Diagne: „Les Universels du Louvre“. Albin Michel, Paris 2025. 240 S., br., 20,– €.

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