Warnung vor Faschismus: Wie die Macher der „Anstalt“ im ZDF größenwahnsinnig wurden

vor 10 Stunden 1

„Die Anstalt“ probt den Aufstand. Die Macher der Satiresendung, die im ZDF am Dienstag in der 100. Ausgabe läuft und per Stream schon jetzt abrufbar ist, sind der Ansicht, dass Deutschland kurz vor einer faschistischen Machtübernahme steht. Der Tenor: Die AfD ist schlimmer als die NPD (und so etwas wie die NSDAP) und steht vor einem Wahlsieg, der Staat hat versagt, die demokratischen Parteien sind unfähig, die Polizei ist von Rechten unterwandert, und die übernehmen gerade das Land.

Es ist knapper als fünf vor zwölf, alle Mittel sind erlaubt, ja, ihr Einsatz ist zwingend notwendig, wir müssen in den Widerstand, und daher sollte auch der Song „Keine Angst“ des Musikers Daniel Pongratz alias Danger Dan in der Sendung laufen. Er wäre der Höhepunkt der Antifa-Show der „Anstalt“ gewesen und hätte die letzte Pointe geliefert: Wenn es gegen die Rechtextremisten nicht anders geht, dann eben mit Gewalt.

Lang lebe die Antifa!

Dem aber hat die Geschäftsleitung des ZDF einen Riegel vorgeschoben und den Auftritt des Musikers kurzfristig abgesagt. Das wiederum liefert den Machern der „Anstalt“ noch mehr Munition für ihre Gegenwartsdeutung, die da lautet: Der Faschismus ist da, und nur wir können ihn noch aufhalten, lang lebe die Antifa.

Das „Anstalt“-Trio Maike Kühl, Max Uthoff und Claus von Wagner gliedert  die „AntifAnstalt“ betitelte Jubiläumsausgabe seiner Show in drei Akte. Zunächst geht es in einer fiktiven Pressekonferenz darum, dem Publikum vor Augen zu führen, dass ein Verbot der AfD zwingend sei. Sie pflücken das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt auseinander, von Wagner knallt das rund 1500 Seiten umfassende juristische Gutachten auf den Tisch, dessen  Verfasser der Überzeugung sind, ein Verbot dieser Partei sei geboten und problemlos möglich. Die drei spitzen zu und tremolieren, mögliche Gegenargumente lassen sie weg oder machen sie lächerlich.

Friedrich Merz als arroganter Depp

Im nächsten Akt führen Kühl, Uthoff und von Wagner die CDU und Friedrich Merz vor. Die Partei habe mit ihrem Programm die AfD erst möglich gemacht, lautet das Verdikt – und nicht etwa der Umstand, dass die Union seit fast zwei Jahrzehnten wegen ihrer Koalitionspartner (FDP oder SPD im Bund, auf Landesebene noch die Grünen) linke Politik macht, die ihre (ehemaligen) Wähler nicht wollen. Uthoff spielt den Bundeskanzler als arrogant-beschränkten Deppen beim Haustürwahlkampf, von Wagner bittet den holzköpfigen Merz zum Dinner mit der (von Maike Kühl gespielten) Heidi Reichinnek und beschwört die beiden, eine Koalition zu bilden, denn sonst – wäre es mit der Demokratie in Deutschland vorbei.

Das Klavier, auf dem Igor Levit den Musiker Daniel Pongratz begleiten sollte,  bleibt leer.Das Klavier, auf dem Igor Levit den Musiker Daniel Pongratz begleiten sollte,  bleibt leer.ZDF

Und jetzt – wir sind bei Minute 47 – folgt der Auftritt von Daniel Pongratz, alias Danger Dan, mit seinem Song „Keine Angst“. Beziehungsweise er folgt nicht. Die Geschäftsleitung des ZDF hat die Aufführung abgesagt, weil das Lied als Aufruf zu Gewalt aufgefasst werden könnte. Nach einer Schweigeminute erscheinen Kühl, Uthoff und von Wagner und erklären, dass sie damit nicht einverstanden sind. „Wir sind nicht das ZDF“, sagt Uthoff, „wir teilen auch nicht die Einschätzung des ZDF.“ „Wir sind im ZDF gegen das ZDF“, ergänzt Kühl, „wir sind zwar die Leiter der ,Anstalt', aber nicht die Leiter der Anstalt“, setzt von Wagner als Pointe obendrauf.

Das Finale des Songs von Danger Dan, das da lautet: „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand / Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang / Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n / Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier’n / Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht / Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht / Also plant immer mit der Konfrontation / Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm’ / Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrappt / Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant / Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag nichts mehr dazu / Liebe Grüsse an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ – finden die drei von der „Anstalt“ nicht wirklich schlimm.

Man verurteile Gewalt und Selbstjustiz, heißt es. Doch wertet Max Uthoff Danger Dans Grüße an die linksextreme „Hammerbande“, die vermeintliche Rechtsradikale überfiel und schwer verletzte und deswegen vor Gericht kam, als „kreative Vorbereitung einer Notwehrsituation“. Der Staat setze sein Gewaltmonopol nicht durch. Deshalb sei es eine Pflicht (gewesen), ergänzt Maike Kühl, das Lied zu präsentieren und darüber zu diskutieren. Das Publikum applaudiert frenetisch und jubelt. Danach wird die Botschaft mit dem Verweis auf 1933 noch einmal allen eingehämmert. Die drei von der „Anstalt“ rufen den Aufsatz des deutschen Verfassungsrechtlers Karl Löwenstein, der vor den Nazis in die USA floh, aus dem Jahr 1937 über die „wehrhafte Demokratie“ (militant democracy) auf und legen dar, warum der Staat im Kampf gegen die Faschisten auf Repression setzen muss.

Dass heute ausgerechnet die politische Linke, die die „Anstalt“-Macher repräsentieren, nach Repression ruft, ist eine besondere Pointe dieser Sendung, aber beileibe nicht die einzige. Sie zeigt, wie verblendet die Satiriker sind (mit Jan Böhmermann verhält es sich genauso), wenn sie sich in ihrem Sendungsbewusstsein als Demokratieretter mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verwechseln, der von allen Bürgern getragen wird und seinem Programmauftrag zur „Grundversorgung“ verpflichtet ist. Die Panikwarnung der „Satiriker“ mag man teilen oder nicht – ihre Wir-sind-das- Volk- und Nur-wir-retten-die-Welt-Attitüde ist eine einzige Anmaßung.

Zum vielfältigen Angebot eines öffentlich-rechtlichen Senders kann eine Show wie „Die Anstalt“ gehören, muss aber nicht. Ein Song wie „Keine Angst“ von Daniel Pongratz, der kaum kaschiert zu Gewalt aufruft, sollte im ZDF Thema sein. Das ist er auch längst, etwa, sachlich gehalten, bei „heute“, wo sich der ZDF-Unterhaltungschef  Oliver Heidemann erklärt, oder bei „aspekte“, wo auch der Kolumnist Jan Fleischhauer als Befürworter der Absage zu Wort kommt, und es dann auf das läppische Fazit hinausläuft: „Die Debatte wird weitergehen, keine Angst.“ Einfach aufführen sollte man das Lied von Pongratz nicht. Wenn die Macher der „Anstalt“ behaupten, sie hätten das gerne erörtert, nimmt ihnen das niemand ab. „Keine Angst“ war erkennbar als zentraler Baustein dieser gesendeten Anti-AfD-Brandmauer gedacht, die keine Satire, sondern einseitige politische Belehrung ist.

Widerspruch gibt es hier nicht. Der aber gehört zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dafür stehen dessen Verantwortliche – der Intendant, die Programmdirektorin, der Unterhaltungschef – gegenüber dem Fernsehrat, der die Beitragszahler repräsentiert, und den Bürgern selbst ein. Und in diesem Fall haben sie – endlich, muss man angesichts der Pleiten allein mit Böhmermann in den vergangenen Jahren sagen – einmal Verantwortung übernommen.

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