Es ist schon kurios, dass es der „Schnüffler“ in den Wortschatz geschafft hat und nicht der „Lauscher“, werden doch wenige Rätsel mit der Nase gelöst – einmal abgesehen von Kommissar Rex, dem ermittelnden Wiener Schäferhund, der gerade ein Nostalgie-Revival bei Sat.1 erlebt. Der Hörsinn hingegen hat stattliche Ergebnisse vorzuweisen, vor allem in der polizeilichen Lieblingsdisziplin des Abhörens. Lauschprofis hören dabei weit mehr als den Inhalt des Gesagten.
Bereits vor zwanzig Jahren haben die niederländische und die belgische Polizei deshalb begonnen, Abhörspezialisten einzustellen – und das sind so gut wie immer sehbehinderte Menschen. Der Belgier Sacha Van Loo, blind von Geburt an, ist einer von ihnen. Er versteht nicht nur ein Dutzend Sprachen, sondern kann auch aus einer verrauschten Aufnahme mit zahlreichen einander überlagernden Gesprächen einzelne Stimmen herausfiltern. Er erkennt Automarken am Motorlärm, eine Telefonnummer am Tippgeräusch oder die Wandverkleidung am reflektierten Schall.
Der Krimiaspekt kommt erst an zweiter Stelle
Sacha Van Loo inspirierte Maarten Fabricio Goffin und Kristof Hoefkens zu „Blind Sherlock“ (Regie Joost Wynant), einer Serie über den blinden Abhörspezialisten Roman, der als Seiteneinsteiger bei der Rotterdamer Polizei beginnt. Der raue Realismus flämischer Serien zeichnet diese belgisch-niederländische, vom ZDF koproduzierte Serie aus und ist auch in moralischer Hinsicht Programm. Es ging den Serienschöpfern darum, die Stärken behinderter Menschen zu zeigen, ohne dabei Probleme im Alltag zu verharmlosen. Deshalb war es wichtig, eine menschlich authentische Geschichte zu erzählen; der Krimiaspekt kam erst an zweiter Stelle.
Goffin und Hoefkens haben sich nicht nur persönlich von Van Loo in seine Welt einführen und das Filmteam von der Brailleliga schulen lassen, sie setzen – anders als die märchenhafter konzipierten Serien „Blind ermittelt“ oder „Die Heiland“ – auf einen sehbehinderten Hauptdarsteller. Der Newcomer Bart Kelchtermans, der den bald rückhaltlos vom Ermittlungsfieber gepackten Roman mit großer Intensität zu verkörpern weiß, ist fast vollständig blind. Das führte zu zahlreichen Modifikationen der Produktionsroutinen. Durch Audiodeskriptionen via Kopfhörer war es Kelchtermans möglich, der Handlung zu folgen und sein Spiel darauf abzustellen, schließlich kann er nicht auf Gesten eines Gegenübers reagieren.

Gleich beim Einstellungstest wird Roman eine Aufnahme vorgespielt, auf der er den Tatort eines Mords – einen Kran im Rotterdamer Containerhafen – und die Automarke der Täter an den Geräuschen erkennt: eine heiße Spur, die geradlinig ins Umfeld der usbekischen Mafia führt. Die ist natürlich in den Drogenhandel involviert, für den Rotterdam eine wichtige Drehscheibe ist. Wie hemdsärmelig die Ermittlungen mitunter geführt werden, wie viele Fehler passieren, wie oft die Polizei mit leeren Händen dasteht oder die Gewaltbereitschaft der Mafiosi unterschätzt, das ist dramaturgisch ungewohnt langsam und iterativ erzählt – und ebendeshalb aufregend realistisch. Das Leben ist eben eine Kette von Wiederholungen; das betrifft das ständige Kaffeetrinken ebenso wie das Rekrutieren von Informanten, die dann stets nicht mehr lange leben.
Leicht albern wirkt es freilich, dass die Kriminellen sich just die Beatles als Tarnnamen ausgesucht haben, weshalb hier ständig nach McCartney oder Lennon gesucht wird. Warum nicht gleich die Schlümpfe? Überhaupt ist die Mafia-Handlung schematisch geraten. Auch das Zerwürfnis Romans mit seiner schwangeren Ehefrau (Sigrid ten Napel) nach wenigen falschen Bemerkungen kommt etwas überraschend. Der Protagonist soll aber eben ein ganz normaler Polizist mit Stärken und Schwächen sein. Goffin und Hoefkens widerstanden also der Versuchung, Romans Hörtalent zur abstrusen Superkraft zu übersteigern. Er macht sogar einen folgenreichen Fehler.
Die ebenfalls sehr normalen Kollegen sind manchmal von dem Neuen und seinen Ideen genervt, insbesondere die ambitionierte Kommissarin Suus (Charlie Chan Dagelet). Doch der Chef der Einheit, Kommissar Nico (Frank Lammers), Typ eigenmächtiger Straßenbulle, glaubt an den blinden Mitarbeiter. Die Freundschaft der beiden Männer trägt die Serie emotional. Ästhetisch trägt sie Joost Wynants Sichtbarmachung des Hörens, die nicht einfach (oder nur selten) Romans Ohrmuschel in Großaufnahme zeigt (Modell Hundenase in „Kommissar Rex“), sondern mit aufwendigen Überblendungen arbeitet. Roman wird Teil der Szenen, die er belauscht; dort kann er sehen. Je nach Höreindruck ändern sich die Bestandteile der Szene: Aus Schrottkarren werden Luxussportwagen, kaum dass Roman eine andere Schallreflexion wahrnimmt.
Hinzu kommt eine kraftvolle Visualisierung von Rotterdam als leuchtende, moderne Metropole voller Sounds und Farben, die wohl gerade deshalb so energisch ausfällt, weil es hier permanent um die Dialektik von Sehen und Imaginieren geht. Eine der entscheidenden Szenen spielt in der spektakulären neuen Markthalle, mehrfach rückt die knallgelbe Luchtsingel-Fußgängerbrücke ins Bild. Das wilde Finale spielt direkt auf der Niuwe Maas rund um die berühmte Erasmusbrücke. Das alles wirkt dennoch nicht wie ein Postkartenkrimi, auch nicht wie ein bemühter Inklusionsbeitrag, sondern wie ein spannender Einblick in eine von Sehenden oft vernachlässigte Nische: die Lebens- und Arbeitsrealität blinder Menschen in unserer Mitte. An der Krimihandlung könnte bis zur nächsten Staffel ein wenig geschraubt werden.
Blind Sherlock läuft am Sonntag um 22.15 Uhr im ZDF und jetzt schon im Stream.

vor 4 Stunden
1










English (US) ·