Straße von Hormus: Gesundheitsministerin patzt in Geografie

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In Krisenzeiten müssen Politiker Interviews geben. Die Regierung kümmere sich, ihr könnt euch auf uns verlassen, das sind dann typische Botschaften, die Politiker loswerden wollen. Bei Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) klang das so, als sie vom Krieg in Iran sprach: „Wir behalten die Situation im Persischen Golf genau im Blick.“ Es wäre wohl gut gewesen, wenn Warken auch eine Karte in den Blick genommen hätte.

Die Gesundheitsministerin redete in einem Interview darüber, ob trotz des Krieges noch genügend Medikamente nach Europa geliefert werden. „Durch die Straße von Hormus fahren normalerweise auch Schiffe mit Ladungen aus Indien und China, die für die Arzneimittelversorgung und -produktion unverzichtbar sind“, sagte Warken dem Nachrichtenportal Politico. „Durch eine längere Blockade würden sich die Wege um Afrika herum deutlich verlängern, was durchaus zu Verzögerungen und gewissen Preisanhebungen führen kann.“

Laut Ministerium ist der Schiffsverkehr in der gesamten Region durch den Krieg beeinträchtigt

Das sind kuriose Äußerungen der Ministerin, die in der Gesundheitsbranche mit Verwunderung gelesen wurden. Denn die Handelsroute von Indien und China nach Europa führt gar nicht durch die Straße von Hormus. Die ist gewissermaßen ein Sackbahnhof der Seeschifffahrt. Wer dort hineinfährt, muss auch wieder herausfahren. Die Straße wird normalerweise von Schiffen genutzt, die Öl und Gas in den Golfstaaten geladen haben und in den Rest der Welt bringen. Die dortige Blockade verteuert nun weltweit Energie, weil Schiffe nicht mehr sicher durchfahren können.

Vielleicht hat die Ministerin die Straße von Hormus mit dem Suezkanal verwechselt. Das ist eine wichtige Route zwischen Asien und Europa. Und sie ist auch im Fokus seit den Angriffen der USA und Israels auf Iran. Denn auf der Suez-Route liegt die Meerenge Bab al-Mandab. Im Anrainerstaat Jemen sind die mit Iran verbündeten Huthi aktiv, sie attackieren schon länger internationale Containerschiffe, die hier vorbeifahren. Wer wegen der Huthi den Suezkanal meiden will, muss in der Tat Afrika umfahren, wie es Ministerin Warken beschrieben hat.

Ihr Ministerium erklärte die Sätze im Interview auf Anfrage so: Wegen des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus gebe es Ankündigungen, Schiffe anzugreifen. Das beeinträchtige den Schiffsverkehr in der gesamten Region. „Da die Seehandelsroute durch das Arabische Meer von den Reedereien derzeit als hochriskant eingestuft wird, müssen Schiffe zur Umfahrung vermehrt Ausweichrouten zum Beispiel um Südafrika nutzen, was zu Verzögerungen und zur Verteuerung von Arzneimitteln führen kann“, sagte eine Sprecherin. Das betreffe besonders Generika, also patentfreie, günstige Medikamente. Das Ministerium betonte, dass die Handelsrouten aber nicht grundsätzlich unterbrochen seien, die Wege würden nur länger.

Allerdings gibt es einige Reedereien, die schon länger die Suez-Route meiden. Die Huthi greifen schon länger Containerschiffe an. Diese Reeder weichen auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung aus. „Diese Umfahrung Afrikas verlängert die Transportzeit meist um rund zwei Wochen und verursacht entsprechend höhere Kosten“, sagte ein Sprecher des Verbands deutscher Reeder. Das betreffe viele Arzneimittel und Vorprodukte, die aus China und Indien kämen. Aber neu sind die Probleme auf der Suez-Route nicht. Der Iran-Krieg gilt somit für Containerschiffe mit Medikamenten an Bord nicht als harter Einschnitt.

Die deutsche Pharmabranche sieht ebenfalls keinen Grund zur Panik. „Eine akute Gefährdung der Arzneimittelversorgung ist in den kommenden Wochen nicht zu erwarten“, sagte Claus Michelsen, der Chefvolkswirt des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller. Generell gelte natürlich: „Unterbrechungen wichtiger Handelsrouten, etwa über den Suezkanal, könnten den Warenverkehr von Asien nach Europa verzögern.“ Michelsen verwies auch auf Probleme im Luftverkehr, da sich wichtige Frachtdrehkreuze auf der arabischen Halbinsel befänden. Pharmakonzerne hätten ihre Logistik seit der Corona-Pandemie allerdings krisenfester aufgestellt, sodass kurzfristige Störungen in der Regel abgefedert werden könnten.

Apothekerschränke in Deutschland können trotz der gesperrten Straße von Hormus gefüllt bleiben. Das wäre doch mal eine beruhigende Botschaft für ein Politikerinterview in Krisenzeiten.

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