Henrik steht mit Stiefeln und Mütze auf einer regennassen Wiese und versucht, seinen Hund zum Trinken zu bewegen. »Komm her, Tyras«, ruft er und zeigt auf einen Wassernapf. Der junge Husky schlabbert kurz und wendet sich ab. Das Wasser interessiert ihn wenig, obwohl Henrik extra Fleischbrei untergerührt hat. Dabei sollte Tyras den Napf leeren. In anderthalb Stunden startet er mit Henrik bei einem Rennen. Vorher muss er viel trinken, wie ein menschlicher Sportler auch. Wässern nennen Hundehalter das.
Schließlich ruft Henrik seine Mutter zu Hilfe: »Mama, er trinkt nicht.« Sabine Laier weiß einen Trick. Sie kramt eine Tüte mit Speck hervor, der eigentlich als Belohnung nach dem Rennen gedacht war. Ein paar Streifen landen im Wasser. Und tatsächlich trinkt Tyras endlich.
Nun kann sich auch Henrik startklar machen. Der 14-Jährige schlüpft in kurze Hose, Sportshirt und Laufschuhe mit grobem Profil. Er will sich warm laufen und ein paar Lockerungsübungen machen. Um ihn herum ist viel los. Kleinbusse, Wohnwagen und Wohnmobile parken auf der Wiese. Mit Netzzäunen sind Gehege abgesteckt, in denen Huskys und andere Hunde auf und ab traben. Einige bellen. Menschen und Hunde sind heute hier, um beim Straßdorfer Staufertrail nahe der baden-württembergischen Stadt Schwäbisch Gmünd mitzumachen. In der kühlen Jahreszeit gibt es fast jedes Wochenende in Deutschland oder den Nachbarländern ein Zughunderennen.
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Huskys und andere nordische Hunderassen wurden gezüchtet, um Schlitten mit Lasten zu ziehen. Daraus hat sich ein Sport entwickelt. Bei Schlittenhunderennen laufen die Hundegespanne um die Wette. Das längste und bekannteste Rennen ist das Iditarod in Alaska. Es dauert mehrere Tage, in denen fast 2000 Kilometer zurückgelegt werden.
Zughunderennen finden längst nicht mehr nur auf Schnee statt, sondern auch auf Asphalt, Wiesen und Waldwegen. Neben dem Schlitten kamen weitere Disziplinen dazu, zum Beispiel Bikejöring. Dabei zieht der Hund den Menschen auf einem Fahrrad. Henrik macht Canicross. Er rennt und ist durch eine Zugleine mit Tyras verbunden. Hunde sind deutlich schneller als Menschen. Mit einem ziehenden Hund können gute Läufer tatsächlich ein wenig schneller sein als ohne. Manchmal zieht Tyras so stark, dass Henrik hinfällt und im Dreck landet. »Meist finde ich das lustig«, sagt er. »Schmutzig zu werden, gehört dazu.«
Tyras rennt und zieht gern, da ist sich Henrik sicher. »Beim Start springt er oft aufgeregt hin und her«, erzählt er. »Und nach einem Rennen sieht es aus, als würde er grinsen.«
Ein Husky braucht viel Auslauf. Mehrere Kilometer gehen Henrik und seine Eltern mit ihren drei Hunden täglich spazieren. Die Familie begann mit dem Zughundesport, um ihre erste Hündin besser auszulasten. Henriks jüngere Schwester Sofie läuft ebenfalls Rennen. Manchmal geht auch Mutter Sabine mit dem Fahrrad oder einem Scooter an den Start. Bei der letztgenannten Disziplin zieht der Hund einen Tretroller.
Der Zughundesport steht allen Hunden offen, auch kleinen Rassen. »Wir haben Freunde, die mit einem Beagle rennen«, sagt Henrik. Ein Hund sollte in der Regel aber nicht mehr als das Dreifache seines Gewichts ziehen. Beliebt bei Rennen sind Europäische Schlittenhunde. Es sind Mischlinge, die vor allem gut im Sprint auf kurzen Strecken sind. »Gegen die haben Tyras und ich kaum eine Chance«, sagt Henrik. Huskys sind Langstreckenläufer. Deshalb gibt es Rennen, bei denen nur reinrassige nordische Hunde erlaubt sind. Außer dem Siberian Husky zählen Grönlandhunde, Samojeden und Alaskan Malamute dazu.
Mittlerweile sind es nur noch 15 Minuten bis zum Rennen. Tyras war gerade Gassi. Er soll möglichst vorher pinkeln und einen Haufen machen, nicht auf der Rennstrecke. Hat Henrik alles schon erlebt: »Das kostet Zeit.« Jetzt nimmt er Tyras an die Leine und macht sich auf den Weg zum Start. Seiner Mutter ruft er zu: »Bleib im Auto.« Denn Mutter Sabine trainiert jeden Tag mit Tyras. »Er hat sie sehr gern«, sagt Henrik. Beim Rennen bringt ihm das Nachteile. Kommt seine Mutter mit an den Start, will Tyras nicht laufen. »Er schaut sich ständig um, weil er denkt, wir haben sie vergessen.«
Die Uhr rückt auf 13.34 Uhr vor – Henriks Startzeit. Ein Mann mit Mikrofon gibt das Signal, Henrik zählt mit runter: »Drei, zwei, eins, go!« Bei »go« sprinten Tyras und er los. Matsch spritzt von der nassen Wiese. Jedes Läufer-Hund-Team startet allein. Henrik trägt einen Transponder. Das kleine Gerät erfasst am Ziel die Zeit. So können sich die Teams später vergleichen.
Beim Rennen trägt Tyras ein Geschirr und ist über eine elastische Leine mit Henrik verbunden. Per Kommando gibt Henrik die Richtung vor. »Hopp, hopp, hopp« motiviert Tyras, schneller zu werden.
Foto: Eva-Maria Gebhardt / DEIN SPIEGELWährend Hund und Mensch durch den Wald preschen, ist Sabine Laier aus dem Auto gestiegen und wartet mit Henriks Vater am Ziel. Als Tyras sie bemerkt, beschleunigt er und stürmt auf sie zu. Keuchend und hechelnd überqueren Henrik und er die Ziellinie. »Und Henrik, wie war’s? Hat er gezogen?«, will sein Vater wissen. Henrik hat einen roten Kopf und erst mal keine Luft für Antworten. Er beugt sich runter und vergräbt das Gesicht in Tyras’ Fell. Leise sagt er: »Das hast du gut gemacht.«
Nach dem Rennen bekommt der Husky eine Umarmung.
Foto: Eva-Maria Gebhardt / DEIN SPIEGELFür Henrik ging es beim Fünf-Kilometer-Lauf heute vor allem um Spaß. In seiner Altersklasse hatte er keine Konkurrenz. Er ließ allerdings auch fast alle Erwachsenen hinter sich. Nur eine Frau war mit ihrem Hund ein paar Sekunden schneller.
Wenige Teilnehmer sind nicht ungewöhnlich. Der Zughundesport ist in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Bei den kleineren Wettkämpfen gehen oft nur einzelne Kinder und Jugendliche an den Start. Die meisten kennt Henrik beim Namen.
Die vergangenen Wochenenden war er mit seiner Familie und den Hunden viel unterwegs. Sie fuhren zu Weltmeisterschaften nach Tschechien und Italien, bei der deutschen Meisterschaft in Bayern holte Henrik den dritten Platz.
Neben seinem zweiten Hobby Eishockey bleibt im Herbst und Winter wenig Zeit für anderes.
Am nächsten Tag werden Tyras und er noch einmal beim Staufertrail starten. Aber jetzt hat sich der Husky erst mal seine Belohnung verdient: Speck und Eier.
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