Clemens Meyer in Heidelberg: Das Feuer unter den Bud-Spencer-Bohnen

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Der Gegensatz zwischen dem Totalitätsanspruch des alten Epos und dem Totalitätsverlust des modernen Romans, wie Walter Benjamin ihn 1936 in seinem viel diskutierten „Erzähler“-Essay beschrieben hat, lässt sich in der Gegenwart wohl kaum besser veranschaulichen als mit einem Auftritt des Schriftstellers Clemens Meyer bei seiner Heidelberger Poetikdozentur.

Meyer tritt einerseits mit dem Gestus eines verzettelten Altgelehrten auf: Er trägt seit Längerem schon einen Nietzsche-Schnurrbart, und er kündigt auf umständlich-belustigende Weise vor jeder Vorlesung nummerierte Ausführungen an, deren Reihenfolge er dann aber nicht einhalten wird, oder sagt beiläufig, einige kurze Nachbemerkungen zum vorausgehenden Auftritt seien noch nötig, die dann im Grunde eine eigene Vorlesung ergeben.

In jeder Sekunde als ganzer Mensch vor den Leuten stehen

Das Abweichen vom (scheinbar?) ausgearbeiteten Manuskript, das Sich-ins-Wort-Fallen, etwa um Exkurse über die Hausheiligen unter seinen Schriftstellervorbildern oder kleine Wutausbrüche über die Verkommenheit der Literaturkritik einzustreuen, hat etwas Komödiantisches; wegen Meyers sächsischem Dialekt und der zerstreuten Art könnte man sich manchmal auch an den Fernsehkomiker Olaf Schubert erinnert fühlen. Aber dennoch sind Meyers Vorlesungen in einer Hinsicht ganz ernst: Es geht ihm offenbar darum, in jeder Sekunde als „ganzer Mensch“ vor den Leuten zu stehen und ihnen seinen gesamten literarischen Kanon und dessen Resonanzraum vorzustellen, in dem einige Namen besonders häufig widerhallen, darunter Karl May, Alfred Döblin, Arno Schmidt, Brigitte Reimann, einige Russen und Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts und außerdem der 1942 im damaligen Ostpreußen geborene Gert Neumann, der auch als Entdecker Wolfgang Hilbigs gilt.

Der Gelehrtengestus steht im Gegensatz zu Meyers früherer Paraderolle als Poltergeist des Literaturbetriebs (gelegentliche Rückfälle in diese sind freilich nicht ausgeschlossen). Seit er 2006 mit dem Adoleszenzroman „Als wir träumten“ über die Wendezeit in Leipzig die literarische Bildfläche betrat und 2013 mit dem Mammutwerk „Im Stein“, das als „vielstimmiger Gesang der Nacht“ zwischen Engeln und Prostituierten ausgewiesen wird, eine neue Form des Großstadt- und Montageromans fand, seither also hat Clemens Meyer sich schon viel gestritten, sich sogar geprügelt, ist immer wieder angeeckt und hat auch das, wie es scheint, genossen.

Wer hat Angst vor Clemens Meyer?

In Heidelberg, wo er vor fast zwanzig Jahren schon mit dem Brentano-Preis ausgezeichnet wurde, beschwört er mehrmals, dass Streit zum Betrieb gehöre und es heute viel zu viel Konsens gebe, außerdem würden heute in Rezensionen viele offensichtlich minderwertige Werke „durchgewunken“ und weggelobt. Er zitiert sogar einige Sätze aus solchen Werken, ohne Namen zu nennen, und erregt sich dann: Wenn das gut sein solle, wenn es auf Stil so wenig ankomme, dann sei ja auch bald alles egal! Aber Meyer ist eben gar nichts egal, sondern er wühlt sich in alles hinein, kann nicht loslassen, wenn er bisweilen vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt und in seinen Digressionen Unterunterpunkte macht.

Der Heidelberger Professor Tobias Bulang, eigentlich zu Hause in der Mediävistik, aber in diesem Jahr auch Organisator der Poetikdozentur, hat in seiner Einführung gefragt: „Wer hat Angst vor Clemens Meyer?“ – und daran erinnert, dass „aufgrund von Meyers Tätowierungen, seines Gefängnisaufenthalts, seiner obsessiven Vorlieben für riskante Glücksspiele und Pferdewetten, seiner Drogenkarriere, seiner zeitweise prekären Lohnarbeitsbiographie und eines legendären Wutausbruchs bei der Verleihung des Buchpreises“ sich viele Menschen in der Causa Meyer sehr kompetent fühlten, „ohne auch nur eine einzige Zeile von ihm gelesen zu haben“.

Ernst Thälmann als ostdeutscher Old Shatterhand

An dem Begriff der Drogenkarriere stört sich Meyer so, dass er empört dazwischenruft, er habe mit harten Drogen nie zu tun gehabt, aber Freunde durch sie verloren. Was Meyers Werk angeht, zeigt Bulang sich beeindruckt vom jüngsten Roman „Die Projektoren“ (2024), in dem er Leipzig mit der Gebirgslandschaft der Winnetou-Filme überblendet sieht und den Arbeiterführer Ernst Thälmann inszeniert als „ostdeutschen Old Shatterhand“. Bulang sieht in diesem umfangreichen Roman Meyers über die Gewaltgeschichte Europas eine „empathische erzählerische Anverwandlung des Leidens, dem die Opfer der geschichtlichen Mächte ausgesetzt sind“.

Meyers eigene Vorträge werden dann, abgesehen von den für seine Leser erhellenden Offenbarungen der vielfältigen Einflüsse auf sein Werk, die vor allem aus der klassischen Moderne kommen und bis zur Cut-up-Technik von William S. Burroughs reichen, besonders interessant, weil auch diese Vorträge selbst in Cut-up-Manier gestaltet sind. Und auch Züge von dadaistischer Bewusstseinsstromliteratur haben. Der erste davon springt wild zwischen Bibelversen, Erinnerungen an kindliche Flatulenz und Literaturwissenschaft hin und her, zwischen Thunfisch und „Moby-Dick“. Im zweiten gibt es eine längere eingeschobene Passage, in der Meyer davon berichtet, wie ihn Anna Seghers’ KZ-Roman „Das siebte Kreuz“ bei der Erstlektüre umgehauen habe. So begeistert, wie er dann jeweils von solchen Erfahrungen berichtet, denkt man jedes Mal: Das muss ich auch sofort wieder (oder neu) lesen. Und: Wenn man einer Krise des Lesens begegnen will, dann mit solcher Art der ansteckenden Begeisterung.

Im dritten Vortrag gibt Meyer interessante Einblicke in seine Arbeitsweise: Er habe weder in Leipzig noch auf der Datsche in Sachsen-Anhalt, in die er sich oft zurückziehe, Internet, und zwar bewusst nicht – sondern verlasse sich auf Nachschlagewerke und seine Literaturbibliothek.

Auch die ausgestellte Kauzigkeit ist vielleicht eine Rolle, aber es macht Spaß, Meyer darin aufgehen zu sehen. Und dass sich sein Bühnenhabitus beim abendlichen Ausklang nach dem letzten Vortrag im Grunde nahtlos fortsetzt, spricht für die Getriebenheit eines Autors, der „literarisches Leben“ wirklich verkörpert, noch in jedem assoziativen Gespräch. Als eines davon sich von den „Projektoren“ über Karl May zu den Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill bewegt und insbesondere zu der Art und Weise, wie in diesen Filmen Bohnen in der Pfanne schmurgeln und gegessen werden, gerät Meyer fast in einen Rausch bei der theatralischen Nacherzählung. Und kommt dann noch darauf, wie er in einem Geschäft vor Kurzem explizit so beschriftete „Bud-Spencer-Bohnen“ entdeckt habe. Viel zu teuer natürlich, aber er habe sie trotzdem gekauft und dann gleich kalt verspeist, herrlich. Um ein zum T-Shirt-Spruch geronnenes Zitat Friedrich Nietzsches etwas abzuwandeln: Man muss noch Feuer in sich haben, um die Bud-Spencer-Bohnen zum Tanzen zu bringen. Clemens Meyer hat es in sich.

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