Arundhati Roy kommt nicht zur Berlinale wegen Aussagen von Wim Wenders

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Es war eine kuriose Gleichzeitigkeit der Aussagen am Donnerstag, kurz vor der Eröffnung der Berlinale 2026. Der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil lobte beim Produzententag der Filmbranche die Proteste von Künstlerinnen und Künstlern in den USA gegen die Politik von Präsident Trump. Er leitete die Bedeutung der Kultur für die Gesellschaft auch daraus ab, »dass Kreative aufstehen und ihre Meinung sagen«.

Derweil stellte sich die Jury der Berlinale bei der traditionellen Eröffnungskonferenz vor. Der Jurypräsident ist in diesem Jahr Wim Wenders, 80. Ob das Kino in diesen Zeiten die Welt verändern könne, wurde er gefragt. Kein Film habe jemals wirklich die Idee eines Politikers verändert. Aber man könne ändern, welche Vorstellungen die Menschen davon haben, wie sie zu leben hätten, sagte der Regisseur von Filmen wie »Perfect Days« und »Paris Texas«.

Die Berlinale gilt traditionell als ausgesprochen politisches Festival. Doch als Wenders konkret zu der Position der deutschen Bundesregierung zum Gazakrieg gefragt wurde, sagte Wenders: »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.« Denn wenn das Kino Filme machte, die dezidiert politisch seien, »begeben wir uns auf das Feld der Politik – doch wir sind das Gegengewicht zur Politik«.

 »Die Arbeit der Menschen machen«

Präsident Wenders bei der Jurypressekonferenz: »Die Arbeit der Menschen machen«

Foto: Scott A Garfitt / Invision / AP

Das Kino habe die unglaubliche Kraft, Mitgefühl und Empathie zu wecken, führte Wenders weiter aus: »Die Nachrichten sind nicht empathisch. Die Politik ist nicht empathisch, aber Filme sind es. Und das ist unsere Pflicht«. Filmemacher müssten »die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker«.

Bei Arundhati Roy, 64, kamen Wenders' Aussagen gar nicht gut an. Die Schriftstellerin (»Der Gott der kleinen Dinge«) hatte eine Reise nach Berlin erwogen, wo der Fernsehfilm »In Which Annie Gives It Those Ones« aus dem Jahre 1989 im Klassikerprogramm gezeigt werden sollte, für den Roy das Drehbuch geschrieben hatte. Doch dann habe sie »die unfassbaren Äußerungen von Mitgliedern der Jury der Berliner Filmfestspiele gehört«.

Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein sollte, sei einfach nur unfassbar, schrieb die Autorin in einem Statement, das zuerst im indischen Medium »The Wire« veröffentlicht wurde . Es werde eine Diskussion »über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden«, obwohl ihrer Ansicht nach »Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen«.

Sie bezeichnete das israelische Vorgehen in Gaza als »Völkermord an den Palästinensern«, der unter anderem von Deutschland mitfinanziert werde. »Wenn die größten Filmemacher und Künstler unserer Zeit nicht aufstehen und dies sagen können, sollten sie wissen, dass die Geschichte über sie richten wird. Ich bin schockiert und empört.« Sie werde nicht an der Berlinale teilnehmen, so Arundhati Roy.

Der Gazakrieg beschäftigt die Berlinale mehrere Jahre und hat das Festival zuletzt auch institutionell unter Druck gesetzt. Bei der Preisverleihung 2024 nutzten Preisträger und einzelne Jurymitglieder die Bühne für politische Statements, forderten einen Waffenstillstand und äußerten sich teils scharf zum israelischen Vorgehen; im Publikum und in der Politik folgte darauf eine Debatte bis hin zu Antisemitismusvorwürfen.

Auch 2025 kam es erneut zu einem Eklat: Bei einer Veranstaltung wurde eine Erklärung verlesen, die Deutschland die Unterstützung eines »Genozids« vorwarf; der Staatsschutz prüfte den Vorgang, der Zentralrat der Juden äußerte sich »fassungslos«.

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