DEIN SPIEGEL: In den Büchern Ihrer »Walkers«-Reihen verwandeln sich Tiere in Menschen und umgekehrt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Brandis: Ich war drei Wochen im Yellowstone-Nationalpark in den USA und habe dort viele Tiere beobachtet: Elche und eine ganze Bisonherde, von der ich nur etwa 50 Meter entfernt stand. Je länger ich sie ansah, desto öfter dachte ich: Wir beobachten sie, aber vielleicht beobachten sie auch uns Menschen. Was tun sie, wenn niemand zuschaut? Da stellte ich mir vor, sie könnten ihre Gestalt verändern.
DEIN SPIEGEL: Ihre Bücher haben eine riesige Fangemeinde, die sich in Foren oder bei Rollenspielen austauscht. Wie viel bekommen Sie davon mit?
Brandis: Ich beantworte jeden Tag mindestens eine Stunde lang Post von Leserinnen und Lesern und kümmere mich um die Anliegen der Fans. Am meisten freue ich mich über Nachrichten, in denen Kinder schreiben, dass sie durch meine Bücher erst Freude am Lesen gefunden haben. Manche erzählen, dass sie in der Pause »Woodwalkers« spielen. Ich bekomme selbst gebastelte Lesezeichen, Armbänder oder Zeichnungen. Meine Bücher waren 20 Jahre lang eher ein Geheimtipp. Ich habe geschrieben, ohne dass es viele Menschen bemerkt haben. Dann kam plötzlich der große Erfolg. Ich hatte viel Glück – so etwas passiert nur wenigen Autorinnen und Autoren.
DEIN SPIEGEL: Sie haben inzwischen mehr als 70 Bücher veröffentlicht. Arbeiten Sie jeden Tag?
Brandis: Für mich fühlt sich das oft gar nicht nach Arbeit an. Heute saß ich auf dem Weg zum Interview in der Bahn und habe zwischendurch das Manuskript von »Windwalkers 4« korrigiert, das erst Ende des Jahres erscheint. Nächste Woche beginne ich mit einem neuen Projekt. Für einen »Walkers«-Band brauche ich ungefähr drei Monate, für einen dicken Jugendroman sechs Monate.
DEIN SPIEGEL: Das ist kurz, wie schaffen Sie das?
Brandis: Ich stehe sehr früh auf, meistens gegen fünf Uhr. Wenn alle anderen schlafen, schreibe ich. Ich weiß immer ziemlich genau, was ich erzählen möchte, weil ich meine Projekte sorgfältig plane. Gerade habe ich ein neues Fantasy-Buch vorbereitet. Zwei Wochen lang habe ich an der Handlung gefeilt, Museen besucht und Fachbücher studiert. Nach der Recherche geht die Arbeit richtig los: Ich denke mir für die Figuren eine Vorgeschichte und eine Familie aus. Außerdem muss ich eine ganze Welt erschaffen, mit eigenen Regeln und Redewendungen.
Astronautin, Pilot, Tierärztin, Anwalt? Kinder haben viele Berufswünsche. In der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erzählen sie davon. Und ein Berufsberater erklärt, worauf Jugendliche bei der Jobwahl achten sollten. Außerdem im Heft: Bestsellerautorin Katja Brandis spricht im Kinder-Interview über ihre Jugendbuchreihe »Woodwalkers«. Und: Proteste in den USA. Warum so viele Menschen wegen der Einwanderungsbehörde ICE auf die Straße gehen. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
DEIN SPIEGEL: Wir finden uns in Ihren Geschichten wieder. Ihre Figuren wirken total echt, wie kriegen Sie das hin?
Brandis: Mein Sohn war lange mein wichtigster Testleser. Etwa zehn Jahre lang habe ich ihm jedes neue Kapitel vorgelesen, oft eines pro Tag. Danach haben wir darüber diskutiert. Bei Actionszenen meinte er manchmal: »Das könnte noch länger sein.« Wenn er bei einem Witz nicht gelacht hat, habe ich ihn gestrichen. Heute studiert er, da klappt das gemeinsame Lesen nur noch an Wochenenden oder im Urlaub. Inzwischen habe ich mehrere Testlesende: Eine prüft die Logik, ein anderer achtet auf romantische Szenen. Eine weitere Testleserin schreibt seitenlange Zusammenfassungen und kennt jedes Detail der Tiere und Menschen.
DEIN SPIEGEL: In Ihren Büchern kommen viele Tierarten vor, auch ganz unbekannte wie die Gabelracke, ein Vogel. Wie finden Sie all diese Tiere?
Brandis: Die Gabelracke habe ich in Namibia gesehen. Ich reise gern zu den Orten, an denen meine Geschichten spielen. Für »Seawalkers« bin ich mit Bullenhaien geschnorchelt, habe Meeresschildkröten beobachtet und Mantarochen gestreichelt.
Ob der sich wohl auch verwandeln kann? Diesen Manati traf Katja Brandis, 55, in Mexiko, wo sie für »Seawalkers« recherchierte.
Foto: Robin MünkerDEIN SPIEGEL: Wo waren Sie überall für Ihre Recherche?
Brandis: Unter anderem in der Antarktis, dort spielt mein Roman »White Zone«. Wir sind mit dem Schiff gefahren und hatten heftigen Seegang. Es gab meterhohe Wellen, und was nicht in der Kabine festgeschraubt war, ging zu Bruch. Ich war furchtbar seekrank. Als wir schließlich in der Antarktis ankamen, war das Meer ruhig. Diese Stille, dazu Wale, Orcas, Pinguinkolonien – das war unvergesslich. Ich liebe Tiere einfach.
DEIN SPIEGEL: Wenn Sie selbst ein Tier wären – welches?
Brandis: Ich schwimme sehr gern und fahre oft ans Meer. Manchmal träume ich, dass ich aus den Wellen herausschnelle und wieder eintauche. Ich wäre wohl ein Delfin, ein großer Tümmler. Sie sind extrovertiert, neugierig, offen. Das passt gut zu mir.
DEIN SPIEGEL: Wollten Sie schon immer Autorin werden?
Brandis: Nein, als Kind wollte ich Astronautin werden. Mit 13 habe ich mich bei der Nasa beworben, der US-amerikanischen Weltraumbehörde. Auf Englisch, ganz ohne Übersetzungsprogramm, denn das war lange vor ChatGPT. Ich habe ein Foto beigelegt, auf dem ich mit meinen selbst gebauten Modellraketen zu sehen war. Die Nasa hat mir tatsächlich geantwortet. Ein höfliches Schreiben, dass sie mich leider nicht brauchen. Aber ich war stolz, dass ich es versucht hatte.
DEIN SPIEGEL: Und dann haben Sie stattdessen Geschichten geschrieben?
Brandis: Ich habe damit angefangen, weil mir in den Ferien langweilig war. Meine ersten 15 Bücher habe ich nur für mich geschrieben. Sie liegen alle noch in der Schublade. So habe ich viel Übung gesammelt, deshalb schreibe ich heute recht schnell. Gleichzeitig habe ich viel gelesen.
DEIN SPIEGEL: Wir lesen beide auch wahnsinnig gern, am liebsten Fantasy. Sie auch?
Brandis: Ich lese alles Mögliche: Thriller, Fantasy, Science-Fiction, Gegenwartsliteratur, Biografien, Reiseberichte. Ich bin ein richtiger Lesejunkie. Wenn nichts anderes da ist, lese ich die Rückseite der Müslipackung. Auf eine einsame Insel würde ich trotzdem kein Buch mitnehmen, sondern lieber Papier mit Platz für 1000 Geschichten.
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