„Episch und epochal – ein Meisterwerk“, so bewirbt der Hanser-Verlag Miriam Carbes umfangreiches Werk über ihre im bürgerlichen Dresden der Neunzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts verwurzelte Familie und tut damit der Autorin keinen Gefallen. Denn die Vokabeln der Superlative laden zu Vergleichen ein mit Thomas Mann, Joseph Roth, I. J. Singer und schließlich Chaim Grades erst 2025 erschienenem erschütternden, wahrlich epochalen Werk „Sons and Daughters“, Vergleichen, die Carbes Text nicht aushält und die die Autorin auch nicht gesucht hat.
Miriam Carbe, Redakteurin bei Arte, klug und schreiberfahren, verdient eine andere Art von Lob. Sie hat in ihrem lesenswerten Werk alles richtig gemacht. Sie erbte die Tagebücher ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter und erkannte in diesem privaten Vermächtnis, das 1908 einsetzt, ein herausragendes Dokument der von gewöhnlichen Menschen gelebten deutschen Geschichte. Auf der Basis der Tagebücher erschuf sie drei durch historische Traumata miteinander verknüpfte distinktive Frauengestalten, die jede auf ihre Weise und in schwierigen Umständen eine unerwünschte Tochter zu Welt brachten. Je näher Carbes Ausgestaltung der Gegenwart kommt, desto intensiver und mitreißender wird sie. Die Erzählsprache verliert ihre durchaus angenehme Neutralität, wird wärmer, engagierter und riskiert mehr.
Margarethe wächst als älteste von drei Töchtern in der Villa Parsifal im südlichen Dresden auf. Als ein Sohn geboren wird, der natürlich Siegfried heißt, sagt der Vater: „Die Amazonenzeit ist vorbei, Grethe. Wir haben jetzt einen richtigen Sohn, wir brauchen keinen Wildfang, der sich wie einer gebärdet.“ Damit beginnt für Grethe die Disziplinierung in das verkrustete Nicht-ganz-Großbürgertum, die Welt von Meissner Porzellan, Blumenstickerei und Goethe-Zitaten – Elementen, die sich leitmotivisch durch den Roman ziehen und in den Sechzigerjahren auf einen Teller, geblümte Vorhänge und Schlagerzitate reduziert werden. Margarethes Vater, Wagner-Liebhaber und Musikalienhändler, verpasst, weil er und seine Frau Anna Maria Auguste den eigenen Dünkel ernst nehmen, den Anschluss an den sich um 1900 rapide ändernden Publikumsgeschmack und investiert nicht in das neue Medium Film.
Augenverschließen vor den NS-Untaten
Als ein Medizinstudent sich 1903 für die aufgeweckte Margarethe interessiert, sagt die Mutter: „Goldbaum. Das werden Juden sein. Goethe habe die Juden gekannt und Ehen zwischen Deutschen und Juden strikt abgelehnt. Ihr Krämersinn passt nicht zum deutschen Geist.“ Grethe wird den deutschen Kaufmannssohn Felix heiraten. Als das Paar 1911 die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden besucht, „waren sie sich einig, dass die weiße Rasse allen anderen überlegen sei“. Im Jahr nach der Geburt der Tochter Marianne wird Felix, der sich nach einer verlorenen Schlacht in Frankreich in einer Scheune versteckt, von Franzosen erschlagen. War das so, oder ist das Carbes fiktionale Replik auf Grethes Feigheitsvorwurf gegen die Juden?
Miriam Carbe: „Unerwünschte Töchter“VerlagAls der Erste Weltkrieg vorbei ist, muss die Villa Parsifal verkauft werden. Margarethe, Kriegswitwe mit zwei Kindern, eröffnet in einer großen Wohnung in Dresden eine Pension für Mädchen, die in der Stadt arbeiten wollen. Sie heiratet den Bruder ihres toten Mannes. Der soziale Abstieg nimmt Fahrt auf. Er bringt sie als Frau eines engstirnigen Mannes („Katzen sind die Juden unter den Tieren, so einen Schmarotzer nehmen wir nicht mit“) und Wirtin eines unrentablen Ausflugslokals nach Königsbrück. Ihre Tochter Marianne ist malerisch begabt, aber zu arm, um eine Kunstschule in Dresden oder Berlin besuchen zu können. Sie muss der Mutter Margarethe in der Gastwirtschaft zur Hand gehen. Beide Frauen verschließen vor den Untaten der Nazis die Augen.
Die Familie zieht 1938 nach Meiningen. Marianne findet Arbeit in der Kaserne am Drachenberg und verliebt sich in ihren Vorgesetzten Alfred Carbe, Staatsanwalt aus Berlin, der in der Endphase des Krieges Todesurteile gegen junge Deserteure unterschreibt. Sie wird im November 1944 schwanger. Alfred fällt am 5. April 1945, im August wird Monika geboren. Die Namen der Mädchen beginnen alle mit M, weil die Mütter bei aller Spannung die Verbundenheit untereinander betonen wollen.
Die Wichtigkeit kultureller Indikatoren wie etwa Zigarettenmarken
Die Tochter Monika wird 1967 Miriam Carbes Mutter. Miriams Vater, Akang, Student in Marburg, ist Nigerianer aus dem Volk der Ibibios, die 1967 plötzlich zu Biafra gehören und in einen brutalen Krieg gegen Nigeria hineingezogen werden. Akang (wie schon Alfred Carbe vor ihm) will das Kind nicht. Zwei Jahre nach Miriams Geburt verschwindet er nach Nigeria.
Im dynamischen Porträt ihrer Mutter Monika beweist Miriam Carbe ihre eminente intellektuelle und emotionale Disziplin. Monika ist literarisch hochbegabt und wird gequält von einem schwierigen Verhältnis zu ihrem Körper; sie erkrankt an Psychosen, verbringt Zeit in der Psychiatrie. Ihre Tochter Miriam kommt in einem Heim für ledige Mütter zur Welt, in Marburg, wo Monika Germanistik studiert. Miriam Carbe selbst schreibt kein Tagebuch, meldet sich aber in kommentierenden Kapiteln.
Ist die Aneinanderreihung von drei Müttern ein Roman? Die originellste Eigenschaft des Textes ist die penible Rekonstruktion kultureller Indikatoren der jeweils beschriebenen Epoche. Auf dem Tisch einer Studentenversammlung 1967 in Marburg kann nur eine Packung Roth-Händle liegen. Dass Monika Ernte 23 bevorzugt, weist sie als zu bürgerlich aus. Details dieser Art bilden lange Ketten durch den Text (Zigarettenspitze bis Roth-Händle), die mentale Veränderungen illustrieren, wobei die rassischen Vorteile, so zeigt Carbe in zwei witzigen Szenen, in der Marburger Studentenschaft der späten Sechzigerjahre noch weitgehend intakt sind.
Die Masse der wie auf einer Perlenschnur aufgereihten historisch korrekten Details (Villa Parsifal bis Schlagersängerin Dalida), die für mentale Einstellungen stehen, bedroht paradoxerweise die Authentizität des Erzählten, denn sie generieren Stereotype. Parallel dazu ist der Text durchzogen von Dutzenden von Goethe-Zitaten, die Spaß machen, doch im Mund der gebeutelten Frauen nostalgische Worthülsen sind. Hier liegt die wichtigste Frage des Textes begraben: Warum haben Goethe, Schiller, Kleist ihre Verehrerinnen nicht zu „besseren“ Menschen gemacht? Die Antwort, die Miriam Carbe auf fast 600 Seiten so exzellent liefert, ist bedrückend.
Miriam Carbe: „Unerwünschte Töchter“. Roman. Hanser Verlag, München 2026. 576 S., geb., 26,– €.

vor 2 Tage
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