Mein Lieber, azizam, heute habe ich fast bis zum Mittag geschlafen. Mein Körper war müde vom Schwimmen, von der starken Sonne, von der Arbeit auf dem Hof und vom nächtlichen Tanzen. Und ehrlich gesagt ist er es immer noch. Kaum bin ich wach, überprüfe ich die Nachrichten. Marjane Satrapi, die Schöpferin des Films „Persepolis“, ist im Alter von 56 Jahren gestorben. Ihre Familie erklärte als Todesursache: zu großer Kummer über den Verlust ihres Lebenspartners. Als ich den Film „Persepolis“ zum ersten Mal sah, habe ich ihn nicht verstanden.
Die Generation von Marjane und von dir trauerte um etwas, das sie verloren hatte. Meine Generation kämpft noch immer um etwas, das sie nie besessen hat. Ich lege mein Handy weg und gehe in die Küche. Mein türkischer Freund O. sagt mir, dass das Lamm, das gestern geboren wurde, verschwunden ist. Ich gehe zum Schafstall und suche überall nach ihm. Ich finde es nicht. Gestern hatte O. das Lamm ins Haus gebracht und gesagt, wir müssten ihm Milch geben, weil seine Mutter es nicht haben wollte. Wir gaben ihm frische, warme Kuhmilch, und schließlich konnte es aufstehen. Jetzt wissen wir nicht, wo es ist. Nur weil seine Mutter es nicht wollte.
Nona und ihre KatzeMehrdad ZaeriDie Vorgänge der Natur, zu der wir Menschen selbst gehören, werden für mich von Tag zu Tag komplizierter. Wie jeden Tag nehme ich meine Antidepressiva und frage mich: Wenn es in der Natur keine Gefühle gäbe – wie würde das Leben weitergehen? Wieder greife ich zum Handy. Ein paar Minuten lang scrolle ich durch Instagram.
Instagram zeigt mir neue Bilder von den Toten der Proteste im Januar. Von jenen zwei unvergesslichen Tagen, die, ob wir wollen oder nicht, Teil des historischen Gedächtnisses Irans geworden sind. Das Bild eines jungen Mannes mit dichtem, schwarzem Lockenhaar und lebendigen, glänzenden Augen. Man sagt, er sei im Krankenhaus durch einen Genickschuss getötet worden, während die Geräte zur medizinischen Versorgung noch an ihm angeschlossen waren.
Die schmutzigen Spiele von Politik und Macht
Die Genickschüsse auf Verwundete in den Krankenhäusern jener Tage gehören zu unserer gelebten Realität. Zu uns, den Menschen in Iran. Zu uns Menschen. Zu uns, den Menschen dieser Welt. Gestern geriet das neue kleine Kätzchen des Hofes mit den Hunden aneinander. Auf O.s Drängen hatte ich die Katze in den Hof gebracht, damit sie die anderen Tiere kennenlernt. Das Kätzchen, das seine eigene Schwäche gegenüber den Wachhunden nicht einschätzen konnte, begann sie zu provozieren, und die Hunde gingen auf sie los. Doch statt wegzulaufen, stellte sie sich ihnen entgegen und zeigte ihre ganze unschuldige Wut.
Ich hatte schreckliche Angst und nahm sie auf den Arm. Aber sie war noch immer kampfbereit und kratzte mich. Danach beruhigte sie sich ein wenig. Das arme Ding hatte sich vor Angst eingenässt, doch gleichzeitig befahl ihr der Instinkt, standzuhalten. So wie der Instinkt jener Kinder, die an den historischen Tagen des 18. und 19. Januar auf die Straße gingen. Als ich selbst zum ersten Mal auf die Straße ging, war ich 24 Jahre alt. Mein Vater sagte damals zu mir: Das sind die schmutzigen Spiele von Politik und Macht. Wenn du dich davon mitreißen lässt, verlierst du dein kostbares Leben. Für etwas, das es nicht wert ist.
Er sollte mich dazu zwingen, mein Kopftuch aufzusetzen
Ich erinnere mich, wie wütend ich auf ihn war, und sagte, dass ich meine Augen nicht verschließen und gleichgültig gegenüber dem Unrecht bleiben könne. Heute sagt mir mein erwachsener Verstand, dass es genau diese Natur und dieser Instinkt der jungen Menschen sind, die sie – wie das kleine Kätzchen – auf unbegreifliche Weise zu den mutigsten Menschen machen. Ein unkontrollierbarer Mut. Ein Mut, der sie dem Tod entgegenführt.
Manchmal träume ich, ich sei jener junge Mann, der seine Waffe auf Demonstrierende richtet. Ich träume, ich gieße einen großen Behälter voller Säure über die Toten, damit niemand sie begraben muss. Überall riecht es scharf nach Säure. Ich sehe mich im Spiegel an. Ich sehe aus wie jener zwanzigjährige Mann, den ich während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ auf der Straße gesehen habe. Für einen Moment sahen wir uns in die Augen. In seiner Uniform, mit dem großen Gewehr, das er trug, wirkte er schön und stark. Ich lächelte ihn an. Der Junge senkte den Kopf und wandte sich ab. Seine Aufgabe war es, mich dazu zu zwingen, mein Kopftuch aufzusetzen. Aber er hatte sich vor mir geschämt.
Mein Freund, die Grenzen in Iran verschwimmen. Zumindest für mich ist das so. Für viele Menschen sind die Grenzen zwischen Gut und Böse heute klarer als je zuvor. Für mich aber dringen die Grenzen ineinander ein. Ich denke an die Worte meines Vaters. Was könnte wertvoller und kostbarer sein als das Leben eines Menschen? Und meine eigene Frage lautet: Was ist mehr als das Leben selbst die eigentliche Ursache für den Tod des Menschen? Ich halte es nach wie vor für meine größte Leistung, der Versuchung widerstanden zu haben, ein Kind in diese Welt zu setzen.
Und doch frage ich mich jeden Tag, ob die Entscheidung, die ich mit dreißig traf – an jenem Tag, als ich die Arztpraxis betrat und mich auf diese Liege legte –, eher die Rettung eines Menschen war oder ein Genickschuss.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

vor 5 Stunden
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