In der bildenden Kunst gibt es die Freiheit, Werke ohne Titel zu belassen. Im Kino oder auf dem Theater kommt so etwas äußerst selten vor: Wer zahlt Eintritt für etwas, das sich nicht einmal einen Namen gibt? Oder kauft ein solches Buch? Auch Angela Schanelecs neuer Film hat einen Titel: „Meine Frau weint“. In der ersten Szene hängt eine Frau in einem Büro, das zu einer Baustelle gehört, ein Blatt Papier an die Wand. Wenn man genau hinsieht, könnte man vielleicht eine Wäscheleine erkennen, vier Stücke flattern im Wind. Man muss sich bei der Filmemacherin erkundigen, wenn man wissen will, worum es sich genau handelt: Um ein Werk von Louise Bourgeois, eines von vielen, das keinen eigenen Namen trägt. Ein Blatt Papier, Untitled.
Für die Geschichte in „Meine Frau weint“ hat das kleine Werk der legendären amerikanischen Pionierin einer feministischen Kunst keine offenkundige Bedeutung. Es ist eher so, als würde Schanelec einfach zu Beginn sehr diskret eine Einordnung vornehmen: Was nun folgt, fällt in den Bereich der Kunst. Sie stellt sich nicht ausdrücklich in eine Tradition mit Louise Bourgeois, aber sie stellt ihr eigenes Werk unter ein Zeichen. Das Wort Kunst ist dafür der allgemeinste denkbare Begriff, er ist vollkommen offen, und hat doch eine genaue Differenzfunktion, mit der man vielleicht herausfinden kann, welche Bewandtnis es mit dem Kino von Angela Schanelec hat.
Strandvergnügen an der See in „Meine Frau weint“Blue Monticola FilmZu Füßen der Zeichnung von Louise Bourgeois steht in der ersten Szene in „Meine Frau weint“ ein weißer Klappstuhl, auf dem gleich darauf ein groß gewachsener Arbeiter Platz nimmt, der anscheinend Zeit totschlagen muss. Eine Mitarbeiterin erwähnt, seine Frau hätte angerufen. Jetzt ist sie gerade nicht erreichbar. Es gibt vielleicht einen Grund zur Beunruhigung, aber gerade keine Möglichkeit, und auch noch keine große Dringlichkeit, der Sache nachzugehen.
Aber schon in diesem Dialog, der halb noch zur Arbeit gehört, aber auch Privates andeutet, wird erkennbar, dass in diesem Film auf eine besondere Weise gesprochen wird. Ein wenig so, als würden sich alle darum bemühen, immer bei etwas Wesentlichem zu bleiben. Alles das, was so oft den Umgangston unter Menschen ausmacht, fehlt hier: das ganze Drumherum der Kommunikation, die Umwege und unnötigen Beiwerke, das Gerede, auch Geblödel und Witz, und schon gar Sprachspiele von Macht und Hierarchie.

Als der Arbeiter (sein Name Thomas fällt beiläufig) schließlich seine Frau Carla auf einer Parkbank trifft, erzählt sie ihm von einem Unfall, beginnt zu weinen, und schläft im Schoß ihres Mannes ein. Der Film hat damit sein Programm erfüllt. Wir wissen nun, wer die Frau ist, wessen Frau sie ist, und warum sie weint. Was wir noch nicht wissen, sind nähere Umstände.
Diese kommen erst allmählich zur Sprache, und zwar tatsächlich in dem Sinn, in dem man sagen könnte: zur Welt kommen ist zur Sprache kommen. Angela Schanelec hat für die Französin Agathe Bonitzer in der Rolle der Carla und für den in Jugoslawien geborenen Vladimir Vulević einen Beziehungsdialog geschrieben, der zum stärksten gehört, was man in diesem Metier in deutscher Sprache kennt – verkörpert und interpretiert durch zwei Menschen mit einer anderen Muttersprache.
Befremdliches Sprechen im Alltag eines Paares
Carla muss erklären, warum sie mit einem fremden Mann im Auto saß, als es zu dem Unfall kam. Üblicherweise geht es in einem solchen Gespräch darum, etwas zu gestehen und anderes (manchmal auch vor sich selbst) zu verbergen. In „Meine Frau weint“ aber sieht vieles danach aus, als würden da gerade zwei Menschen Sprache als ein Offenbarungsgeschehen entdecken – „als wäre es möglich, alles zu sagen, und alles hätte Sinn“. Diesem Satz sagt Carla wenig später zu einem Schriftsteller namens Laszlo, der ein Kind in der Kita hat, in der sie als Köchin arbeitet.
Für ein Kinopublikum, das mit dem Kino von Angela Schanelec nicht vertraut ist, muss das Sprechen in „Meine Frau weint“ befremdlich wirken. So wie Thomas und Carla spricht im Alltag niemand. Es kommt wahrscheinlich auch selten vor, dass jemand abends vor der Haustür innehält, sich umwendet, und dann in leidenschaftlichem, aber betont sachlichem Tonfall von einem wilden Traum aus der vergangenen Nacht erzählt – erst spät lässt Schanelec erkennen, dass Thomas sich wieder an Carla wendet, die auf einer Bank unter einem Baum sitzt. In der Sprache der Kunstkritik würde man bei dem Sprachgebrauch in „Meine Frau weint“ von einer Verfremdung sprechen – aber in diesem Fall scheint die Sache umgekehrt zu sein: Es ist das geläufige Sprechen, das durch „Meine Frau weint“ befremdlich wird. Es ist auch keineswegs ein „hoher Ton“, den Schanelec anschlagen lässt. Um Pathos geht es in keiner Sekunde.
Auch auf einem Klappstuhl kann man gut die Zeit totschlagen: Szene aus „Meine Frau weint“.Blue Monticola FilmDie Regisseurin kennt aus ihrer eigenen Geschichte als Theaterschauspielerin sehr genau, wie auf einer Bühne gesprochen wird – und wie dem Kino mehr oder weniger wie von selbst das alltägliche Sprechen zufiel. Als sie 1995 mit „Das Glück meiner Schwester“ debütierte, spielte sie noch selbst eine der Hauptrollen, und noch bis in die Zehnerjahre konnte man sie ab und zu in Filmrollen sehen. In erster Linie ist sie aber nun schon lange Regisseurin, und man kann ohne Weiteres sagen: Im deutschen Kino nimmt sie eine absolute Ausnahmestellung ein. Sie gilt vielen als radikal publikumsfeindlich, als Verfechterin einer schwer vermittelbaren Ästhetik, sie hat aber auch, nicht zuletzt international, eine leidenschaftliche Anhängerschaft. Und dies alles von einer finanziell prekären Situation aus, wie sie anlässlich der Pressekonferenz zu „Meine Frau weint“ auf der Berlinale deutlich machte: Die Filmförderungen in Deutschland unterstützen ihre Arbeit sehr zögerlich.
„Meine Frau weint“ hat nun viele Aspekte eines Schlüsselwerks, eines Films, mit dem sich Schanelec noch einmal neu und deutlicher zu erkennen gibt. Sie beharrt stärker denn je auf der Differenz, die für Kunst konstitutiv ist, und die in einem Medium, das zunehmend mit einer abgelenkten und unkonzentrierten Wahrnehmung rechnet, immer schwieriger zu vermitteln ist.
Es liegt nahe, das Sprechen der Figuren in diesem Fall auch als einen Kommentar zu dem entfesselten Äußerungsgeschehen auf den digitalen Plattformen zu begreifen, oder allgemeiner: zu einer Krise der Kommunikation. Schanelec betont gegenüber der Abstraktion von Postings konsequent den Aspekt der Verkörperung: Sprache ist Atem, ist Stimme, ist Spannung, ist schließlich Tanz. Und dabei gibt es keine Unterschiede, ob nun auf einer Baustelle über berufliche Sachen geredet wird oder in freundschaftlicher Runde das Allerpersönlichste angesprochen werden kann. Im Zentrum der Geschichte steht ein Paar, aber dieses Paar ist vielfach eingebunden in eine soziale Welt, die dem Wort Freundschaft neuen Sinn verleihen könnte.
Im Unterschied zu Louise Bourgeois arbeitet Schanelec mit einem Ensemble, mit Darstellerinnen, mit Menschen, die ihren Ideen Ausdruck verleihen. Alles, was sie tut, ist damit von vornherein viel näher an den konkreten Erfahrungen, die man jeden Tag mit sich selbst macht. Bourgeois konnte mit Skulpturen, aber auch zahlreichen kleinen Zeichnungen eine radikale, oft auch komische Offenheit an Bedeutungen schaffen. Angela Schanelec schafft eine vergleichbare Offenheit in der Ähnlichkeit mit dem Geläufigen, in der es sich selbst das erfolgreiche Festivalkino gut eingerichtet hat. Sie bringt diese Ähnlichkeit zum Vibrieren, und manchmal kollabiert sie auch. Dann sagt Thomas: „Mein Kopf platzt.“ Angela Schanelec hält für das Kino die Erinnerung wach, dass es bei Kunst darum geht, den Raum des Wirklichen zu erweitern. Mit „Meine Frau weint“ geht sie dabei weiter denn je.
Ab Donnerstag, 11. Juni im Kino

vor 2 Stunden
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