Russland: Eine Gesellschaft im Kriegszustand

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Es war der geflohene Wagner-Soldat, der die norwegische Journalistin und Schriftstellerin Åsne Seierstad zu einer Russland-Recherche inspirierte, sie in die sibirische Taiga, in Moskauer Büros, Petersburger Cafés, auf abgelegene Warenverladestationen führte und ein ebenso voluminöses wie vielgliedriges Buch schreiben ließ, das eine Gesellschaft im Kriegszustand porträtiert. Seierstad, die in Russland als Korrespondentin und in Konfliktregionen als Kriegsberichterstatterin gearbeitet hat, schildert das Echo des Ukrainefeldzugs, frische Gräber in Armutsgegenden, patriotische Bekenntnisse von Provinzlern und Großstadtintellektuellen, seltene Kritik, vor allem aber die sich in Echtzeit zuschnürende Schlinge von Zensur und Repression.

 „Der Krieg ist anderswo“Åsne Seierstad: „Der Krieg ist anderswo“Hanser Verlag

Der Hanser Verlag hat nun Anja Lerz’ vorzügliche deutsche Übersetzung des im vorigen Jahr im Original erschienenen Buches unter dem Titel „Der Krieg ist anderswo“ herausgebracht, aber leider nicht von einem russophonen Lektor durchsehen lassen, weshalb russisch zitierte Wörter häufig falsch geschrieben sind.

Seierstads Schlüssel und Ariadnefaden ist der Wagner-Söldner Andrej Medwedew, der im Januar 2023 die Grenze nach Norwegen überquerte und Asyl ersuchte. Die Autorin traf sich mit dem damals 26 Jahre jungen Mann vielfach, wurde seine Vertrauensperson und zeichnete seine Lebensgeschichte auf, die die sozialen Voraussetzungen von Russlands Kriegsführung besser verstehen lässt. Medwedew entstammt einem sibirischen Dorf in der Region Tomsk, sein Vater trank, schlug die Mutter, die von einem betrunkenen Traktoristen totgefahren wurde, der Junge kam ins Heim, lernte Selbstbehauptung auf brutale Art, soff, stahl, landete immer wieder im Gefängnis, verdingte sich zwischendurch als bezahlter Störer friedlicher Demonstrationen. Da er Vorstrafen tilgen wollte, kampferprobt und genügsam war, den Adrenalinrausch liebte, vor allem aber von niemandem vermisst wurde, war er ein idealer Kandidat für Putins Kriegsmaschinerie.

Stapel von Leichensäcken

Frisch aus der Haft entlassen, ging er im Juli 2022 zum Wagner-Kommando, das ihn in der Anfangsphase der verlustreichen Eroberung von Bachmut einsetzte. Er lernte die Wagner-Regel, dass Rückzug tabu war. Als ein Stoßtrupp zur Hälfte vernichtet wurde und stecken blieb, bekam der Kompaniechef nur einen Wutanfall und schickte Medwedew hinterher, dessen Trupp von 30 Mann 27 verlor. Seine Zeugnisse schildern den sogenannten „Fleischwolf“, das Vorstürmen unter Beschuss, das Sterben der Angreifer, bis die Überlebenden, durch Artillerie unterstützt, den nächsten Schützengraben einnehmen und möglichst viele Ukrainer töten. Die Stapel von Leichensäcken zeigten Medwedew, dass er und seine Kameraden Verbrauchsmaterial und de facto Leibeigene waren. Als im November sein Vertrag auslief, eröffnete ihm sein Chef, der werde automatisch verlängert, und steckte ihn, als er protestierte, in eine Strafzelle. Mithilfe von Kameraden konnte er fliehen.

Ex-Wagner-Söldner Andrej Medwedew 2025 in OsloEx-Wagner-Söldner Andrej Medwedew 2025 in OsloReuters

Die Journalistin nimmt Medwedews Geschichte zum Anlass, seine Verwandten und ehemaligen Pädagogen in der tiefen Taiga, zum Ausgleich aber auch Angehörige der systemtragenden Moskauer Elite sowie letzte Dissidenten aufzusuchen, erhält ein Visum für das Verfassen eines Buches über Russlands Kultur und Gesellschaft, wird aber bei jeder Einreise gründlicher kontrolliert. Dank Seierstads Talent, sich auf alles einzulassen, zuzuhören, erfährt man, dass Medwedews Heimgenossen in ihrer Mehrzahl kriminell geworden seien, ebenso wie viele seiner Schulkameraden, bis auf die, die in der Ukraine „Russlands Grenzen schützten“, während die meisten Mitschülerinnen Familien gegründet hätten. Und man versteht die Klagen von Medwedews Erziehern, wonach die Freiheitsrechte, die nach dem Ende der Sowjetdisziplin in den Neunzigerjahren plötzlich galten, sich für die meisten ihrer Schützlinge verhängnisvoll ausgewirkt hätten.

Die Autorin, die sich in Sibirien als Melkerin bewährt und einen Skiausflug mit Schulkindern mitorganisiert, bringt einem ihre Helden nahe. Medwedews Kriegserzählung veranschaulicht, warum der schwersten Stress neutralisierende Alkohol an der Front überlebenswichtig ist. Die Sibirierinnen beklagen den Krieg und die vielen Toten, doch für den gutherzigen Sport- und Literaturlehrer, der die Problemjungs auf Ausflüge mitnahm und ihnen Lesen und Disziplin nahebrachte, ist Medwedew, der im Westen seine „Wahrheit über den Ukrainekrieg“ verbreitet, ein Verräter. Der joviale Schulleiter lobt die Rückkehr zum autoritären Unterricht und die neuen paramilitärischen Fächer, meidet aber das Thema der „Militärischen Spezialoperation“, wohl, weil viele seiner Zöglinge in der Ukraine gefallen sind. Die vielleicht eindrucksvollste Szene beschreibt die Begegnung der Autorin mit Medwedews Vater, der ebenso alt wie sie, aber fast schon ein Greis ist und begreift, dass für seine Versuche, den Sohn durch Prügel vor der schiefen Bahn zu bewahren, die Welt zu komplex geworden ist.

Dysfunktionaler Staat

Welch ein Kontrast zu den parkettsicheren Politexperten, die sie in Moskau trifft und unter deren Bekannten natürlich niemand mobilisiert wurde. Der Politologe Fjodor Lukjanow, der an der Moskauer Wirtschaftshochschule lehrt und eine führende Position im offiziöse Narrative formulierenden Waldai-Club innehat, war bis zum Beginn der russischen Vollinvasion liberal, versicherte, sein Land würde niemals einen Krieg beginnen, und wurde, wie viele in der Elite, von der militärischen Aggression überrascht. Lukjanow erklärt der Autorin, für Putin habe nur eine russlandfreundliche Ukraine ein Existenzrecht, sagt aber auch, dass Loyalität für den Präsidenten mehr zähle als Professionalität, weshalb der Staat so dysfunktional sei.

Sein aalglatter Kollege von der Diplomatenhochschule, Iwan Timofejew, verwahrt sich in rhetorischen Pirouetten gegen „Vereinfachungen“ westlicher Politbeobachter, bestreitet, dass Russland eine Autokratie sei, um es gleich darauf zu bestätigen. Wenn dann zwei privilegierte Teenager gegenüber Seierstad behaupten, alle Staatschefs kämpften um Geld und Territorien und die Sanktionen schadeten vor allem Europa, klingt das beinahe erfrischend zynisch.

Seierstad besucht aber auch die oppositionelle „Nowaja gaseta“, die ihr Chefredakteur, der Nobelpreisträger Dmitri Muratow, nach dem Lizenzentzug nur noch monatlich in einer Auflage von 999 Exemplaren herausbringen kann. Die im April 2025 aktuelle Ausgabe analysiert die Merkmale des Faschismus, von Führerkult, Militarisierung, Zensur und Denunziation, die das heutige Russland beschreiben, ohne es zu nennen. Sie besucht im nordwestrussischen Pskow den damals noch nicht inhaftierten Abgeordneten der sozialliberalen Partei Jabloko, Lew Schlosberg, der schon 2014 von den heimlich bestatteten Soldaten der Fallschirmjäger-Eliteeinheit berichtete, die zuvor heimlich in die Ukraine geschickt worden waren. Der Kriegsgegner Schlosberg wurde zum „Ausländischen Agenten“ ernannt, um ihn durch Rechenschaftspflichten und Bußgelder zu schikanieren. Motorisierte Beschatter verfolgten ihn, sobald er sein Haus verließ, und filmten jeden, der ihn auf der Straße grüßte.

Provokateure des Inlandsgeheimdienstes

Erschütternd ist die Geschichte von Maria Andrejewa, deren Mann zum Lazarettdienst eingezogen wurde, Verkrüppelte und Sterbende betreuen, Tote identifizieren musste und anderthalb Jahre später nach einem Totalzusammenbruch in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Andrejewa war die inoffizielle Moskauer Leiterin der Initiative „Weg nach Hause“ (Put’ domoj), die regimetreue Gattinnen Mobilisierter gestartet hatten, um zu erreichen, dass ihre Männer nach dem von der Regierung versprochenen Rotationsprinzip abgelöst würden, was nicht geschah. Andrejewa wurde von Internettrollen denunziert, von Fernsehpropagandisten verhöhnt, von der Polizei beschattet und verwarnt, im Mai 2024 als „Ausländische Agentin“ eingestuft und verlor infolgedessen ihre Arbeit als Kinderärztin.

Als Zeitachse erzählt das Buch zudem vom Aufstand und Ende des Wagner-Privatarmeeführers Jewgeni Prigoschin, vom Tod Alexej Nawalnyjs und den Reaktionen darauf, von Wahlen, die keine sind, zitiert aber auch die Moskauer Schwester eines Pussy-Riot-Mitglieds, die Putinistin wurde, weil sie, wie sie sagt, kapierte, was für ein Film gedreht werde und was ihre Rolle darin sei. Zugleich registriert die Autorin, die Russland verstehen will, dass die Menschen, zu denen sie leicht Kontakt findet, sie zunehmend meiden, weil sie als westliche Ausländerin toxisch ist. Stattdessen wird sie von einem fröhlichen Pärchen kontaktiert, in dessen sorgloser Putin-Kritik und einem merkwürdigen Interesse an dissidentischem Schrifttum sie zu spät Provokateure des Inlandsgeheimdienstes erkennt.

Im Epilog erfährt man, dass Medwedew, der das Prügeln nicht lassen konnte, kein Asyl bekam und Norwegen Richtung Süden verlassen hat; dass Andrejewa ihre Aktivitäten beim „Weg nach Hause“ herunterfuhr, während der sibirische Schulleiter weitere neue Fächer einführte; und dass Schlosberg ins Gefängnis geworfen wurde. Dass er jetzt wegen seines Pazifismus zu elf Jahren Strafkolonie verurteilt wurde, konnte Seierstad nicht mehr berücksichtigen.

Åsne Seierstad: „Der Krieg ist anderswo“. Russland von innen. Hanser Verlag, München 2026. 608 S., geb., 32,– €.

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