Wer sollte es der Welt erklären? Ihr sagen, dass nicht nur die Frage nach extraterrestrischem Leben, sondern auch nach dem ersten Kontakt mit ihm längst geklärt ist. Wen würde man sich wünschen, um es offiziell zu machen? Zumindest im Westen: Christopher Nolan? Zu erschütternd. Denis Villeneuve? Zu verkopft. Ridley Scott? Um Himmels willen! Alex Garland? Zu hoffnungslos.
Nein, für das, was unter Menschen, die glauben, der Erstkontakt habe längst stattgefunden, als „Disclosure Day“ bezeichnet wird, der Tag also, an dem Beweise für die Existenz außerirdischen Lebens offiziell veröffentlicht werden, wünscht man sich einen, der die sanften Töne beherrscht. Und das ist etwas, das dem Film zuletzt ein wenig abhandengekommen zu sein schien.
Mit dem Erstkontakt kennt sich der 79 Jahre alte Regisseur Steven Spielberg aus, wenn man seine vier Filme, in denen er Regie geführt und davon erzählt hat, gelten lässt. Vielleicht zeichnet er mit seinem neuesten Versuch „Disclosure Day“ auch deshalb für diese Art visueller Generalprobe der finalen Enthüllung verantwortlich.
J. D. Vance glaubt, Aliens seien Dämonen
Noch in der „Unheimlichen Begegnung der dritten Art“ (Close Encounters of the Third Kind, 1977) erzählt Spielberg vom ersten Treffen zwischen Erdlingen und freundlich staunenden (und dank John Williams erfreulich klangaffinen) Außerirdischen als einer Art interstellarem Schüleraustausch. Er setzt dabei auf etwas, das bei ihm eine große Rolle spielt: kindliche Neugier und Unschuld. Die „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ist ein Kunstwerk aus Licht und Ton, dessen filmische Meisterschaft nur im endlichen Dunkel des Kinos zur Geltung kommt.
Kommst du aus dem All, oder hast du einen Knall: Emily Blunt in „Disclosure Day“Universal StudiosAuch „E.T. – Der Außerirdische“ (E.T. the Extra-Terrestrial, 1982) geht die Sache noch freundlich an, während die H.G.-Wells-Adaption „Krieg der Welten“ (War of the Worlds, 2005) sichtbar unter dem Eindruck des 11. Septembers 2001 steht. Hier erwachen monströse Schläfer mitten in amerikanischen Großstädten, besaufen sich am Blut der Bevölkerung und gehen schließlich daran zugrunde. Auch in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008) verläuft der Erstkontakt nicht gerade reibungslos.
In „Disclosure Day“ wirft Spielberg den Zuschauer mitten hinein in die Auseinandersetzung zwischen jenen, die glauben, man dürfe es den Menschen nicht offenbaren, und jenen, die finden, es sei an der Zeit für die Wahrheit. Und diese sieht bei Spielberg so aus: Gängige Erzählungen wie der Roswell-Zwischenfall am 7. Juli 1947 und dergleichen haben tatsächlich mit UAP zu tun, Präsident Richard Nixon wusste davon und präsentierte auserwählten Kumpeln tiefgekühlte Leichen, die sich wie schon in der „Unheimlichen Begegnung der dritten Art“ am Archetyp des „Grey“ (des/der Grauen) orientieren: graue Haut, großer Kopf, große schwarze Augen.
Selbst hart gesottene Polizisten verwandeln sich in fromme Lämmer
Zum Paket gehören Artefakte außerirdischer Technologie, von denen Daniel Kellner (Josh O’Connor), ehemaliger Mitarbeiter der Firma „Wardex“, seinem geheimniskrämerischen Arbeitgeber just eines entwendet hat. Er will es zusammen mit einem Haufen Daten unter Anleitung des mysteriösen Hugo (Colman Domingo) der Welt präsentieren. Das ist gar nicht so einfach.
Colin Firth gibt als „Wardex“-Chef Noah Scanlon den geradezu teuflischen Widersacher, indem er qua Alien-Zauberstab Besitz von Menschen ergreift und diesen derart Besessenen allerlei Informationen entlockt.
Der Himmel hat sozusagen wiederum Margaret Fairchild (Emily Blunt) geschickt: Die Wetterfee eines lokalen Fernsehsenders entwickelt, nachdem ihr ein quasi göttlicher Bote im roten Federkleid (ein Rotkardinal, Cardinalis cardinalis) noch mal eine vergangene Botschaft in Erinnerung gezwitschert hat, überirdische Kräfte, die selbst hart gesottene Polizisten in fromme Lämmer verwandeln.
Teuflisch gelassen: Noah Scanlon (Colin Firth) will die Welt vor der Wahrheit bewahren.Universal StudiosMit der Vergabe von Labeln soll man sich zurückhalten, doch mit Science-Fiction, also der Betonung der Frage nach dem Wie, hat „Disclosure Day“ herzlich wenig zu tun. Steven Spielberg hat eine Art filmische Predigt entworfen, die sich der klassischen Rhetorik des amerikanischen Films (die er selbst entscheidend mitgeprägt hat) bedient – und zwar so sehr, dass sie diesen Vorgang quasi in all seiner Nacktheit präsentiert.
Es ist alles da, was dazugehört: schwarze Autos, die in tief knurrenden Rudeln durch die Landschaft brettern. Diners, Motels (eines heißt hier augenzwinkernd: „Inn-Di-Ana“), aufgewirbelter Spielberg-Staub, Züge, die immer nur hupen, anstatt zu bremsen, und die warme Geborgenheit des Kinderzimmers (mit Mobile) als goldene Quelle des Mutes, der Unschuld und der Empathie.
Wo sehen nur all diese schwarz gekleideten Männer hin?
Letztere, sagt Hugo seinem Gegenspieler Noah, sei doch eben der alles entscheidende „evolutionäre Vorteil“ des Menschen als Gemeinschaftswesen. Na, wem da nicht warm ums Herz wird. Man kann diesen Versuch des Appells an das Gute im Menschen belächeln, so wie man überhaupt über viele Szenen eigentlich nur lachen kann, weil sie einen starken Glauben (an den Film oder an im Film wirkende höhere Mächte) erfordern.
Wenn Daniel Kellner sich entsetzlich unbeholfen, aber dennoch unbemerkt hinter hundert schwarz gekleideten Sicherheitsprofis (zum Teil mit Ferngläsern ausgerüstet), die allesamt schwarze Autos fahren, entlangschleicht, dann sind das solche Momente.

Ebenso, als Kellner seine Freundin Eve (Jane Blankenship) einweiht und dabei nicht einmal die Frage auftaucht, wie man enthüllungstechnisch überhaupt die nötige Glaubwürdigkeit schafft. Stattdessen wird umgehend die Gefahr erörtert, ob der Mensch die Nichtmenschen wohl gleich als Götter verehren könnte.
Viele großartige Einfälle – das beginnende Kreisen der Kamera, das zur Musik des alten Spielberg-Mitstreiters John Williams ein übernatürliches Phänomen in der anschließenden Sequenz ankündigt – bleiben für sich stehen, ohne Teil des Ganzen zu werden. Fragen nach Motiven von Figuren bleiben offen, ohne die Sache interessanter zu machen. Warum gibt der teuflische Noah wortlos an jenem Punkt auf, an dem er alles hätte beenden können?
Stattdessen schauen wir Menschen beim Schauen zu, beim Glaubenwollen, beim Lauschen einer Predigt, der ob der Größe ihres Gegenstandes (der extraterrestrischen Andersartigkeit und deren kommunikativer Überbrückung) am Ende die Worte ausgehen. Überzeugen soll hier nur mehr der Blick auf die Bilder. Erstkontakt als Videobeweis. Allen potentiellen KI-Fälschungen zum Trotz. Womit wir beim verständlichsten Teil dessen wären, was Spielberg hier berührt: der ächzenden Sehnsucht nach universellem Verständnis und grenzüberschreitender Verständigung. Kurz: Liebe Außerirdische, wir könnten gerade wirklich ein wenig Hilfe gebrauchen.

vor 1 Stunde
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