Bodo Kirchhoffs neuer Roman: Implosion einer Ehe

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Das Beste am neuen Roman von Bodo Kirchhoff ist der flirrende Titel. „Nah­aufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ suggeriert die ambivalente Geschichte einer Trennung. Ein Beziehungskonflikt, der naturgemäß viele Lesende interessiert. Normalerweise kennt man Kirchhoff als eloquenten Erzähler, als Spezialisten der differenzierten Darstellung dessen, was den Menschen im Innersten antreibt, zuletzt mit dem fast vierhundertseitigen Roman „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“ (2024).

Genau zwei Jahre später legt er nun gar einen 570 Seiten starken Roman über die Entfremdung eines langjährigen Paares im Zeitlupentempo vor. Ein Buch, das man ernüchtert liest. Stand Kirchhoff unter Produktionsdruck? Wollte er den Erfolg des letzten Romans zu schnell mit einem Nachfolgeprodukt toppen? Ausgerechnet dem erfahrenen Autor unterläuft ein Produkt, das sowohl auf der Ebene der Erzählökonomie als auch der Gesamtkomposition, der Sprache, der mehrschichtigen Zeichnung der Figuren und erst recht der Darstellung der politischen Kulisse scheitert und immer wieder Klischees bedient.

Da spricht ein als Frau maskierter Mann

Das Buch verfolgt zwei Strategien: Es will ein aktueller Politroman sein und gleichzeitig ein Frauenroman. Der Politteil ist fragmentarisch, wenig recherchiert und wie auch der Beziehungsteil nicht ohne Kitsch. Mehr noch: Obwohl Kirchhoff dem Rezensionsexemplar einen direkt an Buchhändlerinnen (als Schlüsselfiguren des Buchverkaufs) gerichteten Vorspann einfügt, in dem er erklärt, seine Frau habe ihn in abendlichen Gesprächen zur Brust genommen und insistiert, auf dass die Akteurin im Mittelpunkt auch wirklich weibliches Denken reflektiere, gelingt ihm das nicht. Als ­Leserin gewinnt man den Eindruck, dass in der Figur der Terese ein maskierter Mann spricht.

Das Cover zu Bodo Kirchhoffs neuem RomanDas Cover zu Bodo Kirchhoffs neuem RomanVerlag

Zur Handlung: Viktor (Vigo) Goll wurde nach vielen Ehejahren von seiner Frau Terese Weiler verlassen, anlässlich der Beerdigung ihres Doktorvaters Hans Schellenberg, der auch ihr Liebhaber und der Vater eines abgetriebenen Sohnes war. Jetzt sitzt Goll am Tisch, anstelle des Gedecks seiner Frau steht da sein Notebook, das Erzählen der gescheiterten ­Beziehung ist an ihre Stelle getreten. Die entschwundene Frau soll dabei in den ­Fokus rücken. Zweites Leitmotiv Viktors: darüber zu schreiben, wie die Welt im ­abgerüsteten Zustand wäre, ganz ohne Waffen. Ohne überzeugende kriegstechnische Fakten zu bieten, wiederholt der ­Autor litaneiartig, was man längst weiß: dass Artilleriegeschosse Menschen bis zur Unkenntlichkeit zer­stören und dass, kaum wäre der Mensch entwaffnet, tags darauf die Wiederaufrüstung begänne.

Die Politkulisse beschränkt sich auf Anekdotisches: Terese, die ihrem Mann nach Mumbai nachgereist ist – sie will ihn auf frischer Tat bei einer erotischen Eskapade ertappen –, trifft dort eine ­Ukrainerin, deren Familie im Krieg ge­tötet wurde und die heute in Deutschland ukrainische Kinder betreut. Terese unternimmt mit ihr einen Tagesausflug. Dabei stellt sie fest, dass ihr Mann der Ukrainerin die Reise bezahlt hat. Die zweite Sequenz schiebt Kirchhoff am Schluss nach: Terese lässt sich von einem geflüchteten syrischen Taxichauffeur vom Flughafen zur Beerdigungsstätte von Schellenberg bringen; sie verspricht, ihn großzügig zu bezahlen, bar, ohne Quittung, wenn er auf sie warte und sie nach der Bestattung wegfahre, ohne den eigenen Mann, ein Aufbruch in eine Freiheit ohne Rückkehr in die Ehe. Mit solch harmlosen In­gredienzien erbaut man in Zeiten quälender kriegerischer Auseinandersetzungen allerdings keine relevante Politkulisse.

Steht da ein Waffenlieferant für die ganze Gesellschaft eines Landes?

Dritte politische Passage: der „Schweizer“. Er scheint der einzige wirkliche kriegerische Übeltäter zu sein. Terese reist von Mumbai nach Goa weiter, wo sie Viktor vermutet, im legendären Mekka der Alt-Achtundsechziger. Er aber ist längst abgereist. Doch sie kommt mit ­Gysin ins Gespräch, dem „Schweizer“, der fortan, als eine Art Spezies, nur so ­genannt wird. Dieser, so erfährt die Frau, stellt Kriegswaffen her, sogenannte Kolibri-Weapons, Kleinstdrohnen, die trotzdem Sprengladungen in der Größe eines Hühnereis transportieren und überall auf der Welt Menschen zerfetzen – auch ­ukrainische Kinder.

Der „Schweizer“, so lesen wir, sei ein Tüftler mit der Erfahrung der Schweizer Uhrmacher, seine Erfindung laufe auf die Verkleinerung von Drohnen auf die Größe einer Patek Philippe hinaus. Bedient Kirchhoff hier eine Community, die hören will, was sie schon zu wissen glaubt? Kokettiert er mit politischem Halbwissen? Bereits eine minimale sicherheitspoli­tische Recherche hätte aufgedeckt, dass der „Schweizer“ (als Spezies) inzwischen eines der weltweit rigidesten Kriegsmaterialgesetze hat und nach geltendem Recht keine bewaffneten Drohnen herstellen und schon gar nicht in Länder exportieren darf, die in einen Konflikt verwickelt sind. Mehr noch: dass eine Taskforce eingesetzt werden musste, um die Drohnentechno­logie in der Schweiz zu fördern, da wegen des Kriegsmaterialgesetzes nicht mal die Eigen­versorgung der Landesverteidigung gewährleistet war. Gerade in diesen ­Passagen überrascht der Eindruck, dass der männliche Ich-Erzähler der Frau den eige­nen Text in den Mund legt – warum sonst sollte diese, die sich nicht für Waffen inter­essiert, plötzlich derlei Diskurse ­führen?

Die Affäre mit dem indischen Liebhabers

Zurück in Mumbai, steigt Terese in einem Guesthouse ab und fängt schon bald eine Affäre mit dem indischen Besitzer an, Rana Walter Panjabi. Immer und immer wieder hat sie Sex mit ihm. Nur dass sich dem Lesenden nicht erschließt, warum. Ist es eine Männerphantasie? Sind es softerotische Effekte, die zur Unterhaltung gezielt eingestreut werden? Falls die Absicht gewesen wäre, typisch weibliche Erotik zu zeigen, überzeugt sie nicht. Es reicht nicht, zu sagen, dass der indische Liebhaber geduldig sei, immer wieder frage, bevor er etwas wolle, im Gegensatz zum eigenen Mann „bitte“ sage, sie nicht ungefragt überfalle und immer und immer wieder seine Hand unter ihren Bauch lege. Man hätte nicht jedes Detail „auszuerzählen“ brauchen. Hier zeigt sich beispielhaft die Krux des Romans: Die Figuren bleiben oberflächlich, die Motive vage, die Handlung repetitiv.

Es gibt eine kurze Szene im Buch, in der die alte Könnerschaft Bodo Kirchhoffs aufblitzt. Es ist das geheimnisvolle Treffen im Londoner Stammhaus von Fortnum & Mason, dem Mekka britischer Teetradition, wohin Viktor und Terese von ihrer Tochter Ava per SMS beordert wurden. Diese arbeitet im Riskmanagement von J. P. Morgan. Sie will den Eltern Überraschendes mitteilen: Die Tochter des Pazifisten hat sich mit Major Thomas Brede verlobt, einem Deutschen, in Litauen stationiert und gerade auf Tagesurlaub bei der zukünftigen Gattin. Sie hat ihn auf einer NATO-Tagung kennen­gelernt. Hier spielt Kirchhoff nochmals alles aus, was er literarisch zu leisten ­imstande wäre: die in winzigen Zeichen erkennbare Entfremdung des Ehepaars, die gespenstisch-kühle Atmosphäre des Finanzhauses, der überbordende inter­nationale Kapitalismus, der sich im Angebot der bekannten Kaufhäuser verrät, und die unüberbrückbaren Standesunterschiede der britischen Gesellschaft, mit der Vigo und seine Frau schon darum nicht mithalten können, weil sie den Dresscode nicht einhalten und im Lokal nicht nur von der Rechnung, sondern bereits durch die aristokratisch konnotierte Teezeremonie überfordert sind.

Allein: Wie schon der indische Lieb­haber, der übergangslos aus Abschied und Traktanden fällt, schwimmt auch die Londoner Szene wie eine unverbunden flottierende Insel im Erzählgebäude – wenn auch leuchtend, sodass sie mit manch Misslungenem im Roman versöhnt.

Bodo Kirchhoff: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“. Roman.
Dtv, München 2026. 570 S., geb., 28,– €.

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