Mein Lieber, azizam, heute wurde meinem Visumantrag für die Türkei endlich stattgegeben. Vorerst haben sie mir allerdings statt eines Jahres nur sechs Monate Aufenthalt genehmigt. Du hast erzählt, dass deine Familie vor 41 Jahren kein sechsmonatiges Visum für die Türkei bekommen konnte. Du meintest, ich hätte irgendwie Glück gehabt. Denn: „Einmal Iraner, immer Iraner.“
Als ich das Visum in den Händen hielt, hatte ich das Gefühl, als wäre eine schwere Last von meinen Schultern gefallen. Ich bin der Freiheit von Grenzen einen Schritt näher gekommen. Und sobald ich meine Aufenthaltskarte bekomme, bin ich nicht mehr nur eine unsichtbare Reisende, die vor der Tristesse und dem Chaos Teherans geflohen ist. Ich bin dann eine Reisende, die sich hier ein vorübergehendes Zuhause und einen eigenen Weg geschaffen hat. O., mein türkischer Freund, hat mir bei diesem Visum sehr geholfen.
Nona und ihre Katze MiMehrdad ZaeriIch sagte ihm: Als ich am kalten, dunklen Morgen des 13. Dezember 2024 zum ersten Mal den Hof betrat, hätte ich nie gedacht, welche Geschichten danach beginnen würden. Dass ich bleiben würde. Dass ich mir ein vorübergehendes Zuhause aufbauen und einen Weg in die Freiheit finden würde. O., der Besitzer des Hofes, ist 65 Jahre alt. Und doch wirkt er wie ein Teenager, der den ganzen Tag spielt. Das Leben, das er sich aufgebaut hat, besteht aus unzähligen kleinen und großen Aufgaben – und aus einem nie endenden Spiel. Abends gehen wir vor dem Schlafengehen gemeinsam über die Felder des Hofes spazieren. Die Hunde kommen jedes Mal mit und freuen sich auf dieses tägliche Ritual.
Für jeden Abschnitt unseres Weges hat O. einen eigenen militärischen Marsch erfunden. Auf Türkisch ruft er dann: „Jeder Türke ist ein Soldat seines Vaterlandes!“, und aus einem einfachen Spaziergang wird ein Spiel voller Gelächter und Scherze. Als ich zum ersten Mal hierherkam, trug ich eine große Traurigkeit aus Teheran in mir und war tief deprimiert. Am liebsten wäre ich jeden Tag schweigend in meinem Zimmer geblieben.
O. sagte damals zu mir: „Glück ist nichts, das irgendwo in der Zukunft auf dich wartet oder irgendwann zur richtigen Zeit kommt. Entweder du findest es genau jetzt – mitten in all deinen Niederlagen und deiner Traurigkeit –, oder du wirst es niemals finden.“ In diesen Monaten habe ich verstanden, was er meinte. Nicht durch seine Worte, sondern durch die Art, wie er lebt. Und ich habe das Gefühl, dass es bei dir genauso ist. Das Gefühl von Glück brennt in deinem Herzen immer weiter. Selbst dann, wenn du traurig bist oder weinst.
Eine Rückkehr nach Teheran zu vertrauten Orten, Menschen und Tieren
Im Moment ist der Hof voller Zikadengesänge. Die Sonne brennt heiß, und das Wasser des Meeres ist etwas wärmer geworden. Das Leben fließt hier mit einer Unaufhaltsamkeit, die mich immer wieder erstaunt. Je genauer man hinsieht, desto mehr Leben entdeckt man. Je weiter man den Blick werden lässt, desto mehr Ruhe und Stille scheint die Natur auszustrahlen. Seit einigen Tagen bin ich von den Aufgaben auf dem Hof müde geworden. Ich habe das Gefühl, dass überall halbfertige Arbeiten liegen. Gerade ihre Unvollendetheit erschöpft mich. Und ihre Natur ist so, dass sie niemals wirklich abgeschlossen sein werden. Die Arbeit auf einem Hof endet nie. Sie ist wie die Wellen des Meeres, die niemals ankommen, sondern nur vor- und zurückgehen. Wie das Atmen, das weder einen wirklichen Anfang noch ein Ende hat.
Deshalb habe ich beschlossen, für ein paar Tage in eine kleine Stadt ganz in der Nähe zu fahren und allein zu sein. Einsamkeit und Abstand sind gerade das, was ich am meisten brauche. Danach werde ich wieder nach Teheran zurückkehren. Ich vermisse meine Katze Mi, meine Mitbewohnerin Sch. und meine Stadt. Ich vermisse den Geruch meines Bettes und den ganz eigenen Geruch von Mis Fell. Im Vergleich zu dem kleinen Hofkätzchen ist Mi eine ruhige Katze mit einem ganz eigenen Charakter. Das Hofkätzchen ist das lebhafteste Tier, das wir hier haben. Gerade jetzt läuft es um mich herum, schnurrt und möchte, dass ich mit dem Schreiben aufhöre und mich nur noch mit ihm beschäftige. Mi dagegen weiß, dass ich sie liebe. Sie verlangt nie nach Aufmerksamkeit. Stattdessen wartet sie geduldig, bis ich von selbst zu ihr komme.
Wenn ich nach Teheran zurückkehre, werde ich den Mietvertrag für meine Wohnung um ein weiteres Jahr verlängern. Sch. macht es traurig, dass sie immer noch keine Arbeit gefunden hat und deshalb nichts zur Miete beitragen kann. Ich sage ihr: „Allein dass du auf Mi aufpasst, ist der größte Beitrag.“ Ab morgen muss ich mein neues Zuhause vorbereiten – die Zimmer im oberen Stockwerk hier auf dem Hof. Und nun beschäftigt mich eine große Frage: Hat Mi, genau wie ich, den Wunsch aufzubrechen? Oder möchte sie lieber in unserer Wohnung in Teheran bleiben – an dem Ort, an dessen kleinste Winkel sie sich in sieben Jahren gewöhnt hat – und dort jenes Leben weiterführen, das wie die Wellen des Meeres ist, wie das Atmen: ohne Anfang und ohne Ende?
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

vor 1 Stunde
1











English (US) ·