Das in Wirtschaftsfragen renommierte „Wall Street Journal“ sieht mit dem 2. April 2025 eine neue Zeitrechnung beginnen. „Trump will die Ära der Globalisierung beenden“, titelt die Zeitung auf ihrer Webseite. Er wolle die Industrieproduktion und damit Hunderttausende Jobs in die USA zurückbringen. Handelsbarrieren wieder aufbauen. Welthandel adé, also.
„Jobs und Fabriken werden in den USA aus dem Boden sprießen“, jubilierte Trump so auch am Mittwochabend deutscher Zeit bei der Ankündigung der Zölle im Rosengarten des Weißen Hauses. Sein Rat an die Handelspartner: „Wer keine Zölle zahlen will, soll in den USA produzieren.“
Hinter Trumps Zollhammer steht die Überzeugung des Präsidenten, dass die USA von den Handelspartnern über den Tisch gezogen werden. Sie würden von den niedrigen Einfuhrzöllen in den USA profitieren. Ihre eigenen Länder würden sie dagegen mit hohen Zöllen gegen US-Produkte abschotten. Die Folge sei ein gewaltiges Handelsdefizit der USA mit dem Rest der Welt. Für einige wenige Länder stimmt das sogar, schreibt das „Wall Street Journal“, für die allermeisten aber nicht. Typisch Trump, mag man denken. Mit den Fakten nimmt er es wieder mal nicht so genau. Gravierende Folgen wird seine Politik dennoch haben.
Aber welche? Und wie genau funktioniert die neue Zollpolitik der USA? Wen trifft sie und welche Auswirkungen hat sie? Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.
1. Wen treffen die neuen Zölle und wie hoch sind sie?
Ab dem 5. April soll ein Basiszoll von zehn Prozent auf alle Importe in die Vereinigten Staaten gelten. Zudem kündigte der Republikaner noch höhere Zölle auf einige der größten Handelspartner an, die am 9. April wirksam werden sollen. Für die Europäische Union sollen 20 Prozent gelten, für China sind 34 Prozent vorgesehen.
Rund weitere 60 Länder stehen auf der Liste der „größten Missetäter“.
Kuba, Belarus, Nordkorea und Russland sind von Trumps neuen reziproken Zöllen nicht betroffen, da sie bereits mit Sanktionen belegt seien, die „jeden sinnvollen Handel ausschließen“, erklärte das Weiße Haus.
Bisher waren die meisten Importe in die USA zum Beispiel aus der EU bis zu einer bestimmten Menge zollfrei. Wie auch die US-Importe nach Europa. Trump störte sich allerdings auch an der Mehrwertsteuer in Europa. Er behauptet faktenwidrig, dass sie US-Produkte benachteilige. Dabei wird sie auf alle Produkte in gleicher Höhe erhoben.
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2. Was waren Trumps wichtigste Zölle bisher?
Die wichtigen US-Partner Kanada und Mexiko sind US-Regierungsvertretern zufolge von den neuen Zöllen ausgenommen. Denn Präsident Trump hatte schon im März Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Einfuhren aus beiden Ländern verhängt, diese Zölle gelten weiterhin.
Außerdem hat Trump schon diverse Strafabgaben auf bestimmte Produkte verhängt, die weiter greifen. So gelten seit Donnerstag neue Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Autoimporte.
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Zuvor hatte Trump bereits Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Stahl- und Aluminiumimporte verhängt, die ab Freitag auch auf Bierkonserven und leere Aluminiumdosen ausgeweitet werden. Es seien weitere Zölle in bestimmten Branchen geplant, etwa auf Halbleiter, Pharmaprodukte oder möglicherweise kritische Mineralien, erklärte das Weiße Haus am Mittwoch.
3. Wie hat die Trump-Regierung die Zölle berechnet?
Washington zieht bei seinen Berechnungen nicht nur Zölle, sondern auch Handelshemmnisse wie Subventionen, strenge Einfuhrvorgaben, Diebstahl geistigen Eigentums und Währungsmanipulation in ihre Kalkulation mit ein. Diese Barrieren seien „weit schlimmer“ als die eigentlichen Zölle, heißt es aus dem Weißen Haus.
Die US-Regierung hat für jedes Land einen Prozentsatz ermittelt, der sowohl Zölle als auch die anderen Handelshemmnisse abbilden soll. Daraus leitet sich der entsprechende Zoll auf Importe aus diesen Ländern ab. Er ist je etwa halb so hoch, wie der von den Amerikanern ermittelte und schwer überprüfbare Wert. Warum nur die Hälfte? Trump sagt: „Wir sind gute Menschen.“
Wirtschaftsexperten hielten die Berechnungen bei erster Betrachtung für dubios.
4. Wie hoch sind die Zollhürden bisher?
Die EU gibt an, dass es aus technischen Gründen schwer sei, einen absoluten Wert zu ermitteln, da sich ein Durchschnitt auf sehr unterschiedliche Weise berechnen lasse. „Legt man jedoch den tatsächlichen Warenhandel zwischen der EU und den USA zugrunde, so liegt der durchschnittliche Zollsatz in der Praxis auf beiden Seiten bei etwa einem Prozent“, betont die EU-Kommission.
Die Zollunterschiede mit der EU sehen Fachleute in den meisten Bereichen als eher klein an. Die große Ausnahme ist der Agrarsektor, wo die EU-Zölle teils deutlich höher sind als in den USA – insbesondere auf Milchprodukte, Fleisch, Zucker und Geflügel.
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Dem Ifo-Institut zufolge beträgt die Zolldifferenz zwischen den USA und der EU im Schnitt nur 0,5 Prozentpunkte – im Vergleich mit der nun angekündigten Zollerhöhung von 20 Prozent. Mit „gegenseitig“ habe das Vorgehen von Trump nichts zu tun.
Allerdings: In der Vergangenheit war es durchaus so, dass die EU leicht höhere Steuersätze auf einige US-Produkte erhob als die USA auf die gleichen Produkte aus Europa. Auch waren mehr Waren bei der Einfuhr in die EU betroffen.
4. Wie reagieren die EU und andere Staaten?
Die Europäische Union und China kündigten am Donnerstag umgehend Gegenmaßnahmen an.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht die neuen US-Zölle als schweren Schlag für die Weltwirtschaft. „Wir sollten uns über die immensen Folgen im Klaren sein, die Weltwirtschaft wird massiv leiden“, sagte sie am Donnerstag. „Wir bereiten uns jetzt auf weitere Gegenmaßnahmen vor, um unsere Interessen und unsere Unternehmen zu schützen, falls die Verhandlungen scheitern.“ Details zu den Plänen nannte sie nicht. Die EU plant bereits Gegenzölle für US-Waren in Höhe von bis zu 26 Milliarden Euro für die Mitte März in Kraft getretenen US-Zölle auf Stahl und Aluminium.
Die EU sollte laut Ratspräsident Antonio Costa nun verstärkt Freihandelsabkommen mit anderen Ländern abschließen. „Wir werden mit allen unseren Partnern zusammenarbeiten und unser Handelsnetz weiter stärken und ausbauen. Jetzt ist es an der Zeit, die Abkommen mit Mercosur und Mexiko zu ratifizieren und die Verhandlungen mit Indien und anderen wichtigen Partnern entschlossen voranzutreiben.“
Das tut richtig weh, auch den Amerikanern.
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick
China fordert die USA auf, ihre neuesten Zölle unverzüglich aufzuheben und kündigt Gegenmaßnahmen an. „China lehnt dies entschieden ab und wird Gegenmaßnahmen ergreifen, um seine eigenen Rechte und Interessen zu schützen“, so das chinesische Handelsministerium in einer Erklärung. China will mit Japan und Südkorea nun engere Handelsbeziehungen eingehen.
5. Wie reagieren die Börsen?
Die europäischen Aktienmärkte sind nach der jüngsten Ankündigung massiver Zollerhöhungen durch US-Präsident Donald Trump zu Handelsbeginn am Donnerstag eingebrochen. Am deutlichsten sackte mit Minus 2,2 Prozent der deutsche Leitindex Dax an der Frankfurter Börse ab. Der französische CAC 40 verzeichnete Verluste von 2,0 Prozent und der Londoner FTSE 100 verlor 1,2 Prozent. Auch andere europäische Börsen starteten mit einem Minus in den Handelstag.
Die Börse in New York schloss vor Trumps Ankündigung am Mittwoch nach einigem Auf und Ab noch im Plus. Der Kurs des US-Dollars gab während Trumps Ansprache gegenüber dem Euro zunächst nach, erholte sich dann aber wieder. Das als krisensicher geltende Gold erreichte einen neuen Höchstwert.
Der japanische Leitindex Nikkei fiel am Donnerstag im frühen Handel deutlich um 3,4 Prozent und auch der breiter gefasste Topix-Index sackte ab.
6. Was sagen Ökonomen?
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sieht die Stabilität der Weltwirtschaft gefährdet. Die Entscheidungen aus Washington brächten die Weltwirtschaft auf den falschen Kurs.
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, nannte die Zölle eine Zäsur. „Das tut richtig weh, auch den Amerikanern“, sagte er im Interview. Das Risiko, dass die USA in eine Rezession rutschen könnten, sei mit dem Rundumschlag um einiges wahrscheinlicher geworden.
Nach den Berechnungen seines Instituts werde es einen Inflationsschub von mehreren Prozent in den USA geben. „Das wird es der US-Notenbank schwermachen, in einer künftigen Rezession die Zinsen aggressiv zu senken.“ Damit sei auch der Aufschwung in Europa gefährdet. Trump sei unberechenbar, unkalkulierbar und breche bewusst Tabus.
Der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach, verwies auf Studien, wonach die Exporte aus Deutschland in die USA um etwa 20 Prozent einbrechen dürften. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde um bis zu 0,5 Prozent sinken. Zugleich dürften Unternehmen aus Drittstaaten ihre Exporte umlenken und mehr Güter in die EU liefern, was hier tendenziell zu geringeren Preisen führen werde.
7. Was könnten die Folgen für Deutschland und Ihr Portemonnaie sein?
Deutschland ist als Exportnation von Trump Zolloffensive besonders betroffen. Die USA sind Deutschlands wichtigster Handelspartner vor China und den Niederlanden und größter Abnehmer deutscher Exporte. 2024 wurden Waren im Wert von rund 253 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt. Dabei lieferten deutsche Firmen Waren im Wert von gut 161 Milliarden Euro in die USA, gut zehn Prozent aller Exporte.
Das Ifo-Institut erwartet für die deutsche Wirtschaft „zunächst einen dauerhaften Rückgang des BIP um 0,3 Prozent“, wie Handelsexpertin Lisandra Flach schreibt – wobei einige Schlüsselbranchen wie Pharma, Auto und Maschinenbau stärker betroffen seien. Und Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer schätzt, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt über zwei Jahre insgesamt um ein halbes Prozent sinkt.
„Die Hoffnung war, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr endlich wieder ordentlich wächst“, erklärt Ökonom Schularick. Nun werde der Aufschwung zwar nicht abgewürgt, aber zumindest gedämpft. Ein, zwei Monate, in denen die Trump-Zölle in Kraft sind und die europäischen Vergeltungsmaßnahmen noch nicht greifen, seien zu verkraften. „Anders sieht es aus, wenn die Amerikaner tatsächlich in die Rezession rutschen, dann haben wir eine neue Lage.“
Die Folgen von Trumps Politik werden also die Gesamtwirtschaft treffen. Welche Produkte jetzt konkret wie viel teurer werden, ist bisher unklar, weil die EU ihre Gegenmaßnahmen noch nicht verkündet hat. Die könnten aber zum Beispiel Whiskey oder Bourbon aus den USA treffen, Technikprodukte oder Arzneimittel.
Die Bundesrepublik importierte 2024 Pharmazeutika im Wert von 12,2 Milliarden Euro (17 Prozent) aus den USA sowie gut zwölf Prozent der Vorprodukte, etwa Grundstoffe und Chemikalien, so der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Bei einem Handelskrieg könnten sich Vorprodukte stark verteuern oder zeitweise ganz fehlen, meint VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen. (Mit Agenturen)