Wolfgang Werth gestorben: Erleben und Reflexion

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Als er im Mai 2000 mit dem „Preis der Frankfurter Anthologie“ ausgezeichnet wurde, schien Wolfgang Werth darüber zu staunen. Allerdings war da kein Gran Koketterie in seiner Dankesrede, vielmehr die gründliche Befragung der eigenen Person.

Wie kann es sein, fragte er in seiner Dankesrede, dass jemand, der für das Rezensieren von Gedichtbänden, wie er selbst klar erkennt, einfach „zu langsam“ ist, einen Preis erhält, der die produktive Beschäftigung mit Lyrik prämiert, im Rahmen der von Marcel Reich-Ranicki begründeten und bis heute wöchentlich fortgeführten Frankfurter Anthologie? „Denn selbst wenn mich Gedichte anspringen oder wenn ich unmittelbar auf sie anspreche“, schreibt der Preisträger: „Ich brauche Zeit, herauszufinden, was zwischen ihnen und mir passiert.“ Das galt auch für die Gespräche mit ihm, die genau deshalb so besonders und wertvoll waren, weil er, bei aller spontaner Freundlichkeit und Zugewandtheit, gründlich nachdachte, bevor er antwortete. Damit bereicherte er jede Jury, der er angehörte, darunter die SWR-Bestenliste und die Darmstädter Jury „Buch des Monats“.

Im Pappkoffer Goethe und Heine

Was also geschieht dort zwischen Erlebnis und anschließender Reflexion? Werth, geboren 1937 im thüringischen Rudolstadt, hat früh die Überwältigung erfahren, die von Lyrik ausgehen kann, von Kirchenliedern wie Paul Gerhardts „Geh aus, mein Herz“, das dem neunjährigen, inzwischen in Waldeck lebenden Kind die umgebende Natur mit ihren Jahreszeiten auf ganz neue Weise aufschloss. Durch den Vater 1949 zurück nach Thüringen gebracht, ist es dann Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“, das in dem Jugendlichen die Ahnung weckte, mit seiner eigenen Lektüre quer zu der im Bildungssystem der frühen DDR vorgegebenen Lesart zu stehen – was ihr da präsentiert, das soll Heine sein?

Dass er 1956 floh, noch nicht volljährig, und in West-Berlin ein Literaturstudium begann, im Pappkoffer Goethes Gedichte und fünf Heine-Bände, war nur konsequent und hat mit dem ihm eigenen Widerspruchsgeist ebenso zu tun wie mit der Liebe zur Literatur und zum Gespräch darüber. Er studierte Germanistik, Romanistik und Publizistik, wurde Redakteur, unter anderem bis 1968 in der Zeitschrift „Der Monat“.

Werth arbeitete als freier Kritiker und trat 1973 in die Feuilletonredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ ein. Sechs Jahre später wurde er ihr Literaturchef. Er reiste viel und entdeckte die Schönheit des Nordatlantiks für sich, als er auf Island die Schauplätze der Sagas suchte und auf den Färöern Papageientaucher und Odinshühnchen. Und er pflegte weiter seine, wie er sie nannte, „innere Anthologie“, angefüllt mit „Gedichten und Versen, die mich im wahrsten Sinne des Wortes getroffen haben, als ich sie brauchte – und so blieben sie und gingen nicht.“

Zu unserem Glück: Seine Gedanken zu einigen von ihnen teilte er in seinen klugen, erhellenden, eigensinnigen Beiträgen in der „Frankfurter Anthologie, etwa zu Johann Heinrich Voß’ „Die Kartoffelernte“, Walter von der Vogelweides „Ich hân mîn lêhen“, Günter Grass’ „Kinderlied“ oder Thomas Braschs Nachlassgedicht „Schließ die Tür“. Davon, dass die Wartezeit jenseits der Tagesaktualität gut investiert war, zeugen seine Texte. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste verlieh ihm für seine Verdienste um kulturelle Vermittlung die „Hausenstein“-Ehrung. Nun ist Wolfgang Werth im Alter von 88 Jahren gestorben.

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