Wohnhaus in Berlin: Lob des Lichts

vor 18 Stunden 1

Alle Welt beklagt derzeit, wie schwierig (nicht nur) das Bauen in Deutschland geworden sei. Da klingt folgende Geschichte wie ein Märchen: In bester Lage mitten in Berlin, nur einige Schritte vom Boulevard Unter den Linden und dem Brandenburger Tor entfernt, hat ein Berliner Architekt ein Mietshaus gebaut, das einer Lösung des Gordischen Knotens ähnelt.

Die Voraussetzungen waren allerdings auch paradiesisch: Das Grundstück liegt nicht nur an einer Blockecke, es ist auch noch nach Süden und Westen orientiert. Bauherrin des Gebäudes an der Einmündung der Mittelstraße  in die Schadowstraße war kein anonymer Fonds, sondern eine Familie. Offensichtlich überließ sie das Entstehen guter Architektur nicht dem Zufall, sondern beförderte ihr Zustandekommen.

Der Architekt Sohrab Zafari ist einer der begabtesten Entwerfer, die Berlin derzeit zu bieten hat, aber weil er nicht in den machtnahen Architektencliquen der Hauptstadt verkehrt, ist der unverkrampft und elegant auftretende Architekt weit weniger bekannt, als er es verdient hätte.

Der Bezug zu Mies ist nicht absurd

Dabei hat Zafari mit dem Haus an der Waisenstraße an der alten Stadtmauer in Mitte schon einmal bewiesen, wie geschickt er im Herzen der Stadt hohe Wohnqualität zu gerade noch bezahlbaren Preisen schafft: Der Baukörper ist einfach, abstrakt und plastisch. Die Wandelemente aus Weißbeton haben gesäuerte Oberflächen. Das wechselnde Licht- und Schattenspiel auf den vor- und zurückspringenden sowie offenen und geschlossenen Flächen ist reizvoll. Fast meint man etwas von persischem Verständnis für Geometrie  zu spüren; seine Kindheit hat der Architekt in Iran verbracht.

Manchmal stimmt einfach alles und erscheint in einem warmen Licht.Manchmal stimmt einfach alles und erscheint in einem warmen Licht.Jan Bitter

Zafari hat ein komplexes und verdichtetes Gebäude ausgetüftelt, das aber ohne jegliche Verrenkung auskommt und auch nicht auf skulpturale Wirkung schielt. Bei der Herleitung seines Entwurfsgedankens kennt Zafari keine falsche Bescheidenheit: „An Schinkel und Mies“ habe er sich bei seinem Entwurf orientiert.

Speziell auf Schinkel beziehen sich in Berlin viele bestenfalls mediokre Architekten, um ihre Natursteintapeten zu rechtfertigen. Im Fall von Zafaris Haus ist insbesondere der Bezug zu Mies keineswegs absurd: Wie anhand seines letzten Werks vor der Emigration in die USA, des Hauses Lemke in Berlin-Weißensee, bis heute eindrucksvoll nachzuvollziehen ist, sorgt das Ineinanderübergehen der türlosen Räume für das Gefühl von Großzügigkeit.

Zafari geht noch einen Schritt weiter: Seine Grundrisse bestehen aus offenen Räumen, die durch eingestellte Nebenraum-Boxen strukturiert, aber in ihrem Zusammenhang nicht unterbrochen werden. Dieses Prinzip ist seit den Achtzigerjahren im Loft-Living populär: Die großen ehemaligen Fabrikhallen, die damals im ersten Schub der Deindustrialisierung brach fielen, wurden ebenfalls nur durch kleine Boxen für Küchen und Bäder gegliedert.

Kein plumper Pfannkuchenstapel von Etagen

Doch im Fall von Zafaris neuem Berliner Haus sind diese Nebenraum-Kästen keine eingestellten Gipskartonboxen, sie bilden das Tragwerk. Die Nebenräume übernehmen die tektonische Arbeit und erlauben es so den Haupträumen, frei zu atmen. Diese Boxen stehen teils im Innenraum, teils ragen sie in das Terrassenband hinein, das an eine japanische Engawa erinnert. Damit wird die Fassade gegliedert und verschattet; und es entstehen für den Nachbarn nicht einsehbare Balkone, Loggien und Terrassen. Bei kompakten Innenstadtwohnungen ist dieses zusätzliche Freiluftzimmer zumindest im Sommer ein entscheidender Gewinn.

Zimmer mit Durchsicht und Ausblick im Wohn- und Geschäftshaus ZafariZimmer mit Durchsicht und Ausblick im Wohn- und Geschäftshaus ZafariJan Bitter

Ein zweiter Kniff Zafaris ist das Prinzip des Shakkei, wie man in der japanischen Gartenarchitektur einen geborgte Szenerie nennt: Das Wohnhaus nebenan im Block an der Mittelstraße bietet Durchblicke bis zum Neustädtischen Kirchplatz. Durch das große Nachbarhaus, ein Entwurf der Architekten Axthelm Rolvien, hindurch können Bewohner weite Blicke genießen.

Sein Ziel war es auch, Lücken zu lassen

Das Haus ist kein plumper Pfannkuchenstapel von Etagen, sondern bietet – auch um soziale Vielfalt zu fördern – zwölf Wohnungen völlig unterschiedlicher Größen, von zwei generösen Maisonettewohnungen mit Dachgarten bis zum Pied-à-terre für Singles reicht das Spektrum. Kein Grundriss wiederholt sich.

Zafari hat auch die Innenräume gestaltet – mit weißen Wänden, die das Licht reflektieren. Die auf die Fassaden abgestimmten Terrazzoböden verstärken den Eindruck eines monolithischen Baukörpers, der leicht und massiv, starr und bewegt zugleich wirkt. Zafaris Ziel war es nach eigenem Bekunden, „nicht nur eine Baulücke zu füllen, sondern auch Lücken zu lassen“. Zwei Gewerbeflächen im Erdgeschoss geben dem Haus eine zusätzliche urbane Note. Eine hässliche Einfahrt gibt es nicht, weil auf eine Tiefgarage verzichtet wurde.

Unaufgeregt, charmant und dabei sich seiner Qualität als kleines Juwel dennoch durchaus bewusst präsentiert sich das Haus an der Schadowstraße. Für einen Moment keimt Hoffnung auf, dass das Bauen in Deutschland doch noch Freude machen kann.

Man muss nicht lange suchen, um daran erinnert zu werden, wie gleichförmig andernorts in Berlin derzeit allzu oft gebaut wird: Direkt neben Zafaris Schmuckkästchen wird ein ganz und gar nicht einzigartiges Bürohaus für den Deutschen Bundestag vom Büro Code Unique gebaut. Zafaris Bau fügt sich mit seiner Kubatur präzise in seine Umgebung ein, die plastische Fassade hingegen setzt sich wohltuend von ihr ab.

Johann Gottfried Schadow, der an der später nach ihm benannten Straße im Haus gegenüber wohnte, überwand zunächst den Rokoko. Dennoch hat Schinkel ihn später aus der Leitung des Oberhofbauamtes gedrängt. Die Wendung zur Romantik wollte der preußische Meisterbildhauer einfach nicht leichtfertig mitmachen. Auch Zafaris Architektur verweigert sich jeder Mode. Sie sucht weder das Spektakel noch das Zitat, sondern die eigene räumliche Idee – in einem Stadtbaustein, der das Wohnen selbst in der innersten Innenstadt plötzlich wieder möglich erscheinen lässt.

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