Trübes Wasser, moskitoverpestetes Gelände. Im Sommer unerträglich schwül, im Winter klirrend-kalt. So ist er, der swamp, der Sumpf. Amerikanischen Populisten dient er schon lange als Sinnbild für jene Establishment-Politik, die sie zu bekämpfen vorgaben, natürlich auch Donald Trump. Und auch der echte, physische Sumpf, auf dem die Hauptstadt Washington mit ihren monumentalen Gebäuden und breiten Achsen gebaut wurde, musste erst einmal ausgetrocknet werden. Noch mehr als 200 Jahre später mutet das waghalsig an. Aber genau das wurde am 16. Juli 1790 mit dem Residence Act beschlossen: Hier sollte die Federal City entstehen, die Hauptstadt der erst 14 Jahre zuvor gegründeten United States of America.
Vieles von dem, was heute kontrovers diskutiert wird, gründet in den Ursprüngen und frühen Weichenstellungen dieser Republik, die am 4. Juli ihren 250. Geburtstag feiert. Und damit in Washington. In kaum einer anderen Hauptstadt spiegelt die Topografie so stark die verschiedenen Etappen eines Landes: Sümpfe, Denkmäler und Museen, Viertel, die von Verdrängung, Emanzipation und Aufstieg geprägt sind. Wer sich zu Fuß durch Washington bewegt, kann Amerika chronologisch durchlaufen – von der vorkolonialen Landschaft über Gründung und Bürgerkrieg bis zu den anhaltenden Kämpfen um Freiheit, Zugehörigkeit und Erinnerung.
Der Spaziergang beginnt im Gezeitensumpf
Daher beginnt unser Spaziergang zum 250. Geburtstag nicht vor dem Weißen Haus und auch nicht unter der Kuppel des Kapitols, sondern draußen im Nordosten der Stadt, am Ufer des Anacostia, eines Nebenflusses des Potomac River. Dort liegen heute die Kenilworth Park & Aquatic Gardens, der größte verbleibende Gezeitensumpf des District of Columbia, kurz D. C. Ende Mai ist die viel zu frühe Sommerhitze monsunartigen Gewittern gewichen. Gerade hat der Regen kurz nachgelassen, doch die schweren Wolken kündigen weiteres Nass an. Bis es so weit ist, biegt der Wind den Schilf in das schwarze Nass, dreht die Tierwelt noch einmal auf – ein letztes Atemholen, bevor das Marschland auf Tauchstation geht. Wer Washingtons swamp sucht, wird hier fündig.
Am frühen Morgen gehört die Marsch noch ihren tierischen Bewohnern. Nur ein paar Birdwatcher in Tarnfarben wandern schweigend die Pfade des Parks entlang. Einer, ausgestattet mit einem beeindruckend langen Objektiv, erklärt freundlich, dass der schwarze Vogel mit dem großen roten Fleck auf der Seite Agelaius phoeniceus heißt, Rotflügelstärling. Info-Tafeln klären auf: »Der Seerosenblattkäfer frisst die Blätter und die Pollen, während seine Larven die Pflanzenteile unter der Wasseroberfläche fressen. Rückenschwimmer fressen die Blattkäfer, Fische fressen die Rückenschwimmer.« Und die Vögel fressen die Fische, wenn diese sich nicht schnell genug unter den großen Blättern der Teichrosen Schutz suchen. Fressen und gefressen werden, survival of the fittest, so war das im swamp schon immer.
Der Sumpf war das Fischereigebiet der Anacostans
Diese üppige Flusslandschaft war weder leer noch namenlos, als die ersten britischen Kolonisten dort eintrafen, obwohl es in der Erzählung der Vereinigten Staaten lange so klang. Sie war Teil der geschäftigen Welt der Anacostan (damals noch Nacotchtank) und anderer algonquinsprachiger Gemeinschaften, die am Fluss fischten und entlang des Wasserwegs im Chesapeake-Gebiet mit Pelzen und anderen Gütern handelten.
Mit der Ankunft europäischer Siedler im 17. Jahrhundert begann diese Welt zu schrumpfen. Wer als erster Europäer ein fremdes Territorium betrat, hatte nach damaliger Vorstellung ein Anrecht auf dieses Gebiet. Doch: Wenn sich die Neuankömmlinge Land »erschlossen«, bedeutete das für die bisherigen Bewohner den Verlust ihrer Jagdgründe und Dörfer. Die Siedler schleppten Krankheiten wie Pocken oder Masern ein, und sie bekämpften die Ureinwohner, wo diese nicht freiwillig Platz machten. Plantagenbesitzer verschoben die Grenzen ihrer Anbaugebiete immer weiter nach Westen, neue Siedler rückten nach. Rund 40 Jahre nach dem ersten Kontakt mit Europäern war die indigene Bevölkerung der Region auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Größe zurückgegangen. Im 19. Jahrhundert wurde diese Verdrängung zur offiziellen Politik Amerikas. Indian Removal war der euphemistische Begriff dafür. Die, die blieben, sollten assimiliert und damit als Ureinwohner unsichtbar werden: Schon die Kinder wurden in Internatsschulen von ihrer Kultur und Sprache entfremdet.
Wie sich diese Geschichte heute in Washington erzählen lässt, ist elf Kilometer entfernt vom Kenilworth Park zu sehen. Im National Museum of the American Indian geht es aber nicht nur um die Verdrängung. Es geht auch darum, verständlich zu machen, dass die indigene Geschichte des Landes keine reine Vorgeschichte, sondern Teil der Gegenwart ist – inklusive anhaltender Streitigkeiten über Landfragen, Assimilation und Repräsentation. Das Museum wurde 2004 eröffnet als eines der letzten komplett neuen Smithsonian-Institute an der National Mall. Von den vorherrschenden klassizistischen Gebäuden unterscheidet es sich schon durch seine geschwungene äußere Form. »Welcome to a Native Place« begrüßt ein Schild am Eingang: »Sobald Sie das Museumsgelände betreten, befinden Sie sich an einem Ort der Ureinwohner.« Pfade schlängeln sich durch die Grünanlage, in die das Museum eingebettet ist. Der plätschernde Wasserfall dämpft den Lärm der Hauptstadt, am Veteranen-Memorial liegen vertrocknende Kränze. Besucher haben Gebetsbänder an den vier bronzenen Lanzen befestigt, die rund um den großen Kreis aus Edelstahl die vier Himmelsrichtungen symbolisieren. Ein Mann mittleren Alters sitzt mit gesenktem Kopf auf der steinernen Bank.
Dem neuen Land fehlte nach der Unabhängigkeit ein Mittelpunkt
Verlässt man das Museum, betritt man direkt die nächste Etappe der amerikanischen Geschichte. Das Museum liegt an der Independence Avenue, die an die mühsam errungene Unabhängigkeit des Landes erinnert. Im Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) rissen sich die 13 amerikanischen Kolonien erfolgreich von der britischen Krone los. Doch nach dem gemeinsamen Sieg drohte die neue Union sofort wieder zu zerbrechen. Dem Land fehlte ein fester politischer Mittelpunkt. Bereits einflussreiche Städte wie die Handelsmetropole New York oder die Revolutionsstadt Philadelphia schieden als Hauptstadt aus, aus Sorge, dass dies die neue Union aus dem Gleichgewicht bringen könnte.
Der sogenannte Kompromiss von 1790 gab sowohl dem Norden als auch dem Süden etwas: Finanzminister Alexander Hamilton und die Nordstaaten wollten, dass die neue Bundesregierung die Schulden aus dem Unabhängigkeitskrieg übernimmt. Die Südstaaten lehnten Hamiltons Plan ab, weil Staaten wie Virginia ihre eigenen Kriegsschulden bereits fast vollständig abbezahlt hatten. Als Gegenleistung bestanden sie unter der Führung von Außenminister Thomas Jefferson darauf, dass die Hauptstadt im Süden errichtet wurde, am Potomac. So wollten sie verhindern, dass eine im Norden angesiedelte Regierung unter den Einfluss der dort wachsenden Abolitionisten-Bewegung geraten könnte, der Bewegung der Gegner der Sklaverei. Der Kompromiss sah eine Hauptstadt in einem eigens geschaffenen Bundessitz zwischen Nord und Süd vor, ungefähr in der Mitte der damaligen 13 Staaten. Dass George Washington selbst in der Region Land besaß und auf den Fluss als Handelsroute setzte, sprach für die Wahl. Der Präsident beauftragte dann den französischstämmigen Ingenieur und Architekten Pierre Charles L’Enfant 1791 damit, einen Stadtplan für Washington, D. C. zu entwerfen.
Das Rückgrat der Hauptstadt ist die National Mall
Wer der Independence Avenue gen Osten folgt, läuft bald einen sanft ansteigenden Hügel hinauf, auf dem das strahlend weiße United States Capitol mit seiner weithin sichtbaren Kuppel steht. Der Standort ist auch symbolisch wichtig. Als L’Enfant durch das damals noch bewaldete, schlammige Gebiet ritt, wurde er schnell auf diesen Hügel aufmerksam. In seinen Notizen hielt er fest, er habe auf ihn gewirkt wie »ein Podest, das auf ein Denkmal wartet«. Wie gemacht für ein Gebäude, in dem die gesetzgebende Gewalt einen Ort finden sollte: Der Kongress als Vertretung des Volkes war die wichtigste Institution der neuen Demokratie und damit gebührte ihr ein herausgehobener Platz. In seinen Stadtplan zeichnete L’Enfant strahlenförmig breite Prachtstraßen, die vom Kongressgebäude ausgingen – die breiteste führte zum Sitz der Exekutive, dem heutigen Weißen Haus. Dazwischen entstand jene offene Achse, die das Rückgrat der Hauptstadt bildet: die National Mall, ein mehrere Kilometer langer Grünstreifen, der nun von Museen und Monumenten gerahmt wird.
Die Hoffnung auf Ausgleich und Kompromiss zwischen Nord- und Südstaaten, die in Washington angelegt war, erwies sich schon bald als trügerisch. Denn der Grundkonflikt der jungen Republik war nicht gelöst worden: ob die Vereinigten Staaten ein Land der Freiheit sein wollten und zugleich an der Sklaverei festhalten konnten. Als 1861 elf Südstaaten aus der Union austraten, um ihre auf Sklavenarbeit beruhende Ordnung zu verteidigen, brach der Bürgerkrieg aus. Die Hauptstadt lag plötzlich gefährlich nah an der Front: Südlich des Potomac begann Virginia, das sich wie andere Südstaaten der Konföderation angeschlossen hatte. Um Washington herum entstanden militärische Befestigungen wie Fort Stevens im Nordwesten, wo D. C. an Maryland grenzt, oder Fort DeRussy im Rock Creek Park. Soldaten, Beamte, Verwundete und Flüchtlinge strömten in die Stadt. Sie wuchs, wenn auch nicht freiwillig. Gleichzeitig geriet die Einheit des Landes in Gefahr.
Washington war ein Kompromiss. Er hielt nicht
Dass die Vereinigten Staaten nicht dauerhaft zerbrachen, schreiben die Amerikaner vor allem Abraham Lincoln zu. Als Oberbefehlshaber der Unionstruppen weigerte er sich, die Abspaltung der Südstaaten zu akzeptieren. Da der Kampf um den Zusammenhalt des Landes auch ein Kampf um das Ende der Sklaverei war, wurde Lincoln zu einer moralischen Instanz. Er selbst bezahlte seinen Einsatz mit dem Leben. Er war der erste Präsident, der bei einem Attentat getötet wurde. Am 14. April 1865, wenige Tage nach dem Ende des Bürgerkriegs, schoss der fanatische Südstaatler John Wilkes Booth während einer Theateraufführung in Washington, D. C. auf Lincoln. Er starb am nächsten Tag.
Die Stufen seines Memorials sind heute ein beliebter Pausenort für Hauptstädter und Touristen gleichermaßen. Im schattigen Inneren lassen sich Besucher mit der riesigen Marmor-Statue fotografieren. Lincoln sitzt da mit ernstem Gesichtsausdruck, der Bildhauer Daniel Chester French zeigt ihn nachdenklich und entschlossen zugleich: die Hände auf den Armlehnen, eine Faust geballt. An der Wand darüber steht: »In diesem Tempel ist, wie in den Herzen des Volkes, dem er die Union bewahrte, die Erinnerung an Abraham Lincoln für immer bewahrt.« Lincolns Reden sind zu einer Art Glaubensbekenntnis der amerikanischen Demokratie geworden. Seine berühmteste, die Gettysburg Address vom 19. November 1863, die im Lincoln Room des Weißen Hauses aufbewahrt wird, kennen die meisten Amerikaner noch aus Schulzeiten:
»Es ist vielmehr unsere Pflicht, uns hier der großen Aufgabe zu widmen, die noch vor uns liegt (…) damit diese Toten nicht umsonst gestorben sind – damit diese Nation unter Gott eine neue Geburt der Freiheit erlebt – und damit die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwindet.«
Auf den Bürgerkrieg folgte die Reconstruction, die Phase des politischen Wiederaufbaus nach Abschaffung der Sklaverei. Doch mit dem Sieg der Union war die amerikanische Frage nicht gelöst. Sie stellte sich nur neu: Was bedeutete Freiheit denn nun konkret: für die vier Millionen befreiten Sklaven, für die Bürgerrechte, für die politische Ordnung des Landes? Wer war mit We the People, den berühmten Anfangsworten der amerikanischen Verfassung, gemeint?
In den Jahren nach 1865 versuchte die Bundesregierung zunächst, den Süden neu zu ordnen. Die Sklaverei wurde abgeschafft, ehemalige Sklaven erhielten Bürgerrechte und formell auch das Wahlrecht für Männer. Für einen kurzen Moment schien ein anderes Amerika möglich: eines mit schwarzer politischer Teilhabe, neuen Schulen, neuen Institutionen und dem Versprechen gleicher Staatsbürgerschaft.
Doch es kam anders: Rassistischer Terror, Kompromisse in Washington und der schwindende Wille des Nordens, die neuen Rechte auch wirklich durchzusetzen, führten zur Segregation. Im Süden wurden ab 1880 die Jim-Crow-Gesetze erlassen, mit denen die Rassentrennung zementiert wurde.
Das Weiße Haus wurde von Sklaven erbaut
Im National Museum of African American History and Culture, anderthalb Kilometer vom Lincoln Memorial und nur wenige Schritte vom Weißen Haus entfernt, wird der Leidensweg der versklavten Afrikaner und ihrer Nachfahren anschaulich beschrieben. Besucher lernen dabei auch vom zähen Kampf um Gleichberechtigung. Sie nehmen Platz in einer interaktiven Nachbildung der Sit-ins der Bürgerrechtler und hören Martin Luther Kings »I have a dream«-Rede auf den Stufen des Lincoln Memorials. Zudem wird anhand unzähliger Beispiele deutlich, welch riesigen Beitrag Afroamerikaner beim Aufbau des Landes geleistet haben. »Ich wache jeden Tag in einem Haus auf, das von Sklaven erbaut wurde«, sagte Michelle Obama einmal, die erste schwarze First Lady. Solche Fakten wurden in der offiziellen Geschichtserzählung des Landes lange ausgeblendet; das Museum versucht, diese Leerstellen zu füllen. Vollendet wurde dieser jüngste Museumsbau auf der Mall erst 2016 – am Ende von Barack Obamas Amtszeit. Seit der Eröffnung ist das Interesse so groß, dass Besucher sich ein Zeitfenster buchen müssen.
Washington selbst war lange eine widersprüchliche Hauptstadt: Sitz der Bundesregierung und zugleich tief von Rassentrennung geprägt. Nach dem Bürgerkrieg wuchs hier eine große schwarze Mittelschicht heran, die Nähe zum Staatsapparat, zu Schulen und Universitäten versprach Aufstiegschancen. Gleichzeitig blieben viele Stadtteile sozial und ethnisch getrennt. Rund um die U Street entstand so ein anderes Washington: ein stolzes, mit afroamerikanischen Kulturzentren, Jazzclubs und Theatern. Der Black Broadway. Ein Stadtteil mit überwiegend von Schwarzen besuchten Kirchen, Schulen und einer angesehenen Universität. Auch wenn die Feiernden im U Street Corridor heute deutlich diverser sind, spürt man noch immer, dass hier das schwarze Herz der Hauptstadt schlägt.
Bei Ben's Chili Bowl ist jeder willkommen
Seit fast 70 Jahren gibt es an der U Street einen Ort, an dem sich Anwohner, Partyvolk, Politiker, Polizisten und Obdachlose mischen: Bei Ben’s Chili Bowl ist jeder und jede willkommen, essen müssen schließlich alle. Virginia Ali, die den Diner nach dem Tod ihres Mannes Ben weiterführte, trifft man dort meist um die Mittagszeit. Die 92-Jährige tauscht dann Erinnerungen mit ihren Stammgästen aus, erklärt neuen Besuchern stolz, welche Präsidenten, Sänger und andere Promis hier schon die berühmte Half-Smoke verspeisten – nicht zuletzt Martin Luther King und die Obamas. In Wandgemälden auf den Außenwänden des Restaurants werden schwarze Ikonen gefeiert.
Der Stadtteil hat sich stark verändert, seit die Alis ihren Diner eröffneten. »In den 30er-, 40er-, 50er-Jahren gab es mehr als 250 Unternehmen, die Schwarzen gehörten. Heute ist das ganz anders«, erzählt Virginia Ali, die an diesem Tag ein Trikot der Commanders trägt – die Spieler der Football-Mannschaft von D. C. kamen am Vormittag mal wieder bei ihr vorbei. Neue Shops, Restaurants und Apartments wurden gebaut, deren Mieten inzwischen zu den teuersten in der Stadt zählen. »Alte Anwohner sind weggezogen, dafür sind viele Jüngere gekommen«, sagt Ali. Nur drei der ursprünglichen Geschäfte an der U Street haben überlebt: Ben’s Chili Bowl, Lee’s Flower and Card Shop auf der anderen Straßenseite sowie die Industrial Bank einen Block weiter. Die Eigentümer von Ben’s Chili Bowl haben in Washington viele Krisen mitgemacht und durchgestanden, die Unruhen nach der Ermordung von Martin Luther King, die Drogenepidemie, die Pandemie, jetzt wieder Trump. Virginia Ali ist sich sicher, dass ihre Stadt auch diese Prüfung überstehen wird.
Donald Trump will der Stadt seinen Stempel aufdrücken
Nicht jedem in der Hauptstadt gelingt es, angesichts dieses Präsidenten so gelassen zu bleiben wie Virginia Ali. »No troops on our streets«-Zettel oder »Fuck Trump«-Sticker kleben an Straßenlaternen, in Vorgärten stecken Schilder mit der Aufschrift »No Kings«, dem Motto der Anti-Trump-Proteste. Der Ärger um den MAGA-Anführer ist hier besonders groß, auch weil Zehntausende bei dem Behördenkahlschlag im vergangenen Jahr ihren Job verloren. Damals, als Trump und Elon Musk sich anschickten, den sprichwörtlichen Sumpf in Washington auszutrocknen. Mehr als 90 Prozent der Hauptstädter wählen bei Präsidentschaftswahlen regelmäßig den Kandidaten der Demokraten. Hunderte jubelten, als der Präsidentenhubschrauber Marine One am 20. Januar 2021 ein letztes Mal mit Trump an Bord von der South Lawn des Weißen Hauses abhob. Seit der Republikaner zurück ist, lässt er wiederum keinen Zweifel daran, dass er dieses Mal nicht einfach verschwinden wird. Er will der Stadt seinen Stempel aufdrücken.
Die Auswirkungen kann man inzwischen überall in Downtown sehen, besonders rund ums Weiße Haus. Dessen historischen East Wing hat er einreißen lassen, ohne dafür den Kongress um Erlaubnis zu bitten. Dafür soll jetzt mit Steuerzahlergeld ein gigantischer Ballroom hochgezogen werden – samt darunterliegendem Bunker. Das Oval Office wird immer goldener, der Rosengarten dank neuer Möbel und weiß-gelber Sonnenschirme zur Kopie von Trumps Privatclub Mar-a-Lago; auf der Mall feiert sich das Land gerade anlässlich seines 250.Geburtstags, genauer: der konservative Teil des Landes. Zehn demokratisch regierte Bundesstaaten und diverse ursprünglich eingeplante Künstler boykottieren die Great American State Fair, sie beklagen, Trump habe den Feiertag unnötig politisiert. Dafür gibt es Rodeo, Corn Dogs und Gospel-Chöre – sowie ein Miniatur-Triumphbogen aus Kunststoff als Preview des riesigen Trump Arch, der bald am Potomac alles überragen soll.
Am Justiz-, Arbeits- und Landwirtschaftsministerium hängen riesige Plakate mit Trumps Konterfei. Zur 250-Jahr-Feier am 4. Juli wurde die Zahl der Nationalgardisten, die der Präsident nach Washington geschickt hat, noch mal verdoppelt. An vielen Stellen versperren hohe Zäune den Weg, Touristen können das Weiße Haus nur noch aus großer Distanz fotografieren. Über den Neuanstrich des Reflecting Pools vor dem Lincoln Memorial und die Kosten dafür streitet die Nation.
Trump will verändern, wie Amerika sich selbst sieht und präsentiert. Unkritischer, heldenhafter. Mehr »wie früher« und »weniger woke«, was immer das heißt. Statuen tauchen auf, die vor ein paar Jahren nach hitzigen Debatten über die schwierige Kolonialgeschichte entfernt wurden. Vor dem Eisenhower Executive Building, wo der Vizepräsident seine Büros hat, steht nun Christopher Columbus, der »Entdecker Amerikas«, dessen Ankunft in der »Neuen Welt« den Beginn jahrhundertelanger Unterdrückung markiert. Im West Potomac Park soll gleich ein ganzer National Garden of American Heroes Platz finden, mit lebensgroßen Statuen von 250 Amerikanern – darunter diverse weitere, die Kontroversen auslösen.
Nicht alle Besucher stören sich an den vielen Baustellen, die sie während der Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag in der Hauptstadt sehen. »Wir sind stolze Patrioten«, sagt Anne Grave aus Missouri, die mit ihrem Mann und den beiden 14-jährigen Enkelkindern gerade an einer geführten Tour durch das Kapitol teilgenommen hat. Gemeinsam sind sie vor ein paar Tagen zu ihrer eigenen History Tour 2026 aufgebrochen: Philadelphia, Washington, D. C., Virginia, so lautet die Reiseroute, die sie auf ihren blauen T-Shirts in roter Schrift festgehalten haben. Was sie sehen, gefällt ihnen. Sie könne nicht verstehen, warum jemand etwas dagegen haben könnte, die eigene Nation und ihre Errungenschaften in Trumps Sinne zu feiern, sagt die 64-Jährige und verweist auf die Demonstranten, die sie am Vortag vor dem Weißen Haus beobachtet hat: »Wer unsere Freiheiten, unsere Art zu leben nicht will, kann doch auch woanders hingehen.« Wohin, bleibt offen. Die Familie zieht erst mal weiter zum Museumsshop.
Die Hauptstadt ist es gewohnt, dass an ihren markantesten Plätzen die Konflikte des Landes ausgetragen werden. Sie ist die Bühne für Hunderttausende, die gegen Kriege, für den Schutz ungeborenen Lebens oder ein schärferes Waffenrecht protestieren. Hier feiern die Amerikaner alle vier Jahre die Amtseinführung ihres Präsidenten – oder demonstrieren dagegen. Mit jeder neuen Regierung verändert sich auch die Stadt. Nur: Unter der aktuellen wirkt es gerade so, als ob der Wandel besonders rasant und disruptiv passiert. Bekommt Donald Trump seinen Willen, könnte sein gigantischer Triumphbogen bald die spektakuläre Sichtachse vom Kapitol über das Washington Monument zum Lincoln Memorial dominieren.
Trump hat Unruhe ins Stadtbild gebracht. Aber es gibt einen Ort, der bisher von seiner beautification verschont blieb: Den swamp in den Kenilworth Park & Aquatic Gardens hat er bisher noch nicht ausgetrocknet.

vor 2 Tage
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