In seiner aktuellen Ausgabe will der „Spiegel“ seine Leser über die Verbrechen der Deutschen im Osten Europas während des Zweiten Weltkriegs informieren. Doch der Titel des Hefts ist ein gefundenes Fressen für die russische Propaganda.
„Unser Krieg gegen Russland“ – so titelt die Ausgabe vom 18. Juni. Der Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion ist ein überaus wichtiges Thema, doch geschichtsvergessener könnte die Überschrift nicht lauten.
Weder haben „wir“ heute Lebenden diesen Krieg geführt – wobei wir zweifellos nach wie vor eine besondere Verantwortung tragen –, noch führte Nazideutschland von 1941 an Krieg gegen „Russland“.
Dass man das eigentlich auch beim „Spiegel“ weiß, darauf verweist die Unterzeile: „Vor 85 Jahren überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion. Wie die Verbrechen in Familien und Politik nachwirken“. Was am Titel vor allem problematisch ist: Die Sowjetunion war nicht Russland, sie umfasste die Territorien der Ukraine, von Belarus, Estland, Litauen und Lettland sowie Länder im Kaukasus und Zentralasien. Die Rote Armee bestand nicht nur aus ethnischen Russen, sondern aus Angehörigen vieler Völker. Besonders betroffen vom Feldzug der Nazis waren Ukrainer, Belarussen, Balten und Polen.
Die historische Realität wird verzerrt
Die Gleichsetzung Russlands mit der Sowjetunion verzerrt die historische Realität, und so die Wahrnehmung des aktuellen Krieges, den der Kreml seit zwölf Jahren gegen die Ukraine führt. Weit verbreitet ist hierzulande nach wie vor der Glaube, man stehe wegen des Sieges der Sowjets über Hitler in der Schuld Russlands – nicht jedoch in der Schuld der Ukraine. Zugleich wird gern der Hitler-Stalin-Pakt vergessen, mit dem die Diktatoren souveräne Staaten Osteuropas untereinander aufteilten, ehe Deutschland die Sowjetunion überfiel. Gesellschaften im östlichen Europa haben den doppelten Terror mit Millionen von Opfern hingegen nicht vergessen, den der Historiker Timothy Snyder mit seinem Begriff „Bloodlands“ umfasst.
Dass der Kreml das hierzulande mitunter verzerrte Geschichtsbild für seine Propaganda nutzt, wenn er den Krieg gegen die Ukraine als Fortsetzung des Kriegs gegen NS-Deutschland ausgibt, darauf verweist die russische Historikerin Irina Scherbakowa in dem lesenswerten Interview, das im aktuellen „Spiegel“ auch abgedruckt ist und die Wahl des Hefttitels umso bizarrer erscheinen lässt. Scherbakowa hat die Menschenrechtsorganisation Memorial mitgegründet – eine NGO, die 2022 den Friedensnobelpreis erhielt und in Russland kriminalisiert wird. Im Exil setzt Scherbakowa die Aufarbeitung der Verbrechen des Stalinismus, NS-Deutschlands und des Putin-Regimes fort und betreibt Aufklärung in einem Land, das „unseren Nachbar Russland“ allzu gern romantisiert.
„Wer die Debatten rund um die Ukraine und Russland wirklich verstehen will, muss über den Zweiten Weltkrieg Bescheid wissen“, schreibt der „Spiegel“-Redakteur Frederik Seeler. Mit ihrer Titelseite zeigt sich die Chefredaktion unwissend.

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