Szabolcs Panyi: "Eine Taktik direkt aus Putins Handbuch"

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Der Journalist Szabolcs Panyi berichtete, wie sich der ungarische Außenminister für Russlands Interessen einsetzt. Jetzt wirft ihm die Orbán-Regierung Spionage vor.

2. April 2026, 19:54 Uhr

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 Russlands Außenminister Sergei Lawrow und der ungarische Außenminister Péter Szijjártó
Russlands Außenminister Sergei Lawrow und der ungarische Außenminister Péter Szijjártó © [M]Caroline Scharff/​DIE ZEIT; verwendete Bilder: Alexander Nemenov/​Reuters, Marton Monus/​Reuters

DIE ZEIT: Herr Panyi, vergangene Woche wurde öffentlich, dass gegen Sie Anklage wegen Spionage erhoben werden soll. Wie haben Sie von den Vorwürfen erfahren?

Szabolcs Panyi: Ich habe es in den Nachrichten gelesen. Bei einer Pressekonferenz hat der Stabschef von Viktor Orbán verkündet, dass ich ein "ukrainischer Spion" sei. Und dass die Regierung Strafanzeige wegen des Verdachts auf Spionage gegen mich einreicht.

ZEIT: Eine ziemlich öffentlichkeitswirksame Aktion …

Panyi: Das ist alles politisches Theater! Es geht nicht nur darum, mich zu diskreditieren. Vor allem soll so meine Berichterstattung schon im Vorfeld diskreditiert werden. Zusätzlich wurde ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen mir und einem Informanten veröffentlicht. Die Regierung hat mich offensichtlich überwacht und wusste, dass ich an einer explosiven Geschichte arbeite, die nahelegt, dass der ungarische Außenminister sich eher für die Belange Russlands als für die von Ungarn einsetzt. Bevor ich meine Recherchen veröffentlichen kann, wirft mir die Regierung also schnell vor, ein ukrainischer Spion zu sein – und stellt damit die Verschwörungstheorie auf, dass ein ukrainischer Spion eine Schmutzkampagne gegen die ungarische Regierung fahre.

ZEIT: Vorgestern dann haben Sie mit anderen Journalisten zusammen Ausschnitte aus Telefonaten zwischen dem ungarischen Außenminister Péter Szijjártó und dem russischen Außenminister Sergei Lawrow veröffentlicht. Was haben Sie herausgefunden?

Panyi: Zuerst hatte die Washington Post berichtet, dass Szijjártó die Russen quasi in Echtzeit darüber informiert hat, was auf EU-Gipfeln verhandelt wird. Wir konnten jetzt zeigen, dass der Kontakt noch viel tiefer geht. Der ungarische Außenminister verhält sich wie ein Agent für russische Belange: Er setzt sich dafür ein, Sanktionen gegen russische Oligarchen und ihre Familien wieder aufzuheben – auf das direkte Bestreben Russlands. In einem anderen Gespräch im Sommer 2025 bittet Szijjártó den russischen Energieminister sogar um Argumentationshilfen, warum es in Ungarns Interesse sein könnte, Sanktionen zu verwässern. Das ist bezeichnend. Er erkennt ja selbst an, dass er gegen ungarische Interessen handelt! Das zeigt: Péter Szijjártó arbeitet für Russland, nicht für Ungarn.

ZEIT: Was heißt das für die Europäische Union?

Panyi: Ich bin extrem wütend auf die EU. Was wir berichtet haben, ist in hochrangigen EU-Entscheidungskreisen lange bekannt. Was Szijjártó getan hat, ist ein offenes Geheimnis. Anscheinend hat aber niemand etwas unternommen, um ihn zu stoppen. Jetzt, wo die Unterhaltungen öffentlich sind, haben sich einige EU-Spitzenpolitiker geäußert und Szijjártó kritisiert. Die Premierminister Irlands und Polens und der Präsident Tschechiens zum Beispiel. Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte, hat gesagt, dass Außenminister von EU-Staaten für die EU und nicht für Russland arbeiten sollten. Nur: Szijjártó wird noch eine Weile im Amt sein, selbst wenn Orbán nächste Woche abgewählt werden sollte. Und dann kann er in neuen Verhandlungs- oder Sanktionsrunden auch wieder im Auftrag Russlands unterwegs sein. Ich sehe ehrlich gesagt keine wirklichen Lösungsvorschläge seitens der EU, abgesehen von reiner Rhetorik. Die EU ist völlig unvorbereitet dafür, dass ein Mitglied ihrer Entscheidungsgremien für einen politischen Gegner arbeitet.

ZEIT: Nächste Woche wird in Ungarn gewählt, in den Umfragen liegt Orbán zurück. Sein zentrales Wahlkampfthema ist der Kampf gegen eine angebliche Bedrohung aus der Ukraine. Sie jetzt als ukrainischen Spion zu bezeichnen, ist das Teil von Orbáns Wahlkampf?

Panyi: Natürlich! Alle Kritiker – von Oppositionspolitikern über politische Aktivisten bis hin zu unabhängigen Journalisten wie mir – werden momentan beschuldigt, ukrainische Agenten oder Spione zu sein. Allen wird vorgeworfen, von der Ukraine finanziert zu werden. Indem die Regierung mich diffamiert, kann sie zum einen Wahlkampf machen. Zum anderen hofft sie, so die Folgen meiner Enthüllungen einzudämmen.

ZEIT: Der Europarat spricht mittlerweile von einem "vergifteten Klima" in Ungarn. Stimmt das?

Panyi: Der Wahlkampf an sich ist nicht fair. Orbáns Regierung nutzt staatliche Ressourcen für eigene Wahlkampfzwecke. Sie setzen Milliarden ungarischer Steuergelder für Wahlkampfwerbung ein. Und der nationale Geheimdienst überwacht die Opposition und unabhängige Journalisten. Dass jetzt Journalisten wie mir Spionage vorgeworfen wird, ist eine rote Linie, die vorher noch nicht überschritten wurde. Das ist eine Taktik direkt aus Putins Handbuch, ein Zeichen von Schwäche und nicht von Stärke. Orbáns Leute haben solche Angst vor unserer Berichterstattung, dass sie weiter gehen als je zuvor. Dazu gehört jetzt offenbar auch, Journalisten anzugreifen und zu diffamieren.

ZEIT: Sollte tatsächlich Anklage gegen Sie erhoben werden, könnten Sie schon vor dem Prozess festgenommen werden, bei Verurteilung könnten Sie Jahre im Gefängnis verbringen. Machen Sie sich Sorgen?

Panyi: Gestern hieß es, dass die Spionagevorwürfe geprüft werden sollen, bevor es zur Anklage kommt, 30 Tage lang. Dann ist die Wahl vorbei. Was tatsächlich passiert, hängt also davon ab, wer die Wahl nächste Woche gewinnt.

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