In der Affäre um den zurückgetretenen Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks (ORF) wächst der Druck auf nahezu alle Beteiligten. Mehr als eine Woche nach dem Rückzug von Roland Weißmann verdichten sich die Fronten: Eine ORF-Mitarbeiterin wirft dem Manager sexuelle Übergriffe vor, er weist dies über seine Anwälte zurück. Seine Darstellung: einvernehmlicher physischer Kontakt, kein Machtmissbrauch, kein Fehlverhalten. Die Frau widerspricht entschieden und spricht von Verdrehungen der Tatsachen. Eine Liebesbeziehung habe es nie gegeben, Sex habe nicht stattgefunden.
Die Wochenzeitung „Falter“ berichtet von Nachrichten aus dem Jahr 2022. Sie reichten demnach von herzlichen bis zu drängenden Mitteilungen. Auf die Forderung, aus einer Freundschaft mehr zu machen, sei die Betroffene nicht eingegangen. In Teilen der Kommunikation wirkten Formulierungen „angsteinflößend und übergriffig“, kommentiert das Blatt nach Sichtung des Materials. Weißmanns Seite hält dagegen: Die Beziehung habe bereits 2019 begonnen, als er weder Generaldirektor noch ihr Vorgesetzter gewesen sei. Von Druck könne keine Rede sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Das Ziel sei eine wirksame, diskrete Lösung gewesen
Die Betroffene begründet das späte Vorbringen der Vorwürfe mit Angst und schlechten Erfahrungen, die Frauen in vergleichbaren Fällen machten. „Ich brauchte Zeit, meine Angst zu überwinden“, sagte sie dem „Falter“. Ihr Ziel sei eine wirksame, diskrete Lösung gewesen. Ihre Forderungen: der Rücktritt Weißmanns, eine Spende von 25.000 Euro an ein Caritas-Frauenhaus, die Übernahme der Anwaltskosten sowie ein Stillschweigeabkommen.
Weißmann sah sich – so sein Umfeld – vom Stiftungsrat, der für die Bestellung des Managements zuständig ist und an den sich die Frau gewandt hatte, zum Rücktritt gedrängt. Der Vorsitzende des Gremiums, Heinz Lederer, widerspricht: Man habe lediglich eine Klärung der Fakten verlangt. Mit der interimistischen Führung der Amtsgeschäfte wurde die langjährige ORF-Journalistin Ingrid Thurnher betraut. Sie kündigte umfassende Aufklärung an.
Weißmann wiederum sieht auch seine Rechte verletzt. Er bestreitet die Vorwürfe entschieden und betont, es habe zu keinem Zeitpunkt Machtmissbrauch gegeben. Am Dienstag wurde bekannt, dass Weißmann seine Anwälte beauftragt hat, bei der Staatsanwaltschaft Wien Strafanzeige gegen mehrere in die Angelegenheit involvierte Personen zu stellen.
Theorien, die auf eine Täter-Opfer-Umkehr zielten
Dass die Vorwürfe im Jahr einer Neuwahl der ORF-Spitze bekannt werden, ist bemerkenswert. Zugleich treten weitere Konfliktlinien zutage. Ein ORF-Manager, der mit Weißmann wegen einer nicht genehmigten Pensionsregelung im Streit liegen soll, geriet selbst in den Fokus. Die Beschwerdeführerin ist ihm bekannt. Spekulationen über eine Beziehung wies er zurück. Die Frau sei weder Freundin noch Lebensgefährtin. Es handele sich um unsinnige Theorien, die auf eine Täter-Opfer-Umkehr zielten.
Auch Stiftungsratschef Lederer steht unter Druck. Nicht nur sein Agieren nach Bekanntwerden der Vorwürfe wird kritisiert. Auch seine Beratungsmandate werden thematisiert. Der medienpolitische Sprecher der FPÖ, Christian Hafenecker, stellte in den Raum, Lederer könnte seine Tätigkeit im Kontrollgremium für Geschäftemacherei gegen die Interessen des ORF genutzt haben. Lederer weist dies zurück. Sämtliche Beratungsleistungen seien im Rahmen seiner unternehmerischen Tätigkeit erbracht, auf Vereinbarkeit mit dem Stiftungsratsmandat geprüft und stünden in keinem Widerspruch zu den Interessen des Rundfunks. Compliance-Vorgaben und Corporate-Governance-Regeln seien eingehalten worden.
Der ORF befindet sich in einer Phase der Neujustierung: Spardruck, Digitalstrategie, das Ringen um Akzeptanz und Unabhängigkeit. Der Fall wirft Grundsatzfragen auf: Wie werden Beschwerden behandelt, wenn Führungskräfte betroffen sind? Welche Schutzmechanismen wirken für Beschäftigte? Wie lassen sich Vertraulichkeit, Persönlichkeitsrechte und das öffentliche Informationsinteresse austarieren? Fest steht: Die Affäre wirkt über den Einzelfall hinaus. Sie berührt die Kultur einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, den Umgang mit Nähe und Distanz in hierarchischen Strukturen und die Grenzen der richtigen Diskretion.

vor 5 Stunden
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