Fassungslos, bis in die Fingerkuppen elektrisiert war der Komponist und Siemens-Musikpreisträger George Benjamin, als er erfuhr, dass Yvonne Loriod komponiert habe. Er hatte die Ehefrau des Komponisten Olivier Messiaen, eine der glänzendsten Pianistinnen der Nachkriegszeit, bei seinem Studium in Paris erlebt und nie erwartet, dass sie selbst auch Musik geschrieben habe.
„Ich hatte keine Ahnung!“, bekannte er noch im Januar 2025 in einer Sendung von Philipp Quiring für den WDR und erinnerte daran, dass auf ihren Visitenkarten gestanden habe: „Madame Olivier Messiaen“. Sie war, aus eigenem Entschluss, verschwunden hinter ihrem Mann. „Yvonne Loriod existiert nicht ohne Olivier Messiaen“, erklärte die 1924 geborene Musikerin noch kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010, „er ist alles für mich in meinem Leben, mein Meister, meine Liebe, mein Gott, alles.“
Ein sorgsam verborgenes kompositorisches Werk
Der Dirigent Kent Nagano, der während seines Studiums in den Achtzigerjahren beim Ehepaar Messiaen in Paris gewohnt hatte, wusste es besser. Er hatte beobachtet, dass es Manuskripte von Loriod gab. Sie selbst tat sie als unwichtig ab mit der Bemerkung: „Wir sind hier, um der Musik von Olivier Messiaen zu dienen!“ Gut zehn Jahre nach Loriods Tod begab sich Nagano in die Pariser Bibliothèque Nationale de France und sichtete den Nachlass seiner Klavierlehrerin. Er stieß auf ein veritables, fast achtzig Jahre vor der Öffentlichkeit sorgsam verborgenes kompositorisches Werk, darunter 280 Seiten unter dem Titel „La sainte face“ aus den Jahren 1944/45, eine neunzigminütige Meditation über das Antlitz Jesu bei der Kreuzigung.

Nagano rief sofort den Intendanten des Musikfestes Berlin, Winrich Hopp, an und erzählte ihm von dem Fund. Beide beschlossen, die Uraufführung vorzubereiten. Patrick Hahn, damals beim WDR als Redakteur für Neue Musik zuständig, leitete mit dem Musikverlag Durand die aufwendige Edition der Handschrift in die Wege. Am 5. September wird nun das WDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Kent Nagano in der Berliner Philharmonie nach 81 Jahren „La sainte face“ zur Uraufführung bringen.

„La sainte face“ besteht aus zwei Teilen. Der erste wendet sich in vierzehn Sätzen den einzelnen Partien des geschändeten Antlitzes Jesu zu. Der zweite Teil besteht aus einer „Meditation über die Lilie“ für Sopran und Orchester nach Loriods eigenem Gedicht, angeregt durch die katholische Mystikerin Thérèse de Lisieux. Der Partitur vorangestellt ist der Untertitel: „Zum Gedenken an die Offenbarung des Heiligen Antlitzes am Montag, den 29. Mai 1944 und an die Ausstellung der Nachbildung des heiligen Grabtuches in der Kirche von la Garenne während der Tage der Agonie von Jean Claude Touche (26.–29. August 1944)“. Das Stück schöpft also aus spirituellen und zeitgeschichtlichen Quellen gleichermaßen: der Ausstellung einer Nachbildung des Heiligen Grabtuchs von Turin und der Tötung des achtzehnjährigen Jean Claude Touche durch Angehörige der deutschen Wehrmacht während der letzten Stunden der deutschen Besatzung von Paris.
Wer war Jean Claude Touche?
„Jean Claude Touche war ein junger Organist aus der Klasse von Marcel Dupré, aus der auch Messiaen hervorgegangen war“, erzählt Winrich Hopp. „Touche galt als große Hoffnung in Paris, er sah sich als Organist an Notre-Dame und war ein begabter Dirigent. Während der Besatzung durch die Deutschen war er als Sanitäter tätig und stand in Verbindung mit der Résistance, ohne ihr direkt anzugehören.
Während der deutschen Besatzung führte er Tagebuch. Darin notierte er die Vorgänge während der letzten Besatzungstage kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner und die Briten. Am 25. August hält Charles de Gaulle seine Rede, dass Paris befreit sei. An diesem Tag beschreibt Touche das Anrücken der Panzertruppen in Paris und wie prächtig geschmückt die Straßen zur Begrüßung der Westalliierten seien. Und dann trifft ihn eine Kugel von deutschen Besatzern. Er kommt ins Krankenhaus und bleibt dort für drei Tage, nach denen er stirbt.“

Für Hopp ist „Das heilige Antlitz“ also „nicht nur ein Werk religiöser Verzückung, sondern auch ein Kommentar zur Befreiung Paris’ von der deutschen Besatzung. Es gab damals eine Engführung von Politik, Gesellschaft und Religion. In diesem Kontext muss man auch das Stück von Loriod sehen.“ Man könnte sogar sagen, dass die katholische Erneuerungsbewegung, die Teile der französischen Intellektuellen bereits nach dem Ersten Weltkrieg ergriffen hatte, sich in diesem Werk von Loriod am stärksten politisiert habe. Die Uraufführung in Berlin wird auch durch Orgelstücke von Touche ergänzt werden.
Musik jenseits europäischer Schriftgewohnheiten
Loriod war 1944/45 Kompositionsschülerin von Darius Milhaud gewesen, besuchte aber schon die Analyseklasse von Messiaen, in der es viel um das Aufschreiben von Musik jenseits europäischer Schriftgewohnheiten ging: die Musik Afrikas und Indiens. Messiaen pflegte zu dieser Zeit seine erste Frau, die nach einer Gebärmutterentfernung schwer nervenkrank geworden war und bald verstarb. Doch Loriod arbeitete schon damals mit Messiaen an der Uraufführung der „Visions de l’Amen“ für zwei Klaviere.
Das Werk Loriods, die 1951 aufhörte zu komponieren, berührt sich mit der Musik des sechzehn Jahre älteren Messiaen nicht nur im Interesse am indischen Tonsystem der Ragas und an afrikanischen Gesängen. Auch das elektronische Instrument der Ondes Martenot, das Messiaen zeitgleich in seinen „Trois petites liturgies de la présence divine“ verwendet, benutzt sie in „La sainte face“. Kühn ist die Aufsplitterung des großen Orchesterapparats in kleine Ensembles. Bereits Hector Berlioz habe das Orchester als kombinatorische Fabrik zur Erzeugung von Klängen beschrieben, sagt Hopp. Loriod kondensiere den Apparat nicht; sie begreife ihn als modulares System. Das weise voraus auf Werke wie „Pli selon pli“ von Pierre Boulez, ihrem Mitschüler in Messiaens Klasse.
Auch die Zuwendung zur Musik Afrikas gehe nicht den Weg in die Einfachheit, sondern in eine neue Komplexität. Das sei, so Hopp, zugleich ein Stück Selbstaufklärung darüber, wie reichhaltig die eigene europäische Sprache bereits sei. Die Uraufführung in Berlin ist bestenfalls ein Auftakt. Eine Komponistin tritt hier ans Licht, die wie ihr späterer Mann katholische Intelligenz und musikalische Avantgarde verschmolz. „Es gibt viel Material von Yvonne Loriod, das noch nicht gesichtet wurde“, berichtet Hopp. „Man kann mindestens mit noch fünf bis sechs gehaltvollen Werken rechnen, die es verdient haben, uraufgeführt zu werden.“

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