ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage

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Wer das NEINhorn einmal gesehen hat, wird es immer wiedererkennen: Vor sieben Jahren hat das Geschöpf der Illustratorin Astrid Henn zu Reimen von Marc-Uwe Kling seinen ersten Bilderbuchauftritt im Carlsen-Verlag gehabt. Inzwischen funkelt das weiße Wesen mit dem hellblauen Hörnchen und der Regenbogenmähne aus seinen dunkel umrandeten Kulleraugen seine Leser so durchdringend wie grimmig von den Umschlägen der Folgebände, dazu von zwei Mitmach-, einem Pop-up-, einem Pixi-Buch und einem Kartenspiel entgegen, es hat sich in akuter Trotzphase mit dem Geburtstag der KönigsDOCHter arrangieren müssen und mit der SchLANGEWEILE. In der Stadt allerdings war es noch nie. Jedenfalls in keiner Geschichte von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn.

Wohl aber in einer, die diesen Geschichten zum Verwechseln ähnlich sieht. Der Carlsen-Verlag hat festgestellt, dass schon „einfachste Eingaben in ChatGPT“ genügen, damit die Künstliche Intelligenz das Fabelwesen in die Stadt schickt und weitere Geschichten vom NEINhorn ausspuckt, „die in den wesentlichen kreativen Elementen dem urheberrechtlich geschützten Werk von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn gleichen“, ja, die sich „vom Original NEINhorn kaum unterscheiden“ lassen. ChatGPT mache „eigeninitiativ Vorschläge für weitere rechtsverletzende Texte und Illustrationen zum NEINhorn, welche ohne jede Erwähnung auch die weiteren Charaktere und Handlungsorte aufnehmen“, und biete zudem „ganze Druckvorlagen für illustrierte Geschichten, samt Umschlaggestaltung, Impressum, einer gefakten ISBN und Verlagslogo an“.

Sechs Zeilen Anweisung, anderthalb Minuten Warten

Am Mittwoch hat der Verlag deshalb vor dem Landgericht München I Klage gegen die Open AI Ireland Ltd. eingereicht, die ChatGPT in Europa anbietet. Den Kern fasst Christian Schumacher-Gebler, CEO der deutschen Bonnier-Gruppe, zu der Carlsen gehört, so zusammen: Der Verlag fordere „mit dieser Klage Open AI auf, eine unlizenzierte Nutzung geschützter Werke zu unterlassen, mögliche Missstände offenzulegen und die volle Verantwortung für das zu übernehmen, was gesetzeswidrig erfolgt ist, insbesondere den bereits entstandenen Schaden zu ersetzen“. Zur Höhe des bereits entstandenen Schadens wollte sich der Verlag auf Nachfrage der F.A.Z. „im laufenden Verfahren“ nicht äußern.

Carlsen behält sich „die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44 UrhG ausdrücklich vor“ – so steht es in jedem Buch jüngeren Datums. Dennoch ist ChatGPT mit der Gestalt des NEINhorns, mit anderen Figuren der Bücher und den Handlungsorten ausreichend vertraut, um weitere Geschichten auswerfen zu können. Im redaktionellen Versuch mit einer gerade einmal sechszeiligen Anweisung braucht der Chatbot keine anderthalb Minuten, um sieben farbige Seiten über die Erlebnisse des Fabelwesens auf einem Bauernhof anzubieten – eine „druckbare Bilderbuch-Mockup-Vorlage als PDF“, angelegt als „eigene, humorvolle Hommage mit ähnlicher Bilderbuch-Dramaturgie“ wie das Original, wobei ChatGPT zugleich einräumt: „Eine exakte Fortsetzung im unverwechselbaren Stil von Marc-Uwe Kling/Astrid Henn kann ich nicht erstellen.“

Neuerdings nur für den persönlichen Gebrauch

Eine fadenscheinige Schutzbehauptung, die den Eindruck nicht entkräften kann, dass ChatGPT sich – bei allen Schwächen seines gefälschten Produkts – die Charakteristika des Originals zu eigen gemacht hat. Astrid Henn sieht es so: „Die unerlaubte Verwendung meiner Illustrationen, oft Ergebnis monatelanger Arbeit, für das Training einer KI, mit dem Ziel, dass die KI meine Arbeit, also mein Eigentum, für jedermann nutzbar macht, ist für mich Diebstahl.“ Marc-Uwe Kling wird grundsätzlich: „Jedem, der sich illegal auch nur einen einzigen Film, ein Buch oder ein Hörbuch runterlädt, droht eine empfindliche Strafe. Aber Open AI klaut einfach alle Kunst und Kultur der ganzen Welt und glaubt, damit durchzukommen?“

In der Druckvorlage, die sich der Carlsen-Verlag von ChatGPT hat erstellen lassen, findet sich nach dessen Angaben ein Impressum, in dem bei „Text“ Marc-Uwe Kling, bei „Illustrationen“ Astrid Henn und bei „Copyright“ die Carlsen Verlag GmbH genannt werden. In unserem später erfolgten Versuch werden im Impressum Text und Gestaltung Open AI zugeordnet und die Illustrationen als „KI-generiert“ ausgewiesen. Die Druckvorlage „ist keine offizielle Fortsetzung von ‚Das NEINhorn‘ und steht in keiner Verbindung zum Carlsen Verlag, Marc-Uwe Kling oder Astrid Henn“. Das Copyright wird Open AI zugewiesen, das Unternehmen will sich „alle Rechte an dieser neu erstellten Vorlage vorbehalten“. Das Impressum endet mit einem Hinweis zur privaten Nutzung: „Die Vorlage darf für den persönlichen Gebrauch ausgedruckt und als selbstgebasteltes Bilderbuch verwendet werden.“ ChatGPT lernt schnell. Übersieht allerdings, dass aller behaupteten Verbindungslosigkeit zum Trotz die Namen des Verlags, des Autors und der Illustratorin auf dem KI-generierten Cover prangen.

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