Wenn in aller Welt Menschen aus dem Stand Stellen aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung feierlich zitieren können, warum nicht auch solche aus Thomas Paines „Common Sense“? Die gleichnamige Flugschrift, veröffentlicht in Pennsylvania am 10. Januar 1776, enthält doch ebenfalls große Sätze wie diesen: „The palaces of kings are built on the ruins of the bowers of paradise“ – die Paläste der Könige sind auf den zertrümmerten Lauben des Paradieses erbaut.
Paine, 1737 im englischen Thetford geboren, wurde Zollbeamter in London, bevor er 1774 auf Empfehlung Benjamin Franklins nach Philadelphia kam und dort bald für die Unabhängigkeit von der britischen Krone in einer auf Menschenrechten gründenden Demokratie warb. Seine Flugschrift richtete sich „an die Einwohner Amerikas“. Schon der zeitgenössische deutsche Übersetzer Christian Wilhelm Dohm, der 1776 eine Professur für politische Ökonomie in Kassel innehatte, erkannte Bedeutung und Einfluss der Schrift sogleich. Er notierte 1777: „Das Pamphlet: the Common sense, ist sehr berühmt geworden, und hat wahrscheinlich die Independenzerklärung des Kongresses veranlasst.“
Im starken Wortsinn Volksaufklärung
Paine lobt die Fähigkeiten des Kollektivs im Gegensatz zu denen des Einzelnen und wettert gegen monarchische und aristokratische Tyrannei. Seine Argumentation kreist um den Begriff der Krone, die dem König entzogen und dem Gesetz aufgesetzt werden soll: „Denn so wie in unbeschränkten Regierungsformen der König Gesetz ist; so sollte billig in freien Staaten das Gesetz König sein, und kein anderer.“
Die Erstausgabe von „Common Sense“ (1776)Picture AllianceVon „Common Sense“ wurde in wenigen Jahren fast eine halbe Million Exemplare gedruckt und verkauft, es wurde so zu einer der erfolgreichsten politischen Flugschriften der Geschichte. Jüngst ist sie in Dohms Übersetzung bei Wallstein neu veröffentlicht worden, herausgegeben und kommentiert von den Literaturwissenschaftlern Gideon Stiening und Kai Sina. Diese attestieren Paine, dass er durch seine Stilistik, Rhetorik und Argumentation nicht nur intellektuelle Eliten, sondern auch einfache Leute erreicht und „im starken Wortsinne Volksaufklärung“ geleistet habe. Darüber hinaus beleuchten sie die internationale Wirkung von Paines Schrift, vor allem in der deutschsprachigen Aufklärung.
In der amerikanischen Populärkultur hat Thomas Paine jüngst noch an symbolischer Bedeutung hinzugewonnen – leider, muss man sagen, denn Anlass dafür ist meist ein Aufbegehren gegen neue Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit. So versammelten sich schon während der ersten Amtszeit des Präsidenten Donald Trump 2019 auf der Thomas Paine Plaza in Philadelphia Demonstranten. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift „Nobody is above the law“. Auch anderswo wird in den Vereinigten Staaten oft in Paines Namen demonstriert, sei es gegen „Rape Culture“ oder für die Wissenschaftsfreiheit, manchmal auch verkleidet mit Perücken und Gewändern, die den historischen Paines ähneln. Am stärksten aber ist der Widerhall von „Common Sense“ in den sogenannten „No Kings“-Protesten der jüngsten Gegenwart.

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