Sieht aus, als wäre in der Türkei jetzt alles politisch. Zumindest an diesem Mittwoch in Istanbul, dem Tag des Boykotts. „Kaufen Sie nichts!“, hatte Özgür Özel, der Vorsitzende der oppositionellen CHP, auf X geschrieben. Wer mit Ekrem İmamoğlu ist, dem inhaftierten Präsidentschaftskandidaten, der möge den Mittwoch über nicht nur bestimmte Marken boykottieren, von denen es heißt, dass sie der Regierung nahestehen, sondern jeglichen Konsum einstellen. Wer an diesem Tag trotzdem einkaufen ging oder ins Café oder Restaurant, der hatte im Wesentlichen zwei Gründe: Entweder war er Tourist; oder Anhänger des amtierenden türkischen Präsidenten.
In Istanbul öffneten viele Bars gar nicht erst, viele Läden auch nicht, zumindest in Vierteln, in denen mehrheitlich Anhänger der Opposition leben. Andere schlossen wieder, als sie merkten, dass kaum jemand kam. Das bekannte Pera-Museum war zwar geöffnet, nahm aber aus Solidarität mit den Boykottierenden kein Eintrittsgeld.
So hielten sie es auch, sagt am Mittwochnachmittag eine junge Frau, die hinter der Theke eines Cafés in Karaköy stand, einer Gegend in der Istanbuler Innenstadt. „Heute ist bei uns alles gratis.“ Sie respektiere den Boykott, sagt sie, während ihr Kollege die nächsten Gratis-Cappuccino serviert.
Die Türkei ist ein Land im Ausnahmezustand, auch wenn der Alltag weitergeht
Zwei Wochen ist es her, dass İmamoğlu festgenommen wurde, vier Tage später folgte der Haftbefehl. Die Opposition nennt es den „Putsch vom 19. März“, an diesem Tag holte die Polizei morgens den bisherigen Oberbürgermeister von Istanbul ab. Seither ist die Türkei ein Land im Ausnahmezustand, auch wenn der Alltag weitergeht.
Die Opposition tut viel, dass dieser Ausnahmezustand nicht zu Ende geht. Sie weiß, dass Straßenproteste allein keinen Präsidenten zu Fall bringen, der sich über die Jahre einen loyalen Staatsapparat geschaffen hat. Eine Chance haben die Proteste gegen Recep Tayyip Erdoğan nur dann, wenn auch Menschen innerhalb des Apparats anfangen zu glauben, dass es mit Erdoğans Macht zu Ende geht.
Seine Gegner wollen deshalb die Proteste in den Alltag tragen, damit sichtbar wird, dass sie nicht zur Tagesordnung übergehen, solange nichts in Ordnung ist. Der Präsident hat seinen Herausforderer einsperren lassen und will ihn nicht wieder freilassen. Und neben İmamoğlu sitzen Dutzende seiner Mitarbeiter in Haft, außerdem viele Studentinnen und Studenten, insgesamt mehr als 300 Menschen.
Auch vor dem 19. März war die türkische Gesellschaft bereits zutiefst gespalten, aber davon sah man wenig im Straßenbild. Das Land funktionierte, die Menschen hatten gelernt, politische Themen zu meiden, wenn sie ahnten, dass sie gerade mit jemandem vom anderen Lager sprachen. Jetzt ist die Spaltung unübersehbar, man geht durch Istanbul und sieht sie, selbst wenn gerade nirgendwo eine Demo stattfindet.
Ein Minister spricht von einem „Putsch gegen unsere Wirtschaft“
In den Filialen von „Espressolab“ zum Beispiel herrscht neuerdings eine hohe Quote an verhüllten, religiösen Frauen, in der Filiale in Karaköy liegt sie an diesem Mittwochnachmittag bei 100 Prozent. Der Café-Kette wird nachsagt, sie habe geschäftliche Beziehungen zum Präsidenten selbst. Die Cafés sind zum Symbol für die neue Zeit geworden. Bis zum 19. März kam jeder, dem nach einem Latte oder einem Iced Americano war, heute kommt zum Beispiel Mesut Özil.
Özil, früher Fußballspieler, heute AKP-Funktionär und persönlicher Freund des Präsidenten, postete bei seinem Besuch ein Selfie auf X. So machen es gerade viele Erdoğan-Unterstützer, die zu Espressolab gehen. Die Kommentare unter Özils Post dürften dem allerdings keine Freude bereitet haben. Die Frage, in welcher Nationalmannschaft er gleich noch spielte, war recht beliebt.
Dass die Boykottaufrufe die Regierung treffen, zeigt deren Reaktion. Von einem „Putsch gegen unsere Wirtschaft“ sprach ein Minister, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Menschen, die zum Boykott aufrufen, sie sollen sich des „Anstachelns zu Hass und Diskriminierung“ schuldig gemacht haben. Es ist der Versuch, den Boykott zu kriminalisieren, den der Staat kaum verhindern kann.
Vermutlich soll es abschreckend wirken, dass diese Woche ein prominenter Fernsehschauspieler festgenommen wurde wegen seines Aufrufs zum Boykott. TRT, das staatliche Fernsehen, entfernte eine Schauspielerin aus demselben Grund aus einer Serie. Der zivile Widerstand der Konsumenten trifft das Land in einer nicht enden wollenden Wirtschaftskrise. Dort, wo Erdoğans Macht aufhört: auf dem freien Markt. Die Opposition hat einen Bereich gefunden, in dem der Staatschef relativ passiv wirkt.