Selten ist ein kultureller Umbruch so unauffällig gewesen wie jener, den João Gilberto mit der Veröffentlichung von „Chega de Saudade“ einleitete. Ein Mann, eine Akustikgitarre, mit einer Stimme, die so leise war, dass man fast glaubt, er habe aus Rücksicht auf die Nachbarn gesungen. Allerdings entstand daraus ein musikalisches Erdbeben, zwar von der sanften Sorte, aber immerhin eines, das von Rio De Janeiro bis Paris und weiter bis in die akustisch gedämpften Flure der deutschen Jazzseminare vibrierte.
Wie später der Welthit „Girl From Ipanema“ wurde das Lied komponiert von dem Dream-Team bestehend aus Antônio Carlos Jobim, Musik, mit einem Text von Vinícius de Moraes. Als die Version von João Gilberto 1958 bei Odeon Records erschien, dominierte in Rio De Janeiro der (oder auch: die) Samba. Laut, rhythmisch, auf den Hügeln und in den Straßen der Stadt geboren, ein kollektives Phänomen. Indessen begann in den Bars von Copacabana und den Wohnzimmern von Ipanema die Moderne an der Oberfläche zu kratzen und das Verlangen wuchs nach etwas anderem, nach einer neuen Musik, die leiser und reflektierter war, intimer.
Die Inversion des Samba-Prinzips
„Chega de Saudade“ wurde zur Antwort auf diesen Wunsch. João Gilberto entwickelte mit seiner Interpretation eine neue Gesangs- und Rhythmustechnik, die eine bis dahin unbekannte Zartheit in die brasilianische Musik einbrachte. Während im Samba die Trommeln dröhnten, ließ er in seinen Liedern Stille entstehen. Sein gehauchter Gesang war gewissermaßen die Inversion des Samba-Prinzips, bei dem das Publikum laut mitsingt. Die Musik von João Gilberto war dagegen so leise, dass man nur zuhören konnte. Oder dahinschmelzen.

Natürlich wurde diese ästhetische Bescheidenheit schnell als revolutionär erkannt, auch wenn die Revolution so unspektakulär daherkam, dass sie anfangs kaum jemand bemerkte. Erst später begriffen junge Musiker, dass Gilbertos Gitarrenspiel ein mathematisch präzises perpetuum mobile war, ein rhythmischer Fluss ohne sichtbare Anstrengung. Mit der rechten Hand erzeugte João Gilberto eine Art fließenden Kontrapunkt. Der Daumen spielte streng den Bass wie eine unsichtbare Trommel, während die Finger zugleich Synkopen und Akkorde setzten.
Ein Stück kultureller Innenarchitektur Brasiliens
Dieses Fingerspiel, die berühmte „Batida“, imitierte das Schlagwerk des Samba, aber im Minimalformat, leise und doch unaufhörlich pulsierend. Sie wurde zur Signatur einer eigenen Ästhetik und eines neuen Genres. „Chega De Saudade“ gilt als Geburtsstunde der (oder auch: des) Bossa Nova. Mit dem Lied wurde diese Musikrichtung schlagartig einem größeren Publikum bekannt. Es klang wie ein perfektes Möbelstück aus der Werkstatt moderner brasilianischer Handwerkskunst. Scheinbar schlicht, tatsächlich hochkomplex, und von einer Eleganz, die man beim ersten Hinsehen leicht unterschätzte. Dabei war „Chega de Saudade“ keineswegs nur ein ästhetisches Experiment.
Joao Gilberto (1931 bis 2019) im Alter von 77 Jahren auf der BühneAFPDas Lied war, und ist bis heute, ein Stück kultureller Innenarchitektur Brasiliens. Es mischt Melancholie mit kontrollierter Euphorie, eine sentimentale Grundierung mit jenem federnden Optimismus, der sich in Brasilien oft hinter halb geschlossenen Fensterläden abspielt. Der Text hält das Versprechen eines Neuanfangs fest, während die Stimme den Neuanfang sofort wieder relativiert. Aber gerade in dieser Spannung liegt jene unverwechselbare Magie, die später auch zahlreiche Interpreten wie Frank Sinatra, Stan Getz, Ella Fitzgerald, Caterina Valente oder Lisa Ono international anzog.
Die musikalische Vorwegnahme der Noise-Cancelling-Kopfhörer?
Interessant ist, wie unzeitgemäß das Lied heute wirkt, aber gerade dadurch unglaublich gegenwärtig. Unsere Zeit misst Wert in Lautstärke, Aufmerksamkeitsspannen und algorithmischen Belohnungsschleifen. „Chega de Saudade“ hingegen baut auf Intimität und geduldiges Zuhören. Ein Song, der sich weigert, aufdringlich zu sein, und damit zum heimlichen Sieger in einer Welt wird, die ständig um unsere Ohren buhlt. Vielleicht, so könnte man meinen, ist dieses Lied die musikalische Vorwegnahme der Noise-Cancelling-Kopfhörer, eine ästhetische Abschottung vom Übermaß, lange bevor ein kalifornisches Unternehmen sie als Produktformel entdeckte.
Apropos Übermaß: In keinem anderen Werk der brasilianischen Musik hat die Stille so viel zu sagen. Gilberto nutzt sie weniger als Pause, sondern als Argument. Seine Stimme scheint gerade deshalb so überzeugend, weil sie in jede Leerstelle ein winziges Fragezeichen setzt. Was bedeutet Sehnsucht? Was heißt es, sie hinter sich zu lassen? Und warum klingt jemand, der behauptet, der Saudade abgeschworen zu haben, immer noch, als sei sie eine hartnäckige Untermieterin im Herzen? Dass das Stück weltweit Faszination auslöste, lag auch an seiner Unübersetzbarkeit. Man kann die Saudade erklären, umschreiben, paraphrasieren, doch unterm Strich bleibt dieses Wort ein emotionaler Solitär, ein Schatten, der nur in der portugiesischen Sprache seine exakte Kontur hat.
Auch die Jazz-Avantgarde erkannte das Potenzial
Natürlich wusste Gilberto das und machte aus der Saudade eine tonale Geste, weit über ein sprachliches Konzept hinaus. Das Lied lebt davon, dass man es zwar rational versteht, aber emotional nicht vollständig fassen kann. Auch die Kritiker in Europa verfielen umgehend dieser Mischung. Selbst das Tonarchiv der BBC, berühmt für seine nüchterne Sortierlogik, führte „Chega de Saudade“ plötzlich unter jener Kategorie ein, in der es später auch Fado, Tango und andere musikalische Formen mit melancholischer Überdosierung ansiedelte.
In Deutschland wiederum war es die Jazz-Avantgarde, die früh erkannte, dass hier ein völlig neues Genre entstand. Sein leiser, unangestrengte Klang passte hervorragend in die Hörsäle jener Institute, in denen man gern in Kategorien denkt, aber heimlich doch einer gewissen poetischen Unschärfe verfällt. Dass heute noch Musikstudenten in Proberäumen versuchen, Gilbertos Anschlag zu imitieren, und grandios scheitern, gehört zum Bildungsritual wie die Lektüre von Adorno, aus der man übrigens gelegentlich ähnlich schwer klug wird wie aus mancher Liedzeile der Bossa Nova.
Was bleibt also von „Chega de Saudade“ heute? Zunächst einmal die Erkenntnis, dass eine kulturelle Verschiebung nicht laut sein muss, um dauerhaft zu bleiben. Dann die Einsicht, dass sich wahre Eleganz nie aufdrängt. Und schließlich die beruhigende Tatsache, daß in einer Zeit, in der Musik zum skipbaren, nebenbei konsumierten Produkt verzwergt wird, „Chega de Saudade“ ein radikaler Gegenentwurf bleibt. Es ist ein Lied, das verlangt, dass man es in Ruhe hört, und das im Gegenzug Ruhe schenkt. Es bleibt ein Song, der „Genug!“ ruft, aber nicht loslassen will. Man lässt sich gerne von ihm festhalten.
Pá, paiá-paiá-paiá-paiá, pá, pá
Paiá-paiá-paiá-paiá, pá, pá
Pá-padá, pá-padá
Pá-pá-paiá, padá Vai, minha tristeza
E diz a ela que sem ela não pode ser
Diz-lhe numa prece que ela regresse
Porque eu não posso mais sofrer Chega de saudade
A realidade é que sem ela não há paz
Não há beleza, é só tristeza
E a melancolia que não sai de mim
Não sai de mim, não sai Mas se ela voltar
Que coisa linda, que coisa louca
Pois há menos peixinhos a nadar no mar
Do que os beijinhos que eu darei na sua boca Dentro dos meus braços
Os abraços hão de ser milhões de abraços
Apertado assim, colado assim, calado assim
Abraços e beijinhos e carinhos sem ter fim Que é pra acabar com esse negócio
De você viver sem mim Para, pa-deia, pa-deia
Para, pa-peia, pa-para, pa
Para, pa-peia, pa-para, pa
Para, pa-peia Não há paz
Não há beleza, é só tristeza
E a melancolia que não sai de mim
Não sai de mim, não sai Do, do, do, do, do
Eia, ah-ah, ah-ah
Para-pa-pa, ah, ah Dentro dos meus braços
Os abraços hão de ser milhões de abraços
Apertado assim, colado assim, calado assim
Abraços e beijinhos e carinhos sem ter fim Que é pra acabar com esse negócio
De você viver sem mim Não quero mais esse negócio
De você longe de mim
Vamos deixar desse negócio
De você viver sem mim

vor 2 Tage
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