Seit Donnerstag, dem 8. Januar, bin ich auf der Straße. Am Donnerstag und Freitag waren alle da. Alle Menschen, die ich kannte, waren dabei: von linken Freunden und Freundinnen bis zu jenen, mit denen wir während der Proteste „Frau, Leben, Freiheit“ gemeinsam auf der Straße gewesen waren.
Anfangs rief niemand Parolen, als würden wir alle darauf warten, dass die Menge größer wird. Plötzlich rief zwei Reihen vor uns eine etwa sechzigjährige Frau: „Nieder mit dem Diktator!“ Direkt nach ihr stimmten wir alle ein. Je weiter wir gingen, desto mehr wurden wir. Zunächst bewegten wir uns auf den Gehwegen auf beiden Seiten der Hauptstraße, dann wuchsen wir langsam zusammen, bis wir schließlich die ganze Straße einnahmen. Die Hauptparolen waren „Nieder mit dem Diktator“, „Tod Khamenei“ und „Freiheit, Freiheit“. Alle schrien aus voller Kraft. Dieses gemeinsame Auf-der-Straße-Sein war wunderschön. Nebeneinander wirkten wir würdevoll und stark. Schulter an Schulter gingen wir voran und glaubten an unsere Schritte.
Ich blieb nicht in einem Viertel, sondern versuchte, verschiedene Orte im Stadtzentrum aufzusuchen, um mir ein Bild von der Lage zu machen. Meine Freunde und ich waren in den Gegenden um Mofatteh, Karimkhan, Heravi, Dowlat, Dibadschi, Pasdaran, rund um die Hosseiniyeh Ershad sowie in Sohrevardi und Shariati unterwegs. An den meisten Orten war es so, dass, nachdem die Masse erst einmal mit diesen Parolen aufgewärmt worden war, auch Rufe wie „Javid Shah“ und „Pahlavi, kommt zurück“ angestimmt wurden. In der Masse waren auch Menschen, die diese Parolen nicht riefen, aber dennoch gemeinsam mit allen anderen weitergingen. Man konnte erkennen, dass sie andere politische Ansichten hatten, doch wir standen Seite an Seite. Wir waren vereint und hatten die Straße eingenommen.
„Nieder mit dem Diktator“
Niemand drängte jemanden aus der Reihe oder stritt mit ihm oder ihr darüber, warum er oder sie etwas nicht mit rief. Meine Freundinnen und ich riefen gelegentlich auch „Frau, Leben, Freiheit“, doch nur wenige schlossen sich uns an. Manchmal hatten wir selbst Angst, dass wir für unsere abweichenden Parolen beschimpft oder angegriffen werden könnten. Doch das geschah kein einziges Mal. Manchmal blieben wir still und gingen mit der Menge mit. Und wenn dann wieder „Nieder mit dem Diktator“ gerufen wurde, riefen wir erneut mit.
In der Menge waren alle aus allen gesellschaftlichen Schichten. Es waren viele Frauen da. Meistens ohne Kopftuch oder mit locker sitzendem Kopftuch, aber auch viele mit. Die meisten Menschen waren mit Familien- oder in Freundeskreisen unterwegs. Häufig sahen wir Jugendliche mit ihren Eltern und sogar mit ihren Großeltern. In einer Familiengruppe waren zum Beispiel junge Frauen ohne Hidschab zusammen mit ihren Müttern mit Kopftuch. Einzelne Personen sah man nur selten, und wenn, dann schlossen sie sich schnell einer kleinen Gruppe an. Ich selbst sah, wie eine etwa fünfzigjährige Frau ihre Haustür abschloss, in die Gasse trat und sich in Richtung Straße aufmachte. Zunächst ging sie vor uns, nach ein paar Schritten schloss sie sich uns an, und wir gingen gemeinsam weiter. Es waren sehr viele über Fünfzig-, Sechzigjährige da.
Sie kamen aus allen Schichten
Einige Familien trugen aus Angst Masken, waren aber dennoch gekommen. Die Menschenmenge war enorm. Es schien, als wären Menschen aus unteren, mittleren und wohlhabenderen Schichten gemeinsam auf der Straße.
Anfangs waren die Stimmen der Rufe leise, als läge in ihnen eine Mischung aus Angst und Scheu vor dem Lautwerden. Man suchte in Blicken der anderen Spuren des Vertrauens. Doch nach wenigen Minuten des gemeinsamen Gehens riefen schließlich alle aus voller Kraft gemeinsam nach Freiheit.
Am Donnerstag waren die Straßen voller Menschen. Gruppen von dreißig bis vierzig Sicherheitskräften standen an den Eingängen der Plätze und Straßen, wagten es jedoch nicht, auf die Menge zuzugehen. Einige trugen schwarze Uniformen mit Helmen. Alle bewaffnet. Die meisten hatten Luft- und Paintballgewehre, doch waren auch einige mit Pistolen und Kalaschnikows dort.
Nach einer Weile, als die Menschen begannen, nach Hause zurückzukehren, und sich die Menge auflöste, begannen sie, auf die Menschen zu schießen.
Dann begannen sie, auf die Menschen zu schießen
Die Stimmung war in den ersten Tagen sehr gut. Doch nachdem sie begonnen hatten, in diesem Ausmaß Menschen zu töten und gleichzeitig Internet und Telefonverbindungen zu kappen, haben viele ihre Hoffnung verloren, dass jemand ihnen helfen wird. Die Menschen sind verzweifelt. Meine eigene Mutter sagte heute: „Wollten sie uns nicht helfen? Wir können das doch nicht allein. Warum ändert Trump ständig seine Aussagen?“
Ich selbst setze nicht auf ausländische Hilfe und warte nicht auf Trump. Aber ich weiß auch, dass es unmöglich ist, dieses Regime allein zu stürzen. Die sind diejenigen, die bewaffnet sind. Man kann sie nicht einmal mit anderen Diktatoren wie Pinochet vergleichen. Der Staat führt einen Krieg gegen seine eigene Bevölkerung und hat ein Blutbad angerichtet. So etwas hat es bisher noch nie gegeben.
08.01.2026, Iran, Teheran: Protest gegen die RegierungdpaIch selbst habe niemanden sterben sehen. Doch zweimal haben sie direkt auf uns gezielt. Einmal am Freitagabend, in der Shariati-Straße. Etwa um 21 Uhr hatten wir uns von der Menge getrennt und waren auf dem Heimweg. Ich ging zur Bäckerei, und als ich mit dem Brot wieder herauskam, sah ich einen Zivilbeamten, der sein Gewehr auf die Brust meines Bruders richtete und schrie: „Geht nach Hause!“ Ich habe so viel Angst bekommen, dass ich nur noch schrie. Ich weiß nicht, wie lange, aber sehr lange, bis er die Waffe senkte und uns gehen ließ.
Einer richtete die Waffe auf mich
Aufgewühlt und verängstigt rannten wir weiter in Richtung nach Hause, als wir erneut mehrere Sicherheitskräfte von der anderen Straßenseite kommen sahen. Dieses Mal richtete einer von ihnen seine Waffe auf mich. Mein Bruder stellte sich sofort zwischen uns. Dann wurde Tränengas in die Gasse geworfen, obwohl da keine Versammlung war. Die Menschen hatten sich bereits zerstreut und gingen in kleinen Gruppen nach Hause. Ich habe eine Lungenerkrankung und musste mich fast eine Stunde lang erbrechen und rang nach Luft.
In derselben Nacht erfuhren wir zu Hause vom Ausmaß des Massakers. Die Videos der Leichen in Kahrizak zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Katastrophe. Viele sagen, Kahrizak sei nur eine von mehreren Hallen, in die die Leichen gebracht wurden. Der achtzehnjährige Sohn eines Verwandten von mir wurde bei den Protesten getötet. Dem Vater sagte man, er solle den Leichnam in der Nähe der Shush-Straße abholen. Dort sah er, dass sie die Leichen im Hof eines Gebäudes auf den Boden geworfen hatten. Sie wurden nicht einmal in Kühlräume gebracht. Für die Rückgabe der Leichen verlangten sie eine Milliarde Toman. Sie verkaufen buchstäblich die Leichen den Hinterbliebenen. Mein Bekannter ist Arbeiter. Hätte er eine Milliarde Toman gehabt, wären weder er noch sein Kind auf die Straße gegangen, um diesen Kugeln entgegenzuschreien.
Die Toten trugen blutverschmierte Kleider
Am Freitagabend lagen in Narmak Leichen übereinandergestapelt mitten auf einem Platz. Ein Freund von mir hatte gesehen, wie Sicherheitskräfte die Körper der in Ost-Teheran Getöteten von den Straßen einsammelten und sie in der Platzmitte übereinanderlegten. Die Toten trugen noch ihre blutverschmierten Kleider, als hätte man sie nur aus dem Weg räumen wollen. Jeder, der versuchte, sich den Leichen zu nähern, wurde erschossen. Während mein Freund davon erzählte, sagte eine andere Person, sie habe die Szene ebenfalls mit eigenen Augen gesehen.
Ständig erhalten wir Nachrichten, die uns auffordern, Jugendliche und junge Menschen zu Hause zu halten, damit sie nicht getötet werden. Sie bedrohen uns und schieben gleichzeitig die Verantwortung für die Taten anderen zu. Telefon und Internet sind abgeschaltet, übrig bleiben nur Drohungen. Bereits in den ersten beiden Tagen hatten wir eine halbe Stunde vor Beginn der Demonstrationen keinen Internetzugang mehr. Selbst bei inländischen Telefonverbindungen gelang es uns erst nach wiederholten Versuchen durchzukommen. An den Donnerstag- und Freitagabenden wurden unsere Leitungen von einem bestimmten Zeitpunkt an komplett abgeschaltet.
Die Satellitenschüsseln werden von den Dächern geholt
Damit wir noch Dienste wie Onlinetaxis oder Essenslieferungen nutzen können, funktioniert das staatliche Internet. Geldautomaten funktionieren noch, doch für alles, was mit öffentlichen Stellen zu tun hat, muss man stundenlang warten. Satellitensignale werden gestört, und gleichzeitig werden von Haus zu Haus die Satellitenschüsseln von den Dächern geholt.
Langsam macht sich auch ein Mangel an lebensnotwendigen Gütern bemerkbar. Seit Sonntag sind viele Produkte in den Supermärkten nicht mehr erhältlich. Selbst die Zigarettenmarke, die wir sonst überall kaufen können, ist nirgends mehr zu finden.
Seit Sonntag gilt faktisch das Kriegsrecht. Eine Versammlung der Ladenbesitzer war für 18 Uhr angekündigt. Ein Freund erzählte mir jedoch, dass Sicherheitskräfte die Händler aufsuchten und sie massiv bedrohten. Denjenigen, die bei den Protesten und Streiks eine führende Rolle spielen, wurde gesagt: „Entweder ihr öffnet eure Geschäfte und beendet den Streik, oder wir setzen eure Läden und Häuser in Brand.“
Am Sonntagabend herrschte Totenstille über der Stadt. Zivilbeamte waren überall präsent, bewaffnet mit Pistolen und Kalaschnikows.
Gegen halb sechs Uhr abends erreichte ich unsere Straße. Es wurde dunkel, und die Gasse war wie immer ruhig. Während ich zu Fuß nach Hause ging, sah ich plötzlich ein Motorrad, das sehr langsam die Straße hinunterfuhr. Darauf saßen zwei schwarz gekleidete Zivilbeamte. Als sie an mir vorbeifuhren, sah ich, dass der Mann auf dem Rücksitz eine Kalaschnikow trug, die er schussbereit nach oben hielt.
In diesen Tagen war das Töten allgegenwärtig und kaum zu ertragen. Doch es gab auch Momente, die uns Kraft gaben. Am Freitag parkten in der Gasse nahe unserem Haus zwei Autos. Aus jedem stiegen vier oder fünf Frauen und Männer aus. Wir schauten uns gegenseitig in die Augen und lächelten uns hinter unseren Masken mit den Augen zu. Dieses Augenlächeln ist zu einem Symbol unseres gegenseitigen Vertrauens geworden, einem stillen Zeichen dafür, dass wir zusammengehören.

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