Ein leuchtend roter Hut mit dunkelblauem Band lag über Jahrzehnte sorgfältig verpackt in einer schwarzen Hutschachtel. Das Kölner Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK) hat ihn zurück ans Tageslicht geholt: in einer Ausstellung mit Exponaten aus dem Archiv von Charlotte Zander, das durch Schenkung zum ZADIK gehört. Den Hut trug die Galeristin, Sammlerin und Museumsgründerin an der Seite ihres Ehemannes, des Gynäkologen Josef Zander, bei einem Ärztekongress 1963 in Marseille. Dort erregte die auffällige Kopfbedeckung Aufmerksamkeit – und kam zu bleibender Bekanntheit durch ein Pressefoto, auf dessen Grundlage Gerhard Richter 1965 ein Schwarz-Weiß-Gemälde anfertigte. „Der Kongress (Professor Zander)“ wurde im Jahr 2000 für rund fünf Millionen Dollar bei Christie’s versteigert.
Gefiel auch Gerhard Richter: Charlotte Sanders roter HutHelena SommerCharlotte Zander wurde 1930 in Krefeld als Tochter des Seifenfabrikanten Julius Stockhausen geboren, der leidenschaftlicher Kunstsammler war. Sie selbst begann früh mit dem Aufbau einer eigenen Kollektion. Schon in den Fünfzigerjahren erwarb sie Arbeiten von Künstlern ohne akademische Ausbildung. In den Sechzigern konzentrierte sie sich auf naive Kunst, zunächst aus dem ehemaligen Jugoslawien. Später kamen Arbeiten der „Maler des Heiligen Herzens“ hinzu. Bis 1963 in Köln beheimatet, war Charlotte Zander in der dortigen Kunstszene gut vernetzt. Sie pflegte enge Kontakte zu Alfred und Monika Schmela, Ursula und Rudolf Zwirner sowie Bruno Bischofberger. Archivbilder zeigen sie bei Zwirners Eröffnungen oder im Gespräch mit Robert Rauschenberg. Ihr Netzwerk zeigt das ZADIK in großformatigen Schaubildern. Neben Fotos belegen Rechnungen das Interesse des Ehepaares Zander an zeitgenössischer Kunst: Es erwarb Werke von Heinz Mack, Otto Piene oder Dieter Roth.
Auf der Art Cologne 1977: Charlotte Zander (Mitte) mit dem damaligen Wirtschaftsminister Hans FriedrichsZADIKIm Jahr 1971 wechselte Charlotte Zander die Rolle und gründete ihre Galerie „Charlotte – Galerie für naive Kunst“ in München. Die erste Ausstellung fand 1972/73 unter dem Titel „Jugoslawische naive Malerei“ statt. Die Gründung fiel mit einem Boom naiver Kunst zusammen, der sich in steigenden Marktpreisen und wachsender Präsenz in Museen widerspiegelte. In der Folge richtete die Galeristin rund 200 Schauen aus und nahm an internationalen Kunstmessen wie der Art Cologne und der Art Basel teil. 1980 bezog sie neue Räume und weihte sie mit der brasilianischen Künstlerin Maria Auxiliadora ein. Damals veränderte sich der Blick auf naive Kunst, es wurde erstmals zwischen „authentischen Naiven“ und „Laienmalern“ unterschieden. Die letzte Ausstellung Charlotte Zanders, welche 1984 in den Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Galerien gewählt wurde, fand 1995 unter dem Titel „Unverkäuflich“ statt und zeigte einen abermaligen Rollenwechsel an: Im folgenden Jahr eröffnete sie das Museum Charlotte Zander in Schloss Bönnigheim bei Ludwigsburg.
Blick in die Ausstellung im ZADIKHelena SommerDort machte sie ihre umfangreiche Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich. Über den Tod Charlotte Zanders 2014 hinaus verblieb die Sammlung bis 2020 in Bönnigheim. Heute gehört sie zu einer gemeinnützigen GmbH unter dem Vorsitz der Tochter Susanne Zander. Das Museum wurde aufgelöst, doch seit Herbst 2023 bietet die Sammlung der Arbeit von Autodidakten und der „Outsider Art“ in einem Ausstellungsraum in der Kölner Jülicher Straße eine Plattform. Wie stark die Wertschätzung naiver Kunst, auch durch Charlotte Zanders Engagement, zugenommen hat, zeigen die Auktionspreise und die Präsenz auf Großveranstaltungen wie der Biennale in Venedig.
„Charlotte Zander: Sammlerin, Galeristin, Museumsgründerin“, ZADIK, Köln, bis zum 25. September. Online abrufbar ist der virtuelle Guide zur Ausstellung.

vor 22 Stunden
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