Danny L. Harle, Ella Mai, Nils Keppel: Abgehört - Album der Woche

vor 2 Stunden 1
 Faible für Renaissance-Gesänge

Musiker Harle: Faible für Renaissance-Gesänge

Foto: Ronan Park

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Danny L Harle – »Cerulean«

Musikalische Zumutungen muss man manchmal aushalten, dann machen sie Spaß – und wenigstens kann man mal wieder so widerwillig wie unwillkürlich mit dem Kopf nicken und im Takt wippen, als wäre es 1999. Das Ceruleanblau oder Coeruleum, nach dem der britische Pop-Produzent Danny L Harle sein neues Album benannt hat, wurde eigentlich erst im 19. Jahrhundert bekannt.

Ziemlich sicher gehörte es nicht zu den populären Blautönen in der Renaissance, auf deren polyfone Gesänge und Komponisten (Monteverdi) sich der klassisch am Cello ausgebildete Harle gern als schwärmerischer Fanboy beruft. Aber macht ja nichts. Eine andere Blau-Referenz sitzt jedoch passgenau: »I’m Blue (Da Ba Dee)«, jener notorische Eurodance-Hit von Eiffel 65, springt sofort ins Gedächtnis (Da-ba dee, da-ba di, usw. usf.), wenn man mit den hyperenergetischen Beats und dem Sound euphorischer Melancholie konfrontiert ist, der viele Stücke auf »Cerulean« durchwirkt. Eiffel 65 sind übrigens Italiener, insofern schließt sich zumindest hier der Kreis zur Renaissance.

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Denn eine Renaissance, also eine Wiederbelebung dieses speziellen Fin-de-siècle-Pop aus der Y2K-Ära vor etwas mehr als 25 Jahren, das ist es, was Harle, 36 Jahre alt, nahezu perfekt gelingt auf seinem Album, das er als sein erstes richtiges Debüt bezeichnet. In Wahrheit ist es aber sein zweites nach dem herrlich betitelten »Harlecore« von 2021. Doch erst auf »Cerulean«, meint Harle, gelang ihm sein wahrhaftigstes und persönlichstes Pop-Statement, indem er seine Jugendeinflüsse in die am Computer mit viel Autotune entstandenen Tracks channelte.

Dazu gehört der späte Eurotrash von Eiffel 65, den Vengaboys (»Boom, Boom, Boom, Boom«), Gigi D’Agostino (»L’amour toujours«) und Darude (»Sandstorm«) ebenso wie Goth-Emorock von Evanescence oder eben die vielstimmige Kammermusik der Renaissance und der elisabethanischen Zeit, mit der er in einem Musikerhaushalt aufwuchs.

Das passt doch alles nicht zusammen?

Doch, das ist das Erstaunliche an »Cerulean«. Es passt nicht nur auf eine ganz unironische Weise hervorragend zueinander, es berührt auch den zuletzt nach der vermeintlichen Unschuld der späten Neunzigerjahre sich sehnenden Zeitgeist. Kein Wunder, dass einige der zurzeit angesagtesten Popsängerinnen, darunter Dua Lipa, Caroline Polachek, Clairo, Oklou  und PinkPantheress, gern ihre Stimmen für diese Dance-Etüden ausliehen.

Harle, sagte er der »New York Times«, ging es dabei aber gar nicht so sehr um das Geschlecht seiner Gaststimmen, sondern um eine bestimmte Stimmhöhe, die ihn regelmäßig zu Tränen rühre. Der Mann denkt in Klängen und Tonkaskaden, nicht in Trends und Genderdiskursen, was seiner ins Trübselige tendierenden Tanzmusik eine zusätzliche, ergreifende Naivität verleiht. So kann man den Bad-Taste-Alarm bei instrumentalen Tracks wie der Teletubbies-Hommage »Laa« oder dem dann vielleicht doch selbstironischen »O Now Am I Truly Lost« gutherzig unterdrücken. Mit der Dua-Lipa-Kollabo »Two Hearts« findet sich sogar ein veritabler Pophit im Retrodesign auf dem Album.

Danny L. Harle gehörte 2013 zusammen mit A.G. Cook zu den Gründern des britischen Labels PC Music und den Erfindern des Genres Hyperpop. Das ist heute eine der meistgenutzten Blaupausen für modernen Radiopop von Soundpionierin Charli XCX  bis Chappell Roan. Aber damals galt die überbeschleunigte Plastikmusik, die schroffe Computerklänge klirrend und kühl aneinanderprallen ließ, als überfordernd und überkandidelt. Dabei nutzten vor allem queere Künstlerpersonen wie die verstorbene Produzentin SOPHIE diese musikalische Entsprechung der Akzelerationismus-Philosophie, um verarbeitend auf den eigenen Überforderungszustand durch Hasspostings und die generelle Infoflut in den sozialen Medien zu reagieren. Im Prinzip ging es bei Hyperpop darum, turbokapitalistische Prozesse wie Kommerzialisierung und Konsumismus durch extreme Übertreibung und Beschleunigung zu konterkarieren und somit außer Kraft zu setzen.

Ist nur so halb gut gelungen, wenn man bedenkt, wie sehr der Mainstream sich diese Spielart auch zu Vermarktungszwecken einverleibt hat. Wenn A.G. Cook, der gerade auch den Soundtrack zu Charli XCXs Marketing-kritischer Mockumentary »The Moment« mitentworfen hat, der Denker und Theoretiker von PC Music ist, dann war Harle der Romantiker und Träumer, der die schartigen Ecken und Kanten des PC-Sounds nun geschmeidig und gefällig gestaltet.

Auf »Cerulean« beamt er sich mit den domestizierten Mitteln des Hyperpop in ein grundsätzlich nostalgisches, aber zugleich auch extrem gegenwärtiges Pop-Kontinuum der fließenden Beats, synthetischen Fanfaren und sehnenden Frauenstimmen. Vielleicht hat er sich immer als das niedliche blaue Raumfahrer-Alien betrachtet, das durch das Eiffel-65-Video  saust. Kitschig? Auf jeden Fall! Eines der Pop-Alben des Jahres? Wahrscheinlich. (8.0/10)

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Kurz Abgehört:

Ella Mai – »Do You Still Love Me?«

Spätestens im fünften Song dieses Albums schmilzt man dahin, wenn Ella Mai »I don’t mind takin’ time/ Baby, I’m down to do the little things« flötet und bei dieser Besinnung auf die entscheidenden kleinen Dinge im Leben die Gelegenheit nutzt, ihrem Mann und Kindsvater, US-Basketball-Star Jayson Tatum, noch mal ein Dankeschön für sechs Jahre gelungene Beziehung zuzurufen. Harmonie ist nicht immer die beste Grundlage für ein herausragendes R&B-Album, das oft von Herzschmerz und Seelenbetrug handeln muss, um den richtigen Schmelz hinzukriegen.

Die britische Sängerin, einst Grammy-prämiert für ihre retroswingende Single »Boo’d Up«, findet jedoch in ihren wonnevollen, immer wieder aber auch von Verlustängsten durchwirkten Liebesliedern einen so wahrhaftigen Erzählflow, dass ihr drittes Album auch ohne viel Drama zu ihrem bisher besten wird. Getragen wird die kokette, federleicht-besinnliche Stimmung von der zarten, auf wenige Beats und viel Fingerschnippen reduzierte Produktion von Mais Labelboss Mustard. Auch auf diesem zeitgenössischen Popalbum herrschen viel musikalische Nostalgie und Sehnsucht nach den großen R&B-Powerballaden der Neunzigerjahre, aber so sind die Zeiten wohl. Und gute Tunes transzendieren ihre Gegenwart ja sowieso. (7.5/10)

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Nils Keppel – »Super Sonic Youth«

Wenigstens zeigt er Reue für seine Unverschämtheit: »Es tut mir leid, so leid«, singt Nils Keppel mit dünner Heliumstimme in seiner Hymne »Rebell«, einer sympathischen, wunderbar schwelgerischen Taugenichts-Taumelei. Er sehe aus wie sonstwer, sagt seine Gefährtin in dem Song, und wenn man Bilder von Keppel gesehen hat, dann ahnt man, dass sie wahrscheinlich den jungen Nick Cave, Robert Smith oder Ian Curtis meint, also weltschmerzintensive Post-Punk-Heroen, denen der Leipziger auf seinem neuen Album »Super Sonic Youth« nicht unkompetent nacheifert – und sich damit zur lässigen, latent gefährlich wirkenden Konkurrenz für weichere Emo-Jungrocker wie Drangsal, aber auch härtere Knochen wie Die Nerven aufplustert.

Und was tut ihm dabei leid? Offenbar, dass er keinen Cent mehr hat und trotzdem auf schnellem Fuß lebt. »Wir gehen nur mit der Zeit«, heißt es weiter im Text von »Rebell«. Musikalisch lautstärkere Noise-Gangarten schlagen die niedliche Neunzigerjahre-Gewaltfantasie »Natural Born Killers«, »Taperfade« und »Keine Zukunft« an. In letzterem zitiert er David Bowies »Helden für einen Tag« und formuliert atemlos eine »No Future«-Philosophie für die GenZ, die vermeintlich hochbeschleunigte »Super Sonic Youth« (Spitzenwortwitz auch). Hier will einer mit Überschallgeschwindigkeit zum Ruhm. (7.3/10)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

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