Dass Künstler sich zum Nationalsozialismus äußern, kommt vor. Die Frage ist dann immer dieselbe: Wie ist es gemeint? Man kann es nie wissen und das Gesagte, den Wortlaut so oder so verstehen – beim Nennwert nehmen oder auf der Ebene der Ironie, der Kunst ansiedeln. Es gibt dafür keine verlässliche hermeneutische Methode, jeder Fall ist eben anders. Jenseits der juristischen Sphäre spielen in der Regel Sym- und Antipathien hinein, die das Verhältnis zwischen politisch-moralischer Glaubwürdigkeit und ästhetischer Relevanz zusätzlich verkomplizieren.
Der Fall des amerikanischen Hip-Hop-Musikers Kanye West, der sich mittlerweile Ye nennt, wird wahrscheinlich kein Gericht beschäftigen – es sei denn, er geht gegen das vom britischen Innenministerium nun, nach der Diskussion über Ostern, doch etwas plötzlich verhängte Einreiseverbot juristisch vor, so dass am Ende ein Einwanderungsgericht darüber zu befinden hätte, ob der Musiker ein Nazi und Antisemit ist.Als solcher hatte er sich im vergangenen Jahr gewissermaßen selbst empfohlen, indem er einwandfreie Hakenkreuz-T-Shirts in Umlauf brachte und sich in einem fotografieren ließ. Das Online-Geschäft, über das diese zu beziehen waren, wurde gesperrt.
Beim diesem Song ist das anders
Anders sieht es bei dem Song aus, den er, irgendwie sinnfälligerweise, am 8. Mai 2025 herausbrachte: „Heil Hitler“. Ihm wird man, trotz des eindeutigen Titels, etwas Affirmatives nicht ohne weiteres ablauschen können. Es handelt sich um einen für dieses Milieu geradezu klassischen, in der Tradition des Früh-Siebziger-Soul zu verortenden Sozialreport: Das lyrische Ich klagt darüber, dass die Behörden ihm seine Kinder weggenommen haben, woraufhin er, mit entsprechendem Vokabular hantierend, zum Nazi wird.
Angehängt ist eine authentische Hitler-Rede, die dem Lied überhaupt erst Sinn verleiht und ihn im selben Moment auch schon verdreht, ein akustischer Appendix, der einen Rückschluss auf das in den lyrics eigentlich Vorgetragene nicht nur nicht nahelegt, sondern gar keinen inneren Zusammenhang erkennen lässt. Auf Youtube unterzieht ein junger Moderator dieses von Ye dann mehrmals entschärfend überarbeitete, in Deutschland verbotene, aber in Amerika noch verfügbare Lied in der Originalfassung einer absolut plausiblen Analyse. Gut heißen muss man es deswegen trotzdem nicht.
Doch solche Musik gab und gibt es immer wieder. Die linken Gebrüder Engel hatten auf ihrer deutschrockmäßig ausgereiften Platte „Magengesicht“ (1980) gleich zwei Lieder, die nach dem selben Prinzip funktionierten: „Die Rede“ mit einem Auszug aus einer Rede von Franz Josef Strauß und, mit dem absolut begreiflichen, inzwischen zum Begriffsbesteck aller Wohlmeinenden gehörenden Titel „Sie fangen wieder an“, mit dem brüllenden Hitler („Ich habe den Befeeehl gegeben!!!“). Der Unterzeichnende erinnert sich noch an das entsetzte Gesicht seines Vaters, nachdem er am elterlichen Plattenspieler erstmals die Nadel auf dieses Lied gesenkt hatte.
Verharmlost er jetzt alles?
Jedoch sind es nicht nur dieses eine Lied und die T-Shirts. Ye hat in rechtslastigen amerikanischen Talkshows Zweifel am Holocaust angemeldet und Positives über Hitler geäußert. Hinterher hat er eine bipolare Störung geltend gemacht, natürlich mit dem Ergebnis, dass Vertreter einer Depressionslobby darin eine Verharmlosung der Krankheit sahen. Es kommt also einiges zusammen: Hitler-Verharmlosung und Depressions-Verharmlosung. Der Regisseur Lars von Trier, der gleichfalls unter Depressionen leidet, hatte sich mit NS-Bekenntnissen aus dem Cannes-Festival herauskatapultiert. Wird man nun Nazi, weil man depressiv ist oder ist man depressiv, weil man Nazi ist? Man wird es so leicht nicht herausbekommen.
Was an der Sache stutzig macht, ist etwas anderes. Ye war für das Londoner Wireless Festival im Juli an drei Abenden hintereinander längst gebucht, seine, wenn man so will: NS-Vergangenheit schon bekannt. Der Wind begann sich erst zu drehen, als Sponsoren wegen des umstrittenen, aber bis dahin noch nicht gecancelten headliners kalte Füße bekamen und Verträge kündigten. Daraufhin erklärten ihn ein Festivalorganisator und sogar der Premierminister für untragbar, so dass schließlich das Innenministerium einschritt; und das in einem Land, das sich von seinen Popmusikern bis hin zu Idolen wie David Bowie augenzwinkernde NS-Flirts einst bieten ließ. Das Festival fällt nun, seiner Hauptattraktion beraubt, ganz ins Wasser. Aber vielleicht kann Ye seinen Fans vom home office aus etwas vorsingen.

vor 3 Stunden
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