Eine Vorstellung von Zülfü Livanelis bewegtem Leben geben die vielen Pässe, die man ihm in den vergangenen Jahrzehnten ausgestellt hat. Der erste war gefälscht, lief auf den Namen Mehmet Yılmaz Basmacı und ermöglichte ihm mit 26 Jahren die Flucht aus der Türkei. Nach dem Militärputsch von 1971 war Zülfü Livaneli als Verleger linker Literatur mehrmals ins Gefängnis gekommen. Als ihm abermals Verhaftung drohte, bestieg er mit dem falschen Pass einen Zug nach Deutschland.
In Schweden, dem Zielland seiner Emigration, bekam er einen blauen Flüchtlingspass, studierte in Stockholm Musik und schrieb Protestlieder gegen das türkische Militärregime. Erst nach der Amnestie im Jahr 1974 stellte die türkische Botschaft ihm ein Ausweisdokument mit seinem eigenen Namen aus. Mit dem kehrte er 1984, nach einem weiteren Militärputsch, in die Türkei zurück, wurde 1996 UNESCO-Botschafter und bekam als solcher den roten Pass der Vereinten Nationen überreicht. Im Jahr 2002 wurde Livaneli für die Oppositionspartei CHP ins türkische Parlament gewählt und erhielt so von dem Staat, für den er sich einst falsche Papiere hatte zulegen müssen, einen Diplomatenpass.
Die Musik wurde in die Türkei geschmuggelt
Die unterschiedlichen Ausweisdokumente waren entweder mit peinlichen Kontrollen oder mit großen Privilegien verbunden, obwohl der Mensch, um den es ging, immer derselbe blieb. In seiner Autobiographie „Roman meines Lebens“ von 2011 leitete Zülfü Livaneli daraus die Wahrheit ab, dass ein bürokratisches Behördendokument weit wichtiger genommen werde als die Frage, wie es um jemandes Seele, sein Herz und seine Aufrichtigkeit bestellt ist.

Für den 1946 im osttürkischen Ilgın geborenen Livaneli, der Komponist, Sänger, Schriftsteller, Filmemacher und einer der bedeutendsten Intellektuellen der Türkei wurde, ist diese Frage dagegen immer zentral gewesen. Der Einsatz für Humanismus, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Verständigung bildet den Fluchtpunkt seiner zahlreichen Filme, Romane und Lieder, die während der bleiernen Jahre zunächst auf Kassetten in die Türkei geschmuggelt wurden und mit denen Generationen von Türken aufgewachsen sind.
Er schloss Freundschaft mit der griechischen Sängerin Maria Farantouri und dem Komponisten Mikis Theodorakis und setzte sich mit ihnen über Jahrzehnte hinweg für die griechisch-türkische Verständigung ein. In den Neunzigerjahren sang er mit Ahmet Kaya im Fernsehen ein Duett, während andere Intellektuelle dem türkisch-kurdischen Künstler feindselig begegneten, da er ein Lied auf Kurdisch aufgenommen hatte.
Wahrheiten, ohne anzuklagen
Nach über dreißig Alben erklärte Livaneli seine musikalische Mission als Songwriter für beendet. Seine große Liebe sei immer die Literatur gewesen. Ende der Neunzigerjahre begann er, Romane zu schreiben. Geleitet von der Überzeugung, dass Literatur die Kraft besitze, Vorurteile abzubauen, lenkt er seitdem mit Büchern den Blick auf Themen, die in der Türkei an alten Wunden und Verdrängtem rühren.
So handelt sein Roman „Unruhe“ von den Verbrechen des IS an den Jesiden, die auch in der Türkei marginalisiert werden. „Glückseligkeit“ verwebt das Thema der tief in der Gesellschaft verwurzelten Ehrenmorde mit der staatlichen Gewalt im Südosten des Landes, sein Roman „Der Eunuch von Konstantinopel“ ist eine zeitlose Parabel über Macht und Gewalt in totalitären Systemen, und „Serenade für Nadja“ holte den Untergang des Flüchtlingsschiffes Struma 1942 vor der Küste Istanbuls mit fast 800 Juden an Bord zurück ins öffentliche Bewusstsein.
Zülfü Livaneli hat einmal erzählt, dass seit den Siebzigerjahren fast fünfzig seiner Freunde und Weggefährten aus politischen Gründen in der Türkei ermordet wurden. Während viele türkische Intellektuelle mittlerweile im Exil leben, harrt er in Istanbul aus. Die Menschen in der Türkei schätzen ihn, weil er Wahrheiten ausspricht, ohne anzuklagen. Ein Abschied würde für viele das Ende ihrer Hoffnung bedeuten. Heute wird Zülfü Livaneli, dieser große Menschenfreund, 80 Jahre alt.

vor 13 Stunden
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