»Active Clubs«: Wie in Kampfsportgruppen rechte Ideologien verbreitet werden

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Foto: [M] DER SPIEGEL; Fotoarchiv für Zeitgeschichte / SZ Photo

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Sie nennen sich Pforzheim Revolte, Rheinlandbande oder Hermanns Heide: Junge Männer, die in »Active Clubs« für den Ernstfall trainieren. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, es handele sich bei den Gruppen um kickende Kontrahenten der Wilden Kerle.

Wäre da nicht die Naziideologie.

Ihren Anfang nahm die Organisation 2021 in Südkalifornien und hat sich von dort aus in den kompletten USA, Kanada und weiten Teilen Europas ausgebreitet. Mittlerweile gibt es Dutzende Klubs in Estland, Frankreich, Norwegen, Polen, Schottland oder Deutschland.

Ziel der Bewegung sei es, eine »neue gesamteuropäische Militärelite« vorzubereiten, »damit sich unsere weißen Brüder und Schwestern daran erinnern, dass sie zur Rasse der Schöpfer gehören«, so liest man es auf Telegram.

In den diversen Gruppenchats werden unter anderem Anleitungen für die richtige Vermummung auf Demonstrationen gegeben, Farbanschläge auf eine Parteizentrale der Grünen in Bremen gefeiert und Aufrufe zur Gewalt gegen Migranten und Migrantinnen geteilt.

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Peter Rigaud

Leonie Schöler, geboren 1993, ist Journalistin und Historikerin. Auf Instagram und YouTube ist sie als Heeyleonie aktiv. 2024 erschien ihr Buch »Beklaute Frauen«. In »Hidden History« bei SPIEGEL.de schreibt sie alle zwei Wochen darüber, welche historischen Wurzeln und Parallelen aktuelle Phänomene haben.

Dazwischen finden sich zahlreiche Fotos und Videos vom gemeinsamen Training, die den Kern der Gruppen ausmachen: Mit dieser Form des Freizeitangebots sollen Jugendliche angesprochen und aktiviert werden, um sie darüber zu politisieren.

Auf TikTok, YouTube und Telegram werden fleißig Videos geteilt, die dieses »Training« zeigen: vermummte Jünglinge, die sich prügelnd auf dem Boden wälzen. Laute Musik, schnelle Schnitte und Pyrotechnik sollen dabei für Dynamik sorgen.

Hier ein Beispiel aus Helsinki, in dem die »Militärelite« Finnlands trainiert – inklusive Abstecher zum Fastfoodessen:

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Eine parteipolitische Vereinnahmung lehnen die Active Clubs ab – statt ideologischer Grabenkämpfe soll die neue Rechte durch die Kampfgruppen zusammengeführt werden, schreibt der vorbestrafte Neonazi Dieter Riefling in der Zeitschrift »NS Heute«: »Klarer Stil, klare Zielsetzung, klare Optik – ihr arbeitet wieder an einem ›Gesamtkunstwerk‹, nicht an der tausendsten Abspaltung.«

Alles ist gut, solange du rechts bist!

Das Credo scheint zu sein: Alles ist recht, was rechts ist. Und auch, wenn die Active Clubs fast jeden Artikel, der über sie geschrieben wird, erbost in ihren Chatgruppen teilen und dabei alle historischen Vergleiche ablehnen – »dass unser Vorbild die Sturmabteilung der NSDAP sei, dürfte ähnlichen Fantasien entspringen, wie das dritte Geschlecht« – ganz so einfach von der Hand weisen lassen sie sich natürlich nicht.

Das offensichtlichste Vorbild sind die paramilitärischen Freikorps, die nach dem Ende des 1. Weltkriegs in zahlreichen Ortschaften der Weimarer Republik entstanden. Nationalistisch eingestellte junge Männer schlossen sich zu Kampf- und Leibesübungen zusammen, spielten Soldat und übten das Schießen.

Die Netzwerke, die sich hier bildeten, gaben Strukturen vor für den Aufbau von SA- und SS-Ortsgruppen im Laufe der Zwanzigerjahre, jenen Kampfverbänden, die mit Terror und Straßenkampf Hitlers Aufstieg flankierten. Das gemeinsame (Kampf-)Training war bei den Nationalsozialisten weiterhin wichtig – die spätere Sturmabteilung SA beispielsweise wurde zunächst als »Turn- und Sportabteilung« von Hitlers Partei NSDAP gegründet.

 Mit Terror und Straßenkampf Hitlers Aufstieg flankiert

Freikorps-Mitglieder auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, 1919: Mit Terror und Straßenkampf Hitlers Aufstieg flankiert

Foto: Scherl / SZ Photo / picture alliance

Der letzte KZ-Lagerkommandant von Auschwitz, Richard Baer, gab in einem Verhör der Frankfurter Auschwitz-Prozesse zu Protokoll, er sei weniger aus politischen Überzeugungen der SS beigetreten als aus »Freude am Soldatenspielen«.

Seine Aussage unterstreicht, welchen Stellenwert die gemeinsame Freizeitgestaltung im politischen Radikalisierungsprozess spielen kann.

Junge Menschen mit vermeintlich sinnstiftenden Freizeitaktivitäten für rechtsextreme Überzeugungen zu ködern, funktioniert – wenig überraschend – auch im 21. Jahrhundert. Wenn über die »Active Clubs« als neue Bewegung geschrieben und gesprochen wird, ist also Vorsicht geboten: So neu ist das alles gar nicht.

Am Ende bleibt das Muster dasselbe: Gemeinschaft, Körperkult und Gewalt als Bindemittel einer Ideologie, die nicht müde wird, alte Feindbilder aufzuwärmen und von einem bevorstehenden »Untergang des Abendlandes« zu schwadronieren, auf dessen Wiesen man in der Zwischenzeit Liegestütz und Hampelmänner macht. Und danach: Ab zum Burgerladen.

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