Andris Kalnozols Debütroman: „Ich werde einfach leben und schauen“

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Oskars lebt in einer Kleinstadt in Lettland und kann den Kalender mit allen Namenstagen auswendig: Welche Namen an welchem Tag, und an welchem Tag welche Namen – er kann das in beide Richtungen. Die Leute fragen ihn danach, wenn er im Städtchen spazieren geht, und weil er die richtige Antwort sofort parat hat, sie sonst aber nichts über ihn wissen, er für sie ein Namenloser ist, nennen sie ihn „Kalender“. Und die Kinder rufen auch „Riesenkalender“, weil er so groß gewachsen ist, fast zwei Meter.

Sonst wissen sie nicht viel über ihn, denn auf andere Fragen antwortet Oskars nicht. Er spricht überhaupt nur mit seiner Mutter, einer fast achtzigjährigen Rentnerin, bei der er immer noch wohnt, und mit dem Pfarrer. Oskars ist nervenkrank, leidet an „irgendeinem Syndrom“, und der Leser denkt sich, es wird wohl Asperger sein, so wie Oskars drauf ist: inselbegabt, kontaktscheu, mit genauestem Wahrnehmungsvermögen einerseits, ei­nem schroffen, unsensiblen, abrupten Verhalten andererseits.

Spaziergänge statt Nervenheilanstalt

Der Pfarrer hat ihm einen Tagesplaner geschenkt, und in den schreibt er seit dem 8. Juli jeden Tag, was er erlebt hat, was er denkt und fühlt, was er träumt. Jede Woche steht unter einem Motto, einem Wort, das Oskars wichtig ist, das hat dem einzelgängerischen Mann, der schon zweimal in der Nervenheilanstalt war, der Pfarrer empfohlen, als eine Art Therapie. Und weil dieses Tagebuch, dieser Roman mit seiner parataktischen Sprache und naiv da­herkommenden Weltsicht viel raffinierter, kunstvoller, selbstreferenzieller ist, als es zunächst den Anschein hat, ist das erste Wort, natürlich: wichtig.

So erfahren wir gleich zu Beginn, auf den ersten Seiten, die für Oskars’ Geschichte wichtigsten Sachen. Dass Oskars am 8. Juli vor zwei Jahren im Café „Kleines Eck“, wo er jede Woche mit seiner Mutter nach dem sonntäglichen Gottesdienst eine Suppe und einen Nachtisch isst, eine junge Frau gesehen und sich auf der Stelle in sie verliebt hat. Es ist natürlich eine geheime, versteckte Liebe, niemand weiß davon. Nur die Mutter, die ihn so genau kennt, ahnt sofort etwas, weil er, der sonst niemanden anschaut, immerfort zu der Schönen hinübersieht und dabei seine Suppe dreimal langsamer isst als sonst. Ihretwegen lernt Oskars alle Namenstage und Namen auswendig, „denn einer davon wird auch ihr Name sein“. Am Anfang bereitet es ihm kaum Mühe, aber zum Ende hin wird es quälend, schließlich so anstrengend, dass er sich übergeben muss und in die Nervenklinik kommt. Zum zweiten Mal. Ein drittes Mal will er das um jeden Preis verhindern. Und deshalb lebt er streng nach der Uhr, macht seine Spaziergänge, liest nicht, spricht nichts, geht allen potentiellen Gefahren aus dem Weg. Und schreibt.

 „Kalender“. Aus dem Lettischen von Sven Otto. Edition Fototapeta, 334 Seiten, 20 EuroAndris Kalnozols: „Kalender“. Aus dem Lettischen von Sven Otto. Edition Fototapeta, 334 Seiten, 20 Euroedition fotoTAPETA

Auf wenigen Seiten hat Andris Kalnozols die Bühne seiner Geschichte aufgeschlagen, Ort und Zeit markiert und die Protagonisten gezeichnet. Im Folgenden erweitert er stetig die Themen, den Raum, neue Figuren treten hinzu, während die Geschichte einerseits linear und chronologisch mit dem Kalender voranschreitet, andererseits Oskars’ Kindheit und Jugend in den Blick kommen und die Vorgeschichten der dazustoßenden Personen erzählt werden. Da es sich bei letzteren vornehmlich um sehr alte Menschen handelt, reichen diese biographischen Erzählungen bis in die 1940er-Jahre zurück, bis zum Krieg also und zur Besatzung, durch Russen und Deutsche und dann wieder Russen. Aber das alles erfährt man erst nach und nach, beim Lesen.

Zunächst befolgt Oskars seine selbst aufgestellten Regeln: Wo er langgehen darf und wie weit, wo er kehrtmachen muss, dass er mit niemandem spricht, einfach weggeht, wenn Gefahr droht, in ein Gespräch verwickelt oder verhöhnt zu werden, dass er beobachtet, aber so, dass es nicht auffällt (seiner Meinung nach), zu essen, der Mutter im Haushalt zu helfen, schlafen zu gehen, über alles nachzudenken, und wenn er das schöne Mädchen im Traum sieht, lange hinzuschauen.

Ohne abzubremsen wird die Richtung geändert

Aber dann, klar, kommt etwas dazwischen, eine Begegnung, eine Flucht, und so geht Oskars viel weiter, als er es sich ei­gentlich erlaubt hat, die ganze ehemalige Straße der Zukunft entlang, fast bis zur alten Möbelfabrik „Zukunft“, die schon au­ßerhalb des Städtchens liegt. Die Straße heißt jetzt Neimaņi, Neumann, und dort wird Oskars zu einem neuen Mann. Denn rechts, ein Stück von der Hauptstraße, ganz nah an der Stadtgrenze, steht das Neimaņi-Haus, wo er im Garten auf ein altes Tantchen trifft, das ihm zuruft: „Suchen Sie was, junger Mann?“ Er läuft weg, Hals über Kopf, aber die Frage lässt ihn nicht los. Am nächsten Tag kehrt er zurück, hinterlässt einen Zettel: „Ich suche etwas. Helfen Sie mir? Oskars.“ Er hat die Frage wörtlich genommen, existenziell. Und allmählich begreift er, was er sucht: einen Freund. Janina, das 95 Jahre alte Tantchen, und Oskars werden Freunde.

Oskars’ naive Sprache, die an die die Nebensächlichkeiten betonenden und sich wiederholenden Schulaufsätze von Kindern erinnert, dabei wunderbar doppeldeutig ist, mit leicht schrägen Sätzen, die wirken, als würde jemand, der in vollem Lauf ist, ohne abzubremsen plötzlich die Richtung wechseln, dieser unaufhör­liche stream of consciousness, der Haken schlägt und einen aufweckt und einen wegen seiner unfreiwilligen Komik lachen lässt, führt den Leser mäandernd durch die Stadt, durch die Geschichte, durch Geschichten und Vorgeschichten, nicht nur die von Oskars, sondern auch die der anderen, ihm immer lieber, wichtiger werdenden Menschen, die er im Verlauf eines Jahres kennenlernt, führt durch Oskars’ Gedanken – und man kann nicht aufhören, das zu lesen, weil es ein solches Vergnügen ist, dieser Sprache, ihrer zunehmenden Raffinesse, ihrem grotesken, absurden Witz zu folgen. Viele Sachen werden erklärt, aber so schräg und unzusammenhängend, mit dazwischen schießenden Sätzen, dass man das Eigentliche, Ausgesparte hier und da selbst zusammensammeln muss, die Schatzkarte eines fremden, vertrauter werdenden inneren Lebens zeichnen, das sich vom eigenbrötlerischen Taugenichts zu einem Herzenskünstler entwickelt.

Slapstickhafte Erzählweise und schräge Figuren

Während man liest, genießt man die geniale Gesamtkomposition, dieses entlang einer linearen Chronologie entlanggeführte, spiralförmige Erzählen, das, wie Oskars’ wiederkehrende Spaziergänge in der Stadt, immer weitere Runden dreht, mit Wiederholungen des bereits Bekanntem, dem sich etwas Neues anschmiegt, mitläuft. Es ist ein Genuss, eine helle Freude, wie die Motive wiederkehren und sich verschränken, so fein, so genau ist das von Andris Kalnozols gearbeitet und von Sven Otto im Deutschen in eine ebenso leichtfüßige, künstliche Mündlichkeit übersetzt, dass man oft lächelt vor Vergnügen beim Lesen applaudiert.

Andris Kalnozols, der Autor, wurde 1983 in Talsi geboren, der Stadt, die dem Roman Topographie, Schauplätze, jahreszeitliche Stimmungen und Atmosphärisches schenkte. Kalnozols ist in Lettland ein bekannter Theaterautor und Regisseur, seine Stücke werden am Nationaltheater in Riga gespielt. Der Roman ist sein Prosadebüt, er erschien 2020 im Verlag der Künstlergruppe ORBITA, einem der angesehensten und literarisch anspruchsvollsten des Landes, und war sofort ein Bestseller. Im Jahr darauf bekam er den bedeutendsten lettischen Literaturpreis und wurde inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt. Setting, Handlung, die slapstickhafte Erzählweise und die ungewöhnlichen Charaktere stießen auf breite Zustimmung in einem Land, in dem bislang die Gattung des historischen Romans vorherrschte, die traumatische lettische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch bei Kalnozols grundieren diese Töne die erzählten Lebensgeschichten der betagten Protagonisten, aber sie klingen leichter, freier, befreiter und sind aufgehoben in eine ins Offene gehende Handlung.

Sein Roman spielt in einem Fast-jetzt, in einer postsowjetischen Stadtlandschaft mit ihren verlassenen Fabriken, aufgegebenen Sozialeinrichtungen, ihren Provisorien und Brachen, verfallenden Häusern und Datschen, Imbissbuden, Säufertreffs – einer Peripherie, an der man die Wunden eines Nicht-mehr und Noch-nicht ablesen kann, denn keine Peripherie liegt weit genug abseits, als dass sie in den Epochenbrüchen nicht verheert würde. In und mit Oskars’ Kopf bewegen wir uns durch diese Stadt, durchs Leben, stoisch-verrückt nach dem Wichtigen suchend wie Kalnozols’ Held, der natürlich eine Schelmen-, eine Narrenfigur ist, jemand, der die Dinge wörtlich nimmt, das Kleine groß, das Große klein macht, die Regeln missachtet, der Stimme des Herzens folgt, ein Jurodiwy, wie die Gottesnarren im osteuropäischen Raum heißen, ein Exzentriker, ein Künstler, ein Glaubender, Zweifelnder, Liebender, ein nach Glauben und Liebe Suchender.

„Wenn Du alt und einsam bist und niemanden mehr zum Anrufen hast, dann ruf mich an“, schreibt Oskars auf Zettel, die er in der Stadt aushängt. Gleich am ersten Abend rufen ihn drei steinalte Leute an, im alten, längst geschlossenen Krankenhaus, das vor sich hinrottet und wo Oskars sein Büro eingerichtet hat – denn seltsamer- oder wunderbarerweise gibt es dort noch immer Strom und funktionierende Telefone. Hier versammelt er seine Truppe, einsame Rentnerinnen und Rentner, halbtaub, gehbehindert, voller Schrullen und Macken, mit langen, traurigen Lebensgeschichten. Mit ihnen feiert er seinen Geburtstag, gründet er sein Theater und führt am 9. Mai in der Möbelfabrik „Zukunft“ „Die Technik der Traurigkeit“ auf, ein wortloses Stück „über die Traurigkeit, die uns überkommt, wenn sich die Freude einfach als leere Technik erwiesen hat, lächelnde Zähne“.

Kleine Gemeinschaft von Theaterjüngern

Es ist eine Performance, eine soziale Plastik (Marthaler und Schlingensief schweben im Raum), ein Ritus, ein Gottesdienst. Auf die Aufführung folgt der Zusammenbruch, ein tagelanges Schweben zwischen Leben und Tod, das Opfer, Wiedergeburt oder gar Auferstehung. Oskars hat jetzt eine „Bande“, seine betagten Freunde, eine kleine Gemeinschaft von Theaterjüngern, die an ihn glauben und auch, wieder, an sich selbst, seine Mutter stirbt, und er wird von seinen Freunden getragen, sie sitzen zusammen beim Leichenschmaus, einen Tag darauf feiern sie Mittsommer, dann ist es so weit.

„Ich werde einfach leben und schauen. Das wünsche ich mir für das neue Jahr“, hatte Oskars am Silvestertag zu seiner Mutter gesagt. Jetzt ist Oskars bereit. Er zieht los in die Welt, geht das erste Mal bis Mundigciems und dann weiter, er geht seinen Weg und schaut. Wir sehen ihm nach und packen, wenigstens im Kopf, den Rucksack.

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