TEFAF-Messe NEW york: Kunst für krisenfeste Kauflust

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Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein etwas verrenkter Stuhl aus Holzstreben. Doch der „Aztec Chair“ ist über einen Zeitraum von sechzehn Jahren gewachsen: Das britische Kollektiv Full Grown hat ihn aus einem lebenden Baum geformt und 2025 schließlich „geerntet“. Bei der New Yorker Ausgabe der TEFAF-Messe in der Park Avenue Armory zeigt die Sarah Myerscough Gallery mehrere Werke, in der Natur, Kunst, Design und technische Handarbeit verschmelzen. Die in Brüssel lebende Materialforscherin Ori Orisun etwa entwickelt Plastiken aus einem von Insekten produzierten Harz, das sie im 3D-Druck verarbeitet.

In geschichtsträchtigen Räumen

Die Londoner Galerie gehört zu den Ausstellern, die auf der New Yorker TEFAF die historischen Räume des ehemaligen Militärarsenals auf der Upper East Side bespielen dürfen. Das sei etwas Besonderes, sagt Sarah Myerscough. Man könne die opulenten, holzvertäfelten Salons verkleiden und in einen neutralen White Cube verwandeln oder die Kunstwerke in Beziehung zu dem alten Raum setzen.

 Yayoi Kusamas Acrylbild „Dots Obsession“ von 2004 bei Van de WegheMacht sich gut mit Stuhl: Yayoi Kusamas Acrylbild „Dots Obsession“ von 2004 bei Van de WegheVan de Weghe

Myerscough entschied sich für Letzteres, so dass Besucher die naturnahen Holzobjekte nun vor Holzspinden von Soldaten betrachten, die hier vor Jahrzehnten stationiert waren. Auch die New Yorker Macklowe Gallery bespielt mit dem Juwelier Tiffany einen der geschichtsträchtigen Räume, statt ihn neutral zu verkleiden. Die Ausstellungsnischen bergen klassische Tiffany-Lampen als Schätze: Der „Moorish Turtleback Chandelier“ kostet 695.000 Dollar, die „Drophead Dragonfly“-Lampe 495.000. Dazu kommt Rembrandt Bugattis Bronze „Lionne de Nubie“ für 1,2 Millionen Dollar. Besonders die Lampen mit ihrem warmen grünlichen Licht wirken, als hätten sie schon immer vor dem dunklen Holz des Salons gestanden.

Eine Etage tiefer herrscht in der Drill Hall dagegen die vertraute Messe-Atmosphäre: Gut ausgeleuchtete Stände mit meist weißen Wänden reihen sich an den Gängen auf. Zehn Jahre nach ihrer Expansion von Maastricht nach Manhattan hat sich der Schwerpunkt der New Yorker TEFAF deutlich verschoben: Auf der Messe, an der diesmal 88 Aussteller teilnehmen, dominieren Moderne Kunst und Nachkriegsdesign statt Antiquitäten und Alte Meister. Auffällig ist außerdem die starke Präsenz von „Collectible Design“ und materialorientierter Gegenwartskunst.

 Vilhelm Hammershøi, „Christiansborg“, 1914, Öl auf Leinwand, 52 mal 69 ZentimeterBild der Stille bei Hauser & Wirth: Vilhelm Hammershøi, „Christiansborg“, 1914, Öl auf Leinwand, 52 mal 69 ZentimeterHauser & Wirth/Annik Wetter

Stärker als in den Salons werden in der Halle die bekannten Marktsignale ausgesandt: Bei der Berggruen Gallery (San Francisco) steht Cecily Browns Gemälde „Functor Hideaway“ für rund vier Millionen Dollar zum Verkauf. Yares Art (New York) bietet Helen Frankenthalers „Phoebe“ von 1979 für 3,2 Millionen Dollar an und Anthony Caros Stahlskulptur „Open #184“ für 1,8 Millionen. Matteo Lampertico (Mailand) hat einen „Mao“ von Andy Warhol im Angebot, bei Van de Weghe (New York) hängt ein Werk von Yayoi Kusama, bei Landau Fine Art (Montreal) etwas von Pablo Picasso, und Edward Tyler Nahem (New York) präsentiert eine Version der Monumentalskulptur „Jerusalem Stabile“ von Alexander Calder.

Doch es gibt auch Arbeiten weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler zu entdecken: das Gemälde „The Sunset Birth“ von ­Ithell Colquhoun etwa, zu haben bei der Richard Saltoun Gallery (London, Rom) für um 450.000 Dollar. Die 1988 gestorbene britische Künstlerin galt lange Zeit als Randfigur des Surrealismus. Saltoun widmet Frauen der Avantgarde den gesamten Stand. Die Präsentation der Gladstone Gallery aus New York und Brüssel setzt auf Pastellarbeiten der tschechischen Künstlerin Anna Zemánková (ab 75.000 Dollar). Ihre floralen, manchmal fast psychedelischen Zeichnungen bewegen sich zwischen botanischer Studie und spiritueller Imagination.

 Kathleen Ryan, „Bad Cherries (Princess)“, 2026, aus Halbedelsteinen und Metall, Höhe rund 100 ZentimeterBei Gagosian: Kathleen Ryan, „Bad Cherries (Princess)“, 2026, aus Halbedelsteinen und Metall, Höhe rund 100 ZentimeterGagosian Gallery

Erste Verkäufe wurden schon vor der Eröffnung gemeldet: Thaddaeus Ropac hat drei Gemälde Eva Helene Pades an amerikanische Institutionen verkauft, zu Preisen von umgerechnet 140.000 bis 175.000 Euro. Bei der Gagosian Gallery gingen sämtliche von Kathleen Ryans überdimensionierten Früchten aus Edelsteinen und Metall weg. Die New Yorker TEFAF folgt den Sammlerinteressen, wirkt aber dennoch weniger trendgetrieben als andere Messen in der Stadt. In einem unsicherer werdenden Markt kann das ein Vorteil sein.

TEFAF New York, Park Avenue Armory, bis 19. Mai, Eintritt 62,50 Dollar

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