Michael Jackson als Täter: „Wenn du mich liebst, tust du das“

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Die Biographie „Michael“, die zurzeit im Kino über den Popstar Michael Jackson läuft, feiert ihn als musikalische Lichtgestalt. Die dunkle Seite der Geschichte taucht nicht auf: die schweren Missbrauchsvorwürfe, die Jackson seit den frühen Neunzigerjahren begleiten. Hier setzt die aktuelle Ausgabe von „60 Minutes Australia“ an.

Vier Geschwister der Familie Cascio, die Jackson selbst seine „geheime zweite Familie“ nannte und die über Jahrzehnte zu seinem engsten Umfeld zählte, schildern, wie der 2009 gestorbene Musiker sie als Kinder über Jahre systematisch manipuliert und sexuell missbraucht habe. Die Sendung knüpft an die Dokumentation „Leaving Neverland“ von 2019 an, in welcher der Choreograph Wade Robson und der ehemalige Kinderdarsteller James Safechuck ebenfalls vom Missbrauch durch Jackson berichten.

Für die Cascio-Geschwister war die Doku Anlass, mit der eigenen Familiengeschichte zu brechen: Aldo Cascio, der jüngste Bruder, rief damals die Geschwister zusammen: „Alles, was sie sagen, ist wahr. Weil es mir auch passiert ist.“

Auf Tour sei es fast jede Nacht zu Übergriffen gekommen

Die Cascios lernte Jackson in den Achtzigerjahren kennen. Der Vater hatte ihn als Hotelmanager in New York getroffen; bald tauchte der Popstar regelmäßig im Haus der Familie in New Jersey auf, oft spätabends, teils mit seinem Schimpansen Bubbles im Schlepptau. Für die Kinder war das ein Geschenk des Himmels. Jackson, sagt Dominic Cascio, war „wie der lustige Onkel“, einer, der sie in Spielzeugläden, Freizeitparks und hinter die Bühne mitnahm und Privatjets selbstverständlich erscheinen ließ.

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„Wenn ein so großer Star mitten in der Nacht zu Besuch kommt und uns Kinder kennenlernen will, fühlt sich das besonders an.“ Die Sendung zeigt private Fotos und Videos: Jackson im Wohnzimmer der Cascios, mit den Kindern auf Reisen, in Neverland, auf Tour.

Heute, Jahrzehnte später, sprechen die vier Geschwister vom selben Muster: Jackson habe sich ihnen langsam immer weiter angenähert und die Grenzen immer weiter verschoben. Das Spektrum reichte von anfänglichen, beiläufigen Berührungen, dem gemeinsamen Schlafen im Bett bis hin zur Vergewaltigung. Eddie Cascio berichtet, sein Missbrauch habe 1993 während der „Dangerous“-Tour begonnen, als er elf Jahre alt war und ohne Begleitung seiner Eltern reiste.

 Eddie.Michael Jackson mit dem älteste der Cascio-Brüder: Eddie.60 Minutes Australia/Youtube

Jackson habe ihn „Engel“ genannt, vor Konzerten mit in die Badewanne genommen und in seinem Bett schlafen lassen. „Überall, wo wir waren, war ich derjenige, der in seinem Zimmer blieb.“ Auf Tour seien die Übergriffe fast jede Nacht vorgekommen.

„Krankes Gehirnwäsche- und Rollenspiel“

Dominic Cascio beschreibt den Beginn der Übergriffe im Alter von etwa acht Jahren, um 1990, und erzählt, wie Jackson die Grenzen verschob. Zuerst führte er ein Spiel ein, das er „Po-Gerangel“ nannte: Hüften schütteln, bewegen, vordergründig ein harmloser Spaß. „Ist das nicht schön? Fühlt sich das gut an? Das ist völlig in Ordnung.“

Die Berührungen hätten zugenommen, die Handlungen sich verändert, der Ton sei derselbe geblieben: Es sei ein Spiel, harmlos, etwas völlig Normales – bis hin zu Masturbation, Oralverkehr und Penetration.

Michael Jackson mit Marie‑Nicole und Aldo Cascio, den beiden jüngsten Geschwistern.Michael Jackson mit Marie‑Nicole und Aldo Cascio, den beiden jüngsten Geschwistern.60 Minutes Australia/Youtube

Marie-Nicole Cascio ist die erste Frau, die öffentlich gegen Jackson aussagt; die Übergriffe gegen sie hätten 2001 begonnen, als Jackson monatelang im Haus der Familie lebte. Er habe ihr erklärt, Nacktheit sei „normal zwischen einem Mann und einer Frau“, aber zugleich absolutes Schweigen verlangt; nicht einmal die eigene Familie dürfe es wissen.

Später habe es einen geheimen Code für Treffen gegeben: ein Schnipsen, ein Zeigen. Aldo Cascio, der Jüngste, war sieben, als es 1993 begann. Am schwersten wiegt seine Beschreibung der Rollenspiele: Jackson habe ihm gegenüber einmal einen Polizisten gespielt und den Jungen in dieser Rolle gefragt, ob er ihn unangemessen berühre, um zu testen, wie das Kind reagiere. Es war ein Training dafür, im Ernstfall zu schweigen und Spuren zu verwischen. „Krankes Gehirnwäsche- und Rollenspiel“, sagt Aldo Cascio heute.

Er sollte Jackson schlagen, bis er einen Bluterguss hatte

Am Beispiel der Familie Cascio rekonstruiert „60 Minutes Australia“ das System der Kinderschändung: Jackson habe die Kinder in seinen exklusiven Zirkel, den „Applehead Club“, eingeladen, sobald sie in seinen Augen alt genug waren. Er unternahm mit ihnen Reisen, verteilte Geschenke und vermittelte ihnen das Gefühl, auserwählt zu sein.

Eddie, Aldo und Dominic mit Michael Jackson in ihrem Haus in New JerseyEddie, Aldo und Dominic mit Michael Jackson in ihrem Haus in New Jersey60 Minutes Australia/Youtube

Dabei verabreichte er ihnen – nach Schilderung der Cascios – auch Alkohol und Drogen. Wein habe er „Jesus-Saft“ genannt, harten Alkohol „Disney-Saft“; auch Schmerz- und Beruhigungsmittel wie Vicodin und Xanax gehörten dazu. Er versprach, die Mittel würden sie „schweben“ lassen. Keines der vier Kinder wusste damals, dass die anderen dasselbe erlebten. „Wir wurden darauf programmiert, seine Soldaten zu sein“, sagt Eddie.

Dominic erzählt von einer Situation im Jahr 2003, als Jackson wegen Kindesmissbrauchs angezeigt worden war. Kurz vor seiner Verhaftung habe er ihn gebeten, ihn immer wieder auf den Arm zu schlagen, bis sich ein Bluterguss bildete, den Jackson schließlich als Folge polizeilicher Gewalt darstellte. „Wenn du mich liebst, tust du das“, habe er gesagt.

Schilderungen von Missbrauch passen ins Bild

Die Cascios haben Jackson jahrzehntelang gegen alle Vorwürfe verteidigt. In der Talkshow von Oprah Winfrey verneinten sie nach seinem Tod jedes unangemessene Verhalten, als mindestens drei andere Zeugen bereits Vorwürfe gegen den Popstar erhoben hatten. Eddie sagte damals, Jackson könne keiner Fliege etwas zuleide tun.

Für Jacksons Nachlassverwalter ist das bis heute das Hauptargument für seine vermeintliche Unschuld. Der Jackson-Estate weist alle Vorwürfe als finanziell motiviert zurück und führt den Freispruch vor Gericht aus dem Jahr 2005 an: Jackson wurde nie wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Damals seien sie noch in der Denkweise gefangen gewesen, in die Jackson sie seit frühester Kindheit hineinmanipuliert habe, sagen die Geschwister Cascio heute. Sie hätten ihn schützen wollen und sich selbst für mitschuldig gehalten.

Gerade weil die Cascios so lange zu Jacksons treuesten Verteidigern gehörten, treffen ihre Vorwürfe hart. Inhaltlich knüpfen sie nahtlos an die Schilderungen anderer mutmaßlicher Missbrauchsopfer an. Sie alle sprechen von „Grooming“; davon, wie Michael Jackson ihnen das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein, von seinen Liebesbekundungen, immer weiter verschobenen Grenzen und dem Schweigegelübde als Beweis vermeintlicher Liebe. Auf Youtube ist die Episode von „60 Minutes Australia“ zu sehen.

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