Nach den eher vagen Vereinbarungen des Berliner Souveränitätsgipfels im November wollen Deutschland und Frankreich den nächsten Schritt zur Stärkung von Europas digitaler Unabhängigkeit gehen. Zum Auftakt der Messe VivaTech 2026 in Paris haben die zwei Länder am Mittwoch eine gemeinsame Definition digitaler Souveränität veröffentlicht. Sie wollen damit dazu beitragen, kritische Abhängigkeiten im Tech-Bereich konsequent zu reduzieren und souveräne Lösungen aus Europa zu unterstützen.
Digitale Souveränität ist demnach die Fähigkeit, Technologien wie Hard- und Software „unabhängig, selbstbestimmt und sicher zu entwickeln, bereitzustellen, zu nutzen, anzupassen und zu kontrollieren“. Die Entscheidungsgewalt über deren Prozesse und Aktivitäten soll so gewährleistet werden. Das Papier hat eine gemeinsame Taskforce beider Länder erarbeitet. Es soll auch als politischer Impuls die Debatte über das neue Paket der EU-Kommission für technologische Souveränität bereichern.
Für Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) ist das Vorhaben etwa aufgrund zunehmender Cyberangriffe und Unterbrechungen in den Lieferketten ein geopolitisches Gebot der Stunde. Europa dürfe sich nicht länger selbst im Weg stehen, sagte er. Es müsse die Kräfte bündeln, um heimische Start-ups zu stärken und globale Champions aufzubauen. Als größte EU-Mitgliedstaaten wollen Deutschland und Frankreich vorangehen, weitere Partner mobilisieren und das Thema in kommenden Rechtsakten verankern.
Sechs Dimensionen für digitale Unabhängigkeit
Die neue Definition beschreibt digitale Souveränität anhand von sechs Dimensionen, die durch konkrete Kriterienkataloge untermauert werden. Im Zentrum stehen rechtliche Durchsetzungsmöglichkeiten, der Schutz sensibler Daten sowie die Resilienz kritischer Infrastrukturen. In der Praxis bedeutet das etwa die bevorzugte Nutzung digitaler Produkte von Anbietern aus der EU oder vertrauenswürdigen Partnerstaaten.
Um Lock-in-Effekte zu vermeiden, setzt die Strategie auf Open-Source-Lösungen und modulare Architekturen. Zudem soll der gezielte Auf- und Ausbau eigener Recheninfrastrukturen für KI und Cloud-Computing vorangetrieben werden.
Flankiert wird die Initiative durch die Neuauflage des Deutsch-Französischen Zukunftswerks. Diese Plattform soll den Austausch zwischen privaten Akteuren und den digitalen Ökosystemen beider Länder intensivieren, um die technologische Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit Europas zu erhöhen.
Frankreichs Digitalministerin Anne Le Hénanff verwies hier auf die Partnerschaft zwischen SAP und Mistral AI als erstes greifbares Beispiel dafür, dass eine europäische, souveräne KI den realen Bedürfnissen von Verwaltungen und Firmen gerecht werden könne. Zu den ersten neuen Aufgaben des Zukunftswerks gehört die Erarbeitung eines gemeinsamen Katalogs souveräner Digitallösungen sowie eines Rahmens zur Bewertung kritischer Interdependenzen.
(wpl)










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