Ausstellung im Münchner Architekturmuseum: Über Hängebrücken musst du gehn

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Vor dem Eingang stehen 22 größere Hainbuchen mit nackten Wurzelballen in einem Hochregal. So wie sie zur Pflanzung angeliefert werden, nach Größe und Preis gestaffelt. Der Baum als Produkt, der im Gartencenter oder im Baumarkt gekauft wird und in der Stadt allzu oft keine lange Lebenszeit hat. Steht er Bauvorhaben im Weg, kommt er eben weg. Manche Bäume haben sich schlank gemacht, wachsen viel zu nah an der Fassade in die Höhe, Fachleute nennen sie „Illegale“.

Das Architekturmuseum der Technischen Universität München führt zunächst ins Dunkel der Erdgeschichte, in die dreihundert Millionen Jahre währende Lebensgeschichte der Bäume. Denn die Schau „Trees, Time, Architecture!“ will Struktur in die Beziehung zwischen Holz und Mensch bringen, und sie tut dies in drei Schritten. Zunächst läuft der Besucher gegen einen mächtigen Quader aus Braunkohle, sechzehn Paletten sind gleich sechzehn Tonnen Briketts, die man der Statik wegen aushöhlen musste – der Bau hätte das Gewicht nicht getragen. Fossiles Holz also, Millionen von Jahren unter dem Druck der Erdrinde zusammengepresst.

Eine Waldfläche, so groß wie elf Fußballfelder

Bis heute rund um den Globus eine wichtige Energiequelle, setzt es bei Verfeuerung einen Prozess in Gang, der den Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre beschleunigt. Die sechzehn Tonnen sind das Äquivalent dessen, was drei Deutsche (oder fünfzehn Inder) pro Jahr an CO2 ausstoßen. Um das zu kompensieren, wäre eine Waldfläche so groß wie elf Fußballfelder vonnöten. Ein gelungener Einstieg in eine Ausstellung, die nicht mit dem Klimawandel-Zeigefinger fuchtelt, sondern die Ambivalenzen ins Visier nimmt, Greenwashing benennt und ihr Augenmerk auf Grauzonen unseres Umgangs mit dem Material Holz richtet.

 Hecken schützen die Häuser in der Eifel erfolgreich vor dem WindMuss auch mal gestutzt werden: Hecken schützen die Häuser in der Eifel erfolgreich vor dem WindRoman Mensing

Mit die grünsten menschlichen Bauwerke sind zweifellos die lebenden Brücken, die in der ostindischen Provinz Meghalaya vom Stamm der Khasi seit Jahrhunderten gebaut werden. Lebendige Ast- und Wurzelgeflechte, die dank tradierter Verknotungstechnik bis zu zwanzig Meter Spannweite erreichen und sich nahtlos ins Ökosystem eingliedern. Die Double Decker Root Bridge hat sogar zwei Etagen, weil die untere in der Regenzeit überspült wird, in der Gegend fällt in einer Woche so viel Regen wie in München im ganzen Jahr. Bis solche Hängebrücken tragfähig sind, dauert es oft Jahrzehnte. Eine Bauaufgabe, die über Generationen weitergegeben wird.

Werden wir bald in luftigen Höhen radfahren?

Mittlerweile sind die Brücken freilich so berühmt, dass sie der Region ein Ausmaß an Tourismus bescheren, das diese mangels Infrastruktur nicht verkraften kann und will. Die 2018 gegründete Living Bridges Foundation steht auch im Austausch mit Wissenschaftlern der Technischen Universität München, die einen Film gedreht haben, der Einblick in die Welt der Khasi gibt. Dabei entfalten die organischen Brücken-Gespinste eine zauberisch-suggestive Wirkung, die den Betrachter in einen Zustand versetzen, als wäre er im Einklang mit der Natur.

Ein Ansatz für hiesige Breiten? Drahtmodelle, die Münchner Studenten angefertigt haben, zeigen rund dreißig Entwürfe sogenannter botanischer Architektur. Türme, Stege, Pfade, Häuser, die mit und zwischen Bäumen wachsen. Der italienische Architekt Carlo Ratti hat 2022 einen aus tausend Bäumen bestehenden siebenhundert Meter langen Baumpfad entworfen, der das lombardische Casalmaggiore und das Weltkulturerbe-Städtchen Sabbioneta miteinander verbinden soll; Fußgänger und Radfahrer bewegen sich in bis zu sechs Meter Höhe. Der Nachbau taiwanischer Tempel zeigt, wie aus Feigenbäumen – die böse Geister abhalten sollen – eine hallenartige Gebäudestruktur heranwächst, für die man den Wind nutzt, der die Feigen in eine Richtung bürstet.

 Die Brücken der Khasi in NordindienBauprojekte für mehrere Generation: Die Brücken der Khasi in NordindienFerdinand Ludwig

Auf eine andere Wirklichkeit verweist die filmische Installation „One Hundred and Fifty Thousand Trees“ des schwedischen Büros White Arkitekter, entstanden für die Architekturbiennale 2023 in Venedig. Sie dekonstruiert den Bau des 2021 fertiggestellten, zwanzig Stockwerke hohen Sara Kulturhus in Skellefteå, indem sie ungeschönt dokumentiert, wie das Bauholz gepflanzt, gefällt, verarbeitet, geliefert und verbaut wird. Nachhaltigkeit kann und muss hinterfragt werden, nicht bloß behauptet.

Davon ist auch Ferdinand Ludwig überzeugt, der zusammen mit Andjelka Badnjar, Kristina Pujkilović und Andres Lepik die Schau kuratiert und das Begleitbuch herausgegeben hat. Er lehrt an der TUM „Green Technologies in Landscape Architecture“. Dass Holz die Lösung aller Bauprobleme sein könnte, glaubt er nicht.

Haushecken dienen als Windschutz mit Kühleffekt

Am Rande streift die Ausstellung auch den künstlerischen Umgang mit dem Thema. Der Finne Ilkka Halso deponiert in den Installationen der Serie „Naturale“ (2013) Bäume als steriles Nutzholz in einem Hochregallager. Fichtenplantagen als Module künftiger Ökosysteme – das fällt in die Abteilung Zeitkritik, und in diesem Sinn kritisch ist auch der Umgang der Schau mit vielen Pionierbauten des grünen Bauens. Sie kommen auf den Prüfstand: Wie hält es die Architektur mit Bäumen im Freiraum, zwischen und auf Gebäuden, wie vorausschauend werden Landschaftsparks angelegt, wie wird ihr Baumbestand verwaltet?

Zu sehen sind auch praktische Anwendungen wie die Hausschutzhecken in der Eifel, die als Windschutz dienen und im Sommer einen willkommenen Kühleffekt haben. Eine ganze Saalwand versammelt Beispiele von begrünten Bauten, darunter der Torre Guinigi in Lucca, das Baumhaus Darmstadt, der Nordic Pavilion in Venedig, der Oerliker Park in Zürich, das Bürogebäude von Grüntuch Ernst Architekten in der Berliner Darwinstraße. Wenn – wie etwa bei den 2014 fertiggestellten Türmen des Bosco Verticale in Mailand – ein Bild des Rohbaus gezeigt wird, relativiert sich der Effekt auch unter dem Faktor Zeit: Im Gegensatz zu Bäumen hat der Baustoff Stahlbeton eine Haltbarkeit von weniger als hundert Jahren.

Der zwischen Zugänglichkeit und fachwissentlicher Vertiefung gut ausbalancierten Ausstellung sind viele Besucher zu wünschen, verhandelt sie doch ein Thema, das nicht nur in München, das auf den Ranglisten grüner deutscher Städte wegen ungebremster Nachverdichtung weit hinten liegt, drängende Aktualität besitzt.

Trees, Time, Architecture! Design In Constant Transformation. Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, München. Bis 14. September. Das Begleitbuch (Park Books) kostet 35 Euro.

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