Immer wieder gibt es an der Grenze von Pakistan und Afghanistan Angriffe, mehrfach wurde verhandelt. Pakistan spricht von einem »offenen Krieg«. Was steht dahinter?
3. Juli 2026, 14:20 Uhr
Der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan eskaliert immer wieder, zuletzt Ende Juni. Warum kommt es dazu? Welche Vorwürfe stehen im Raum? Welchen historischen Hintergrund hat der Konflikt?
Alle Fragen im Überblick:
Welche Vorgeschichte hat der Konflikt?
Warum ist der Grenzverlauf seit langem umstritten?
Die Ursachen für das angespannte Verhältnis reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1893 entstand die Grenze zwischen den Ländern auf den Druck der britischen Kolonialverwaltung hin und grenzte das Emirat Afghanistan von dem kolonialisierten Britisch-Indien ab. Sie ist benannt nach dem Briten Sir Henry Mortimer Durand, der Außenminister der britischen Kolonie Indien war.
Heute grenzt Afghanistan jedoch nicht mehr an die britische Kolonie Indien, sondern an Pakistan. Die Grenze wurde von afghanischer Seite aber nie anerkannt. Besonders nationalistische Paschtunen wollen erreichen, dass die Gebiete in der Grenzregion in Zukunft wieder zu Afghanistan gehören.
Auch in der jüngeren Vergangenheit ist die Geschichte der beiden Länder verbunden. Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, kam Pakistan bei der Nachschublieferung der USA an die Widerstandsgruppe der Mudschaheddin eine zentrale Rolle zu. Die Taliban, die wenige Jahre nach der sowjetischen Invasion in den 1990er Jahren das erste Mal in Afghanistan herrschten, rekrutierten sich zum Teil aus dem Umfeld religiöser Schulen in Pakistan, den sogenannten Madrasa-Schulen. Damals gehörte Pakistan zu den wenigen Ländern, die die erste Herrschaft der Taliban anerkannten.
Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im Jahr 2021 haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlechtert. Experten zufolge hatte Pakistan gehofft, seinen Einfluss im Nachbarland nach der erneuten Machtübernahme der Taliban ausbauen zu können. Das hat demnach jedoch nicht funktioniert.
Warum ist die Lage nun wieder eskaliert?
Zuletzt hatten Afghanistan und Pakistan in China über den Konflikt verhandelt. Chinesischen Angaben zufolge hatten sich die Länder im April darauf geeinigt, keine Maßnahmen zu ergreifen, durch die die Situation eskalieren würde.
»Das ist letztlich ein sehr typisches Muster. Es gibt immer eine Eskalation, sei es ein Terroranschlag. Pakistan antwortet darauf, die Lage eskaliert«, sagt Experte Felix Kolbitz, der bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung für Pakistan zuständig ist. »Es kommt zu Vermittlungen etwa durch China, die Türkei, Saudi-Arabien oder Katar. Man einigt sich auf einen Waffenstillstand und der hält dann im Grunde wieder bis zur nächsten Runde«, sagt Kolbitz der ZEIT. Seit Februar beobachte er, dass sich diese Spirale deutlich schneller drehe.
Die Taliban ziehen aus Einschätzung von Kolbitz ihre Energie aus Konflikten. »Das zu durchbrechen, ist die Herausforderung.« Die pakistanische Seite müsse erkennen, dass der Konflikt nicht mit militärischen Mitteln zu gewinnen sei, sagt Kolbitz. Sie müsse andere Anreize, etwa durch Handel oder bessere Abkommen schaffen, die den Terrororganisationen den Nährboden nehmen. »Ich glaube, das ist die große Herausforderung.«
Was ist zuletzt passiert?
Das pakistanische Militär hatte Ende Juni Ziele in Afghanistan aus der Luft und am Boden angegriffen. Nach Angaben Pakistans galten die Angriffe Extremisten und fanden entlang der Grenze zwischen den beiden Ländern statt. Laut dem pakistanischen Informationsminister Attaullah Tarar galten die Luftangriffe Zielen in den Provinzen Paktia, Paktika und Kunar. Die islamistischen Taliban, die in Afghanistan 2021 die Macht übernahmen, sprachen hingegen von getöteten Zivilistinnen und Zivilisten, darunter Frauen und Kinder.
Die britische Rundfunkanstalt BBC berichtete unter Berufung auf Taliban-Angaben von Angriffen auf Ziele in der pakistanischen Grenzprovinz Belutschistan. Das pakistanische Militär teilte mit, vier Drohnen abgeschossen zu haben. Es habe zudem gewarnt, dass jede weitere Provokation, eine passende Antwort erhalte.
Wie begründet Pakistan die Angriffe?
Informationsminister Tarar teilte mit, dass durch die Angriffe Ende Juni mutmaßliche Terroristen getötet worden seien. Dazu sollen auch Angehörige der militanten Gruppe Jamaat-ul-Ahrar (JuA) gehören. Diese werden häufig mit den pakistanischen Taliban, der Gruppe Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) in Verbindung gebracht.
Tarar stellte die Angriffe in einem Post auf der Onlineplattform X als Antwort auf vorangegangene Terrorangriffe in Pakistan dar. Dazu gehörte auch ein Anschlag, der sich vor kurzem in der pakistanischen Hafenstadt Karachi ereignet hatte und zu dem sich die JuA bekannt hatte. Durch den Vorfall waren drei Sicherheitskräfte getötet worden.
Wer sind die pakistanischen Taliban (TTP)?
Welche Folgen hat der Krieg für die Menschen vor Ort?
Die ohnehin angespannte humanitäre Lage in Afghanistan wird durch den Konflikt verschärft. Die bergige Grenzregion im Osten Afghanistans wurde außerdem im vergangenen Jahr von einem Erdbeben verwüstet. Im März hatte es zudem Berichte darüber gegeben, dass der Krieg im Iran den Nachschub für Hilfsgüter erschwere.
In einem Bericht des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) Afghanistan hieß es, dass die Gewalt an der Grenze zwischen den Sicherheitskräften der de facto Regierung der Taliban in Afghanistan und dem pakistanischen Militär zwischen Januar und März zu 769 zivilen Opfern führte. Die Zahlen stammen demnach von der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA). 372 Menschen davon sollen gestorben und 397 verletzt worden sein. Besonders viele Vorfälle seien auf Luftangriffe zurückzuführen, hieß es in dem Bericht, der im Mai veröffentlicht wurde.
Hilfsorganisationen schätzen, dass seit der Eskalation mehr als 100.000 Menschen in den Provinzen Khost, Kunar, Nangarhar, Nuristan, Paktia und Paktika vertrieben wurden. Bereits im März hatte die Organisation Save the Children zudem von 68.000 vertriebenen Kindern infolge des Konflikts gesprochen.
Mit Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP, dpa und Reuters

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