Surfende Privatdetektive sind selten. Wer sich diesem schmalen Subgenre des Kriminalromans zuwenden wollte, musste bislang auf amerikanische Autoren zurückgreifen. Vor rund vierzig Jahren schickte Kem Nunn in „Wellenjagd“ den ersten surfenden Ermittler aufs Brett, ihm folgte 2008 Don Winslows kalifornischer Surfdetektiv Boone Daniels in „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“. Michael Connellys LAPD Detective Renée Ballard nahm 2021 die Arbeit auf. Mit Caruso gesellt sich nun ein weiterer Surfer zu diesem kleinen Kreis, und diesen wellenreitenden Ermittler hat der Kölner Autor Daniel Faßbender erfunden, der früher Seemann und selbst Surfer war.
In seinem Krimidebüt „Heaven’s Gate“ lässt Faßbender seinen Detektiv auf Surigao, einer abgelegenen Philippineninsel, stranden. Wenn Caruso nicht mit kühlem Bier in der Hängematte döst oder für Touristen ein paar gestohlene Roller wiederfinden muss, jagt er der perfekten Welle nach, die dem Buch seinen Titel gibt: „Eine Fahrt in Heaven’s Gate dauert von außen betrachtet nur Sekunden, im Inneren spielen Raum und Zeit keine Rolle. Ich stehe auf der Stelle, während ich mich mit hoher Geschwindigkeit auf ein gleißendes Licht zubewege. Ein Rausch. Ein konturloses Jetzt. Freiheit.“
Korruption, Drogen und Umweltzerstörung
Natürlich muss auch im tropischen Paradies die Miete bezahlt werden, und so kann Caruso einer schönen Spanierin nicht abschlagen, für ein üppiges Honorar nach ihrem verschwundenen Sohn zu suchen. Die Lady legt noch ein paar Scheine drauf, damit Caruso sich ein vernünftiges Hemd und Hosen kauft, denn für gewöhnlich trägt der Detektiv Shorts und ausgebleichte T-Shirts – selbst Magnum sah manierlicher aus.
Daniel Faßbender: „Heaven’s Gate“. Ein Fall für Caruso. Roman.VerlagImmerhin beherrscht Caruso sein Handwerk. Als Erstes durchsucht er die Suite im Luxusresort, wo der reiche Bengel sich einquartiert hatte. Ein paar Annehmlichkeiten lässt sich der Detektiv dabei nicht entgehen. Er bedient sich am Rum in der Minibar und gönnt sich eine ausgiebige warme Dusche – das Wasser in seiner eigenen Bleibe ist für gewöhnlich kalt. Bei der Zimmerdurchsuchung findet Caruso ein Handy des Verschwundenen, steckt es ein, um das Gerät später von einem Bekannten mit Hackerqualitäten knacken zu lassen. Natürlich war der junge Mann in zwielichtige Dinge verstrickt – und schon bald lauern die ersten finsteren Gestalten dem Privatermittler auf, um ihn mit ein paar Fausthieben von weiteren Schnüffeleien abzuhalten.
Bei seinen Recherchen muss Caruso feststellen, dass seine Trauminsel gar nicht so ruhig ist, wie sie scheint. Von Korruption, Drogen oder Umweltzerstörung hat er bislang nichts mitbekommen – auch weil er nicht so genau hinsehen wollte, wie ihm eine junge Frau vorwirft, die er in einem Aktivistencamp am wilderen Ende von Surigao kennenlernt: „Du kommst auf diese Insel, surfst, und der ganze Rest geht dir am Arsch vorbei. Fehlende Zähne. Tricycle-Fahrer, die Tag und Nacht arbeiten. Immer mehr Aggression, immer größere Verelendung der Locals.“ Die Aktivistinnen – im Camp leben nur Frauen – haben ihre eigenen Methoden entwickelt, um mitten im Wahlkampf gegen Bauvorhaben und Beamtenbestechung zu demonstrieren. Wenn sie politische Veranstaltungen stören, tun sie es nackt. Denn auf der konservativen Insel haben die Polizisten Skrupel, eine entblößte Frau öffentlich anzufassen.
Caruso selbst empfiehlt die Lektüre von Hammett oder Fauser
Zu ähnlich subtilem Humor neigt auch der Detektiv selbst. So erzählt Caruso, dass er sich auf der Insel gern per E-Roller fortbewegt: „Als Beitrag für die Nachhaltigkeit. Das viel zu schwache Stromnetz auf der Insel hatte ich nicht bedacht, auch nicht, dass der Strom von einem Kohlekraftwerk auf der Hauptinsel kam und alles andere als klimafreundlich war.“ Mit solchen originellen Ideen durchbricht Faßbender den sonst aus klassischen Noir-Genre-Steinen gebauten Plot (harter Ermittler mit zwielichtiger Vergangenheit, Femme fatale, skurrile Untergrundtypen). Faßbenders Sprache zeigt deutlich, wovon sie inspiriert ist: Caruso erzählt seinen Handlungsstrang aus der Ich-Perspektive. Manchmal erinnern die Vergleiche, die Caruso bemüht, an jene von Raymond Chandlers Marlowe, vorausgesetzt der hätte surfen können. Selbstgebrannter Rum etwa brennt dem Detektiv hier in der Kehle „wie Limettensaft in Reefcuts“, also wie Schnitte, die sich Surfer an scharfkantigen Korallen zuziehen.
Die Vorbilder zieht Faßbender ganz offensiv heran, Caruso selbst empfiehlt die Lektüre von Hammett oder Fauser. In deren Tradition steht „Heaven’s Gate“ ganz deutlich. Denn Noir-Krimis haben immer auch die Abgründe der Gesellschaft im Blick, in der sich ihre Figuren bewegen. So erfährt auch Caruso viel über die Schattenseiten seines Surf-Paradieses, denn „Heaven’s Gate“ spielt zur Zeit der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes. Für tote Drogendealer zahlt die philippinische Regierung Kopfgeld. Der Korruption in den Reihen der Polizei tut das dennoch keinen Abbruch.
Daniel Faßbender hat mit Caruso einen so sympathischen wie selbstironischen Detektiv erfunden. Ganz nebenbei beweist „Heaven’s Gate“ auch, wie stark mittlerweile die deutsche Krimiszene geworden ist, wie viel Spielraum sich deutsche Autoren herausnehmen können und wie sicher sie dabei ihre Figuren entwickeln. Das „Surf Noir“-Untergenre hat hier definitiv noch gefehlt. Das hat man nicht geahnt, bevor man Faßbenders Debütroman zur Hand nahm – nun aber kann man Carusos nächste Abenteuer kaum erwarten.
Daniel Faßbender: „Heaven’s Gate“. Ein Fall für Caruso. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 304 S., br., 19,– €.

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