Anleihen: Big Tech begibt Milliarden-Anleihen im Euro-Raum: Was bedeutet das für europäische Firmen-Bonds?

vor 6 Stunden 2

Frankfurt. Nicht kleckern, sondern klotzen: Die großen US-Techkonzerne brauchen viel Geld für ihre Investitionen in die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz (KI). Dafür nutzen sie den Anleihemarkt in großem Stil.

Das Raumfahrtunternehmen SpaceX und der Grafikchipdesigner Nvidia haben im Juni jeweils 25 Milliarden Dollar auf einen Schlag eingesammelt. Die großen Cloud-Anbieter Meta, Amazon, Alphabet und Oracle – auch Hyperscaler genannt – haben in diesem Jahr Anleihen über insgesamt 169 Milliarden Dollar platziert und es dürften noch viel mehr werden.

Um alle Märkte für die Kapitalaufnahme zu nutzen, begeben sie auch Anleihen in Euro, Pfund, Yen, Schweizer Franken und Kanadischen Dollar. Das beschäftigt europäische Unternehmen, sagt Ferdinand Haindl, der bei der US-Bank Citi das Kapitalmarktgeschäft für Unternehmen in Nordeuropa leitet. Denn sie fragen sich, ob ihre eigenen Anleihen dadurch unattraktiver werden.

Ist diese Sorge berechtigt? Wie stark ist der Wettbewerb um Anleiheinvestoren? Und wie lange kann der Boom um Big Tech noch anhalten?

Große Nachfrage

Noch geben Banker und Investoren Entwarnung. „Europäische Unternehmen haben kein Problem damit, ihre Anleihen zu attraktiven Konditionen zu platzieren“, sagt Haindl. Er sieht allenfalls „ein Navigationsproblem“. Das bedeutet: „Für eine optimale Platzierung ist es ratsam, Emissionen nicht unbedingt am selben Tag wie sehr große Transaktionen von US-Hyperscalern durchzuführen.“ Prinzipiell bleibe der Markt aber sehr aufnahmefähig.

Das sieht auch Michael Lesnik so, der die Anleihestrategie bei Metzler Asset Management, leitet: „Es gibt keinen Verdrängungswettbewerb. Auch europäische Unternehmen können problemlos Anleihen begeben.“

Daten untermauern diese Aussagen. Neue Euro-Anleihen von Unternehmen waren in diesem und im vergangenen Jahr nach Daten des Finanzinformationsdienstes Bloomberg im Schnitt vierfach überzeichnet.

Und das, obwohl der Markt auf einen neuen Emissionsrekord zusteuert. Unternehmen mit guter Bonität haben in diesem Jahr schon auf Euro lautende Anleihen im Gesamtwert von über 275 Milliarden Euro begeben.

Der Anteil der Tech-Konzerne an den Emissionen hat sich in diesem Jahr auf rund 14 Prozent zwar erhöht, zeigt aber noch keine Dominanz an.

Die gute Nachfrage zeigt sich auch an den niedrigen Emissionsprämien für europäische Firmenbonds, wie Haindl sagt. Sie seien zuletzt nicht gestiegen. Bei den großen Tech-Konzernen ist das anders. Emissionsprämien sind Renditeaufschläge, die Unternehmen im Vergleich zu ausstehenden Papieren bieten.

Viele Fälligkeiten

Für die große Nachfrage nach Anleihen für europäische Unternehmen gibt es mehrere Gründe. Zum einen kommt netto gar nicht so viel neues Angebot an den Markt. Stattdessen werden aktuell viele Anleihen fällig. „In den Jahren der Coronapandemie haben Unternehmen sehr viele Bonds begeben, die jetzt nach und nach auslaufen“, erklärt Haindl.

Gleichzeitig fließe immer noch sehr viel neues Geld in Anleihen. Vor allem die in den vergangenen Jahren so deutlich gestiegenen Zinsen und Renditen sorgen für Interesse bei Investorinnen und Investoren. „Für viele Investoren sind Renditen von drei bis viereinhalb Prozent für Unternehmen mit guter Bonität interessant“, sagt Lesnik von Metzler Asset Management.

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Auch Alex Veroude, Anleihechef bei Janus Henderson Investors, sagt: „Die Gesamtrenditen von Anleihen sind attraktiv.“ Dabei sind Unternehmensanleihen gefragter als Staatsanleihen. Das zeigt sich daran, dass die Risikoaufschläge der Firmenbonds im Vergleich zu Staatsanleihen gesunken sind. Ein Grund dafür wiederum sei, dass die Unternehmen ihre Verschuldung in den vergangenen Jahren tendenziell abgebaut hätten, während die Staaten auch unter dem Strich immer mehr Geld bräuchten, erklärt Lesnik.

Lange Laufzeiten

Dass die US-Hyperscaler Fremdkapital an den Anleihemärkten aufnehmen, ist eine recht neue Entwicklung. Lange haben sie ihre Investitionen vor allem aus den Cashflows gestemmt, erst im vergangenen Jahr änderten sie die Strategie. Die großen Ratingagenturen bescheinigen Alphabet, Amazon, Nvidia und Meta mit Bonitätsnoten im Bereich Doppel-A eine sehr gute Kreditwürdigkeit. Microsoft wird sogar mit dem Top-Rating Dreifach-A bewertet.

Aus diesem Grund finden Alphabet, Amazon und Co. auch Abnehmer für Anleihen mit sehr langen Laufzeiten von 20 bis 50 Jahren. Die Nachfrage liegt nach Ansicht von Laura Cooper, Investmentstrategin beim Asset Manager Nuveen, allerdings nicht nur an den soliden Bilanzen, sondern auch daran, dass „die Märkte die KI-These kaufen“. Sie meint damit den Glauben daran, dass Künstliche Intelligenz (KI) bei diesen Konzernen zu Gewinnwachstum führen wird.

Bei Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 20 Jahren treffen Investoren laut Cooper „nicht nur eine Einschätzung zur heutigen Bilanz, sondern zur Beständigkeit der Nachfrage nach KI-Infrastruktur über die nächsten sechs US-Präsidentschaftswahlen, vier oder fünf Notenbank-Zyklen und mehrere Generationen von Computerhardware hinweg“.

Langsame Veränderung

Lesnik von Metzler Asset Management geht davon aus, dass der Trend anhält. „Die Hyperscaler und andere große US-Techunternehmen werden angesichts ihres Kapitalbedarfs auch künftig noch mehr Anleihen in vielen Laufzeiten und in Währungen abseits des Dollars begeben, um die Märkte möglichst flexibel zu nutzen.“

Eine breitere Streuung mit einem größeren Anteil von bonitätsstarken Tech-Konzernen würde den Euro-Markt attraktiver für Investoren machen. Ferdinand Haindl, Citi

Langfristig dürften die großen Tech-Unternehmen damit doch den Markt für Euro-Unternehmensanleihen verändern. „Aber nicht zum Schlechteren“, wie Lesnik meint.

Unternehmensanleihen mit Bewertungen im Bereich Doppel-A, lange Laufzeiten und Tech-Werte seien am Euro-Markt im Vergleich zum US-Markt bislang unterrepräsentiert. Auch Haindl von der US-Bank Citi sagt: „Eine breitere Streuung mit einem größeren Anteil von bonitätsstarken Tech-Konzernen würde den Euro-Markt attraktiver für Investoren machen.“

Leise Zweifel

Trotzdem gibt es leise Zweifel daran, wie es weitergeht. Denn die gute Stimmung am Markt macht manchen Investor skeptisch. Lesnik zum Beispiel sagt: „An den trotz aller geopolitischen Unsicherheiten gesunkenen Risikoaufschlägen für Unternehmensanleihen lässt sich ablesen, dass Investoren mögliche Gefahren für die Wirtschaft und die Unternehmen schon lange weitgehend ausblenden.“

Einen Stimmungsumschwung am gesamten Markt könnte es geben, wenn sich herausstellen sollte, dass sich die großen Investitionen in KI doch nicht lohnen. Das würde nach Einschätzung von Nuveen-Investmentstrategin Cooper „zu einer Neubewertung“ an den Märkten und damit bei Unternehmensanleihen zu höheren Risikoaufschlägen führen.

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Investmentbanker Haindl meint außerdem: „Wenn die großen Tech-Unternehmen den Markt in noch sehr viel größerem Stil anzapfen als erwartet, könnte das unter Umständen dann doch in Zukunft zu höheren Kreditaufschlägen führen.“ Ab welchem Niveau das der Fall sei, lasse sich jedoch aktuell nicht sagen.

Auch Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank könnten die Stimmung am Markt kippen lassen, wenn sie deutlich höher ausfallen als erwartet, und es für Unternehmen schwerer und teurer machen, sich zu refinanzieren. Noch ist das nach Ansicht großer Banken und Fondshäuser zwar nicht abzusehen. Unternehmen, die auf der sicheren Seite sein wollen, sollten nach Ansicht von Haindl aber besser früher als später das aktuell gute Umfeld für neue Anleiheemissionen nutzen.

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