Die Geschichte wirkt wie eine Erfindung für einen Hollywood-Thriller. Sie handelt von einem Bösewicht, von Helden, die sie ihm entgegenstellten, und einem Kunstraub industriellen Ausmaßes. In seinem Sachbuch „The Man Who Stole The Gods“, das kürzlich auf Englisch erschienen ist (Penguin, 432 Seiten), zeichnet der kanadische Wirtschaftsjournalist Matthew Campbell akribisch nach, wie das hinduistisch-buddhistisch geprägte und während des Kalten Krieges heillos zwischen die Fronten geratene Land Kambodscha zum Opfer eines in der internationalen Kunstwelt bestens vernetzten Kriminellen werden konnte – und wie das von ihm begangene Unrecht durch Rückgaben von Diebesgut inzwischen zumindest teilweise wieder gutgemacht wurde.
Auch Bronzen waren Teil der Rückgabe: Die kambodschanische Kulturministerin Phoeurng Sackona nimmt sie in Augenschein.EPAAlles begann damit, dass der 1932 im damaligen Bombay geborene britisch-thailändische Staatsbürger Douglas Latchford Mitte der Fünfzigerjahre zufällig in Bangkok hängenblieb. Der blendend aussehende, aber nur über eine dürftige Bildung verfügende Vertreter von Kosmetik- und Pharmaprodukten bewegte sich in der zwielichtigen Szene von Bodybuildern, Aristokraten und Geheimagenten der thailändischen Hauptstadt. Schon bald erweiterte er sein Geschäft – mit südostasiatischen Antiquitäten. Es war der Beginn von Verwicklungen in den illegalen Kunsthandel, für die er nie juristsich zur Rechenschaft gezogen werden sollte: Latchford starb 2020, ein Jahr nachdem er in New York wegen Handels mit gestohlenen Kunstwerken angeklagt worden war.
Dunkle Praktiken des Kunstmarkts
Als seine Gegenspieler stellt Campbell die ehrgeizige New Yorker Staatsanwältin Jessica Feinstein und den in Kambodscha lebenden amerikanischen Anwalt Bradley Gordon vor, welcher handfeste Beweise für Latchords Diebstähle lieferte. Der Kunsthändler selbst schrieb auch Bücher über die Kunst der Khmer und beteuerte stets seine Unschuld. In Interviews sagte er, die meisten der von ihm gehandelten Skulpturen seien von Bauern gefunden worden und er habe Artefakte vor weiterer Zerstörung gerettet.
Weit interessanter noch als die abenteuerliche Beschaffung vor Ort, wohl mit Spitzhacke, Dynamit und Ochsenkarren, sind die Einsichten, die das Buch in dunkle Praktiken des Kunstmarkts eröffnet. Denn Latchford war keine singuläre Figur, und das nicht nur, weil er, wie Campbell schreibt, ohne ein engmaschiges Netzwerk aus willigen Komplizen und oftmals die Augen verschließenden Kunden kommerziell niemals so erfolgreich geworden wäre. Die „Pandora Papers“ zeigten, dass er Treuhandgesellschaften und Offshore-Steueroasen nutzte, um sein Vermögen einschließlich Khmer-Antiquitäten an seine Tochter zu übertragen. In Latchfords Umfeld bewegten sich zahlreiche Akteure, deren illegale Machenschaften bisher nicht durchleuchtet wurden und von denen verkaufte Raubkunst bis heute in bedeutenden Sammlungen stehen dürfte.
Im Jahr 2009, als der Kunsthändler noch geachtet war: Douglas Latchford (rechts) mit dem damaligen stellvertretenden Premierninister Kambodschas, Sok AnAFPWährend Kambodscha in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Kriegen, einem Genozid und Hunger heimgesucht wurde, durchkämmten Campbells Nachforschungen zufolge Latchfords Handlanger in seinem Auftrag verlassene archäologische Stätten wie die Tempel von Angkor Wat oder die antike Stadt Koh Ker nach Skulpturen aus dem 9. bis 15. Jahrhundert. Von den gefundenen Objekten aufgenommene Fotos ließ Latchford – auch mithilfe führender Londoner und New Yorker Kunsthändler – bei potentiellen Käufern zirkulieren. Hatten Objekte Interessenten gefunden, sollen sie gezielt aus den Tempeln gestohlen und mit Unterstützung korrupter Beamter über Thailand ins westliche Ausland geschafft worden sein.
Erst schenken, dann handeln
Schon früh knüpfte Latchford Kontakte zum Metropolitan Museum of Art in New York, dem er zunächst mehrere Werke schenkte. Nachdem die Verantwortlichen in der bedeutenden Kulturinstitution Vertrauen zu ihm gefasst hatten, wurde das Museum, unterstützt von reichen Mäzenen, einer von Latchfords wichtigsten Kunden. Campbells Buch beleuchtet auch die in den vergangenen Jahrzehnten immer enger gewordene Verflechtung zwischen dem Finanz- und dem Kunstmarkt. Dabei geht er bis in die frühen Fünfzigerjahre zurück, als die Preise für europäische Kunst, angetrieben vom Wirtschaftsboom der Nachkriegsära, innerhalb weniger Jahre um das Zwanzigfache in die Höhe schnellten.
Fragen nach der Herkunft eines Werks spielten lange Zeit kaum eine Rolle. Das traf auch auf Khmer-Skulpturen zu. Sotheby’s brachte Campbells Recherchen zufolge zwischen 1988 und 2011 rund 400 Objekte der Khmer auf den Markt, davon zwei Drittel mit unklarer Provenienz. Doch sollte eine vom selben Auktionshaus im März 2011 in New York angebotene und kurz vor der Versteigerung zurückgezogene mannshohe Steinskulptur Latchford zum Verhängnis werden: Die Figur eines Kriegers war, wie sich herausstellte, 1972 in Koh Ker gestohlen worden. Sotheby’s führte an, in „gutem Glauben“ gehandelt zu haben. Nach zweijährigem Rechtsstreit wurde die Skulptur an Kambodscha zurückgegeben und kann heute im Nationalmuseum der Hauptstadt Phnom Penh bewundert werden.
Inzwischen haben das Metropolitan Museum of Art, das Denver Art Museum und die National Gallery of Australia, Privatsammler und selbst Latchfords Tochter sowie der Nachlass insgesamt rund 300 mit dem Namen des Kunsthändlers verbundene Objekte an Kambodscha zurückgegeben. Verkauft hat Latchford mutmaßlich weit mehr. Diese Objekte könnten trotz verschärfter Überwachung weiterhin Kollektionen zieren und für gute Umsätze auf dem Schwarzmarkt sorgen.

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