Empathie wird in einer Aufmerksamkeitsökonomie zur Ware. Sie lässt sich auf Workshops als Kompetenz verkaufen; mit ihr lassen sich Klicks generieren; #Ifeelyou, weil es mir Aufmerksamkeit bringt. Droht Mitgefühl in einem immer stärker auf individuelle Leistung und Erfolg getrimmten Wirtschaftssystem zu einer hohlen Chiffre zu verkommen? Die Chiffre eines Algorithmus, der mir einspielt, mit wem ich Empathie empfinde; die Chiffre medialer Welten, die mir in den dramaturgischen und bildlichen Aufbereitungen nahelegen, wer mir nahe ist und wer nicht; die Chiffre eines Lohnsektors, der Empathie nicht als intrinsischen Wert, als geschätzte Idee einer utilitarismusfreien, grenzüberschreitenden Solidargemeinschaft betrachtet, sondern sie zu einem verwertbaren Linkedin-Kurs (der Kurs „Herausforderungen bezüglich Empathie“ lässt sich kostenpflichtig buchen) degradiert? Kurzum: Was bleibt an Empathie in einer hektischen, reizüberfluteten (post-)modernen Aufmerksamkeitsökonomie?
Die Ausstellung „#Ifeelyou. Dimensionen der Empathie“ im Bonner Kunstmuseum widmet sich diesem Gefühl, dieser Kompetenz und Idee. Die Kuratorinnen Barbara Scheuermann und Lucy Degens stellen dabei die Frage nach ihrer Verhandlung in unterschiedlichsten Kunstformen, etwa performativer, fotografischer und filmischer. Inhaltlich werfen sie ein Licht auf die Grenzen von Einfühlungsvermögen und die sozialen, kulturellen und medialen Bedingungen, unter denen es sich entwickelt; in Teilen auch intellektuell, in Form von Zitaten von Schriftstellern und Denkern, etwa von Aristoteles („Rhetorik II“), der Essayistin Susan Sontag („Regarding the Pain of Others“) oder der Schriftstellerin Zadie Smith; vor allem aber als eine Erfahrung, die den Besucher mit seinen soziokulturellen Prägungen zu einer Reflexion über die Grenzen seiner eigenen Empathie anregt.
Mit Alex Baldwin und Julianne Moore
Ein interessantes Gedankenexperiment über diese soziokulturellen sowie medialen Entstehungsbedingungen von Empathie gelingt dabei der Künstlerin Candice Breitz. Wer den ersten großen Bildschirm ihrer Videoinstallation betrachtet, in einem eigenen Raum, Kino-Feeling, sitzt vor den berühmten Hollywood-Schauspielern Alec Baldwin (etwa aus „Glengarry Glen Ross“ und „Still Alice“) und Julianne Moore (zum Beispiel aus „The Big Lebowski“ oder „Boogie Nights“). „It’s been years, since I’ve been in South Africa“, erzählt Moore. „And I am still not a refugee, I don’t have refugee status.“ Schnitt, jetzt spricht Baldwin: „The UNHCR gave me refugee status in Kairo after I told them my story. I have been asked a lot of personal questions and they want to answer you in great detail.“ Das irritiert. Wieso kommen diese Worte aus dem Mund zweier berühmter US-Schauspieler?
Aber es geht weiter, im nächsten Ausstellungsraum. An einer Wand sind mehrere Bildschirme installiert, davor Sitzbänke, in jedem Video eine Geschichte; Stirnrunzeln ablegen, Kopfhörer wieder aufsetzen. Jetzt spricht Mamy Maloba Langa: „They were treating me like a stranger in my own country“, erzählt sie, trägt ein buntes Kleid, wirkt bedrückt, traurig, sie redet langsam. Sie habe die kongolesische Hauptstadt Kinshasa verlassen, um nach Lubumbashi zu gehen; auf dem Markt habe niemand in ihrer Heimatsprache mit ihr reden wollen. Maloba Langa war geflohen, sie hatte sexuelle Gewalt erlebt.
Aristoteles: Mitleid als Schmerz über Unheil
Der Zuschauer hört Fragmente aus den Erzählungen fünf weiterer Geflüchteter, unterschiedlich erzählt, zweimal; einmal im Hollywood-Stil, ein zweites Mal im Original. Breitz konfrontiert das Publikum so geschickt mit den Bedingungen des eigenen Mitgefühls: Identifizieren wir uns bereitwilliger mit einer traumatischen Erzählung, wenn sie uns von einem vertrauten, weißen Gesicht vermittelt wird? Ist unsere Empathie am Ende an Hautfarben, an vertraute Manierismen, Sprachen oder Akzente gebunden? Bringt uns die besagte Aufmerksamkeitsökonomie außerhalb eines solchen geschützten Museumsraums überhaupt so direkt mit diesen Geschichten in Berührung, wenn diese doch niemandem direkt „nützt“ und sich aus ihnen kein Kapital schlagen lässt?
Aristoteles’ Antwort auf diese Fragen, aus seinem zweiten Rhetorik-Werk um 400 vor Christus, die in einem der Räume erscheint, wirkt klar: „Mitleid (eletos) ist eine Art Schmerz über Unheil, das jemanden trifft, der es nicht verdient; er wird stärker empfunden, wenn wir glauben, dass dieses Unheil auch uns oder unseren Lieben widerfahren könnte. (…) Ferner haben wir Mitleid mit denen, die uns ähnlich sind an Alter, Charakter, Gewohnheiten, sozialer Stellung und Herkunft.“
Die Videoinstallation von Candice Breitz regt zur Reflexion über soziokulturelle Bedingungen von Empathie an.Candice Breitz/Goodman GalleryBreitz’ Gedankenexperiment ist nicht das einzige in der Ausstellung. In einem anderen Raum stehen sortiert in einem Regal mehr als dreißig Schuhpaare; sie wirken auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich, denn die Sohlen haben die Form von Plateaus, das Material wirkt wie bläulich gefärbtes Styropor. Die „Plateaus“ wiederum, etwa das von Schuh Nr. 32 und Nr. 1, unterscheiden sich in ihrer Höhe ganz fundamental. Hans Hemmerts Werk „Level (2 m gross sein)“ zielt auf eine „minimale Regelverschiebung“ ab, wie es in dem Ausstellungstext heißt. Die Personen, die die unterschiedlichen Paare tragen, sollen sich dank der umschnallbaren Plateaus alle auf „Augenhöhe“ begegnen.
Empathie und Körperlichkeit
Wie würden sich also zwischenmenschliche Begegnungen ändern, wenn alle die genannte Größe hätten? Wie würde sich etwa die Dating-Welt verändern, wenn wir alle die gleiche Größe hätten; Schönheitsideale von „dem großen Mann“ oder der „kleinen Frau“ mit einem Plateau-Tritt zerbrechen würden? Die Frage nach Körperlichkeit und Empathie kommt auch bei einem anderen Exponat in der Ausstellung zum Tragen, wenn auch etwas weniger wirkmächtig.
Verwertbarkeit, sei es von Gefühlen, Beziehungen und Fiktionen, ist ein klassisches Primat der (Post-)Moderne. Empathie hingegen ist eine Emotion, die gerade davon lebt, wirtschaftlich „unnütz“ zu sein; denn die Hinwendung zu einem Freund, einem Mitmenschen oder auch einem Gegner blüht erst richtig auf, wenn sie sich befreit von Utilitarismus-Maximen, sie einfach gefühlt wird. „Ich bin der Meinung, dass man sie gesetzlich fördern sollte, Menschen zu ihrer Praxis ermutigen muss“, sagte Zadie Smith. Vielleicht ist die Bonner Ausstellung hierzu ein Weg.
#Ifeelyou. Dimensionen der Empathie. Kunstmuseum Bonn; bis zum 11. Oktober. Kein Katalog.

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