Giacomo Bosio (1544 bis 1627) hätte dieses Werk sicherlich gerne zur Hand gehabt, als er seine Geschichte des Malteserordens schrieb. Doch die knapp vier Jahrzehnte zuvor verfassten „Epitome“ des Petrus Reviglius zum selben Thema hatten in der Bibliothek seines Bruders Giovan’Ottho gestanden, und die war auf Befehl Papst Gregors XIII. im Zuge eines Mordfalls aufgelöst worden, in den die Brüder Bosio verwickelt waren.
Nach Jahrhunderten wieder aufgetaucht
Der Advokat Reviglius, Prokurator des Ordens in Rom und Lehrer junger Männer, die ihm beitreten wollten, verfasste seine „Epitome“ 1551. Ihre historische Bedeutung liegt in den beigefügten Zusammenfassungen 49 in der Mehrzahl unveröffentlichter, den Orden betreffender päpstlicher Bullen. Ein Schreiber namens Andreas Ortolanus brachte das Ganze auf Latein in sauberer Antiqua-Kursive zu Pergament. Im Katalog zur Auktion wertvoller Schriften am 5. Mai vermerkt Hartung & Hartung, das Manuskript sei in „uninteressierte Hände“ gelangt, der Wissenschaft deshalb viereinhalb Jahrhunderte entzogen gewesen und erst jetzt wieder aufgetaucht. Die Schätzung lautet auf 30.000 Euro.
Soll 30.000 Euro erlösen: „Epitome“ des Reviglius, 1551Hartung & HartungAls kompletter, breitrandiger Prachtdruck von 1480 ziert eine lateinische Anton-Koberger-Bibel die Inkunabelabteilung. Ihre schöne gotische Type benutzte der Nürnberger Drucker und Verleger nur für seine Bibeln, und mit dem Initialschmuck scheint er statt einheimischer Künstler jemanden aus dem böhmisch-österreichischen Raum beauftragt zu haben (Taxe 30.000 Euro). Ein weiterer „Klassiker“ unter den Alten Drucken steht mit Hartmann Schedels „Buch der Chroniken und Geschichten“ in erster deutscher Ausgabe von 1493 bereit, berühmt für ihre 1800 Holzschnitte von Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff (32.000).
Dem Exemplar der dritten Auflage (1556) von Sigmund von Herbersteins russischer Chronik „Rervm Moscoviticarum commentarij“ fehlen zwar drei Holzschnitte, aber für den Text gilt, was Friedrich von Adelung, auch er ein ausgewiesener Russlandkenner, dem Werk 1818 attestierte: Es sei „nicht nur für das Ausland, sondern für Russland selbst, die wichtigste und reichste Quelle zur Kenntnis seiner alten Verfassung, Lebensart, Gebräuche“ gewesen (3000).
Das lebendige und das geschriebene Buch
Ein Multitalent, dieser Raymund von Sabunde: Der Spanier praktizierte in Toulouse als Arzt, lehrte dort auch als Professor an der Universität Theologie und Philosophie und schrieb Bücher. Sein Hauptwerk, „Theologia naturalis“ von 1485, versucht „Natur und Bibel, das ‚lebendige‘ und das ‚geschriebene‘ Buch der göttlichen Offenbarung in Einklang zu bringen“ (12.000).
Taxe 12.000 Euro: Martin Walsers Prosatext „Excelsior“ als AutographHartung & HartungAntiquare begegnen immer wieder mal Kunden, denen vor allem an meterweise alten Buchrücken in ihren Regalen gelegen ist. Ihnen dürfte Meyers großes „Conversations-Lexicon“ in 60 Bänden von 1840 bis 1855 gefallen. Es könnte ein Schnäppchen werden, denn Hartung schlug die Reihe 2010 schon einmal zu, damals für 8000 Euro. Jetzt sind 2800 Euro angesetzt.
Gegen Ende kommt nochmals Handschriftliches aufs Auktionspult: Martin Walser schrieb den kaum bekannten Prosatext „Excelsior. Eine Ergänzung“ um 2002 auf die Rückseiten von Korrekturbögen seines Schlüsselromans „Tod eines Kritikers“. In dessen Zentrum steht eine Figur, die nach dem Vorbild des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki gestaltet wurde. Das Buch löste – wenige Jahre nach der umstrittenen Paulskirchenrede Walsers – eine weitere Debatte um den Schriftsteller aus, dem vorgeworfen wurde, antisemitische Stereotype zu bedienen. Weil er einen neuen Skandal fürchtete, riet der Suhrkamp-Verlag Walser davon ab, den „Excelsior“-Text zu veröffentlichen, über den der Literaturprofessor Helmuth Kiesel 2025 in der F.A.Z. schrieb, es sei „eine Erzählung gegen die moralische Korrektheit“ (12.000)“.

vor 5 Stunden
1









English (US) ·