Düsseldorf. Es war ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. „Du bist für uns Mr. Sarasin, und wir möchten dir gern eine Million zukommen lassen. Du siehst ja, was wir für eine Mörderkohle verdienen.“
Es ist Montag, der 12. Juni 2017, als sich H. an diese Worte erinnert. Sie sollen 2009 in einem Frankfurter Anwaltsbüro gefallen sein, in einem Gespräch mit Hanno Berger und Kai-Uwe Steck. Beide Steueranwälte wurden später wegen ihrer Rolle im Cum-Ex-Skandal verurteilt. Der Fiskus verlor in dieser Affäre Milliarden Euro.
Zehnmal ließ sich H. 2017 durch das Landeskriminalamt in Düsseldorf vernehmen. Der ehemalige Topmann der Schweizer Bank Sarasin – heute J. Safra Sarasin – gab sich einerseits reuig, andererseits als Marionette. Sein „blindes Vertrauen“ in Kai-Uwe Steck habe ihn fehlgeleitet.
„In ein paar Wochen werde ich 50. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, so sehe ich vor allem Katastrophen“, sagte H. Über jedes Stoppschild sei er gefahren, über das man nur fahren konnte. Und habe dadurch alles verloren, was ihm einmal wichtig gewesen sei: seine Familie, seine Arbeit, sein Ansehen.
Das ist jetzt neun Jahre her. Der Mann, der sein Verhalten im Angesicht der Beamten so bereute, versteckt sich vor der deutschen Justiz. Vor knapp fünf Jahren – am 14. Juni 2021 – hätte vor dem Landgericht Bonn der Prozess gegen H. beginnen sollen. Er fiel aus, weil H. nicht kam.
Familiäre Umstände kamen ihm gelegen. Seine Mutter stammt aus der Schweiz. H. hat zwei Staatsbürgerschaften und hat seit seiner letzten Aussage die Grenze nicht mehr überschritten. Die Schweiz liefert ihn nicht aus – trotz eines internationalen Haftbefehls.

J. Safra Sarasin: Ein ehemaliger Topbanker der Schweizer Bank ist in Deutschland angeklagt, doch dem Prozess stellt er sich nicht. Foto: Reuters
All seine Einlassungen, all seine Selbstkritik haben heute kein Gewicht. H. zeigt keine Anzeichen, sich dem Verfahren zu stellen. Er habe das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat verloren, heißt es aus seinem Umfeld. Sein Medienanwalt Ralf Höcker sagt: „Es bleibt dabei, dass die gegen den Mandanten erhobenen Vorwürfe unzutreffend sind.“
Höcker kennt sich aus im Cum-Ex-Skandal. Vor einigen Jahren beriet er schon Kai-Uwe Steck – den Mann also, von dem sich sein heutiger Mandant H. so geblendet sah. Steck wurde 2025 auf Bewährung verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Sein ehemaliger Kanzleipartner Berger sitzt im Gefängnis.
Die Verführung eines Bankers
Beide Männer, sagte H., hätten ihn verführt. 2009 war H. Vorstandsvorsitzender der Bank Sarasin in München – mit Zugang zu Großkalibern wie Erwin Müller und Carsten Maschmeyer. H. war ambitioniert. „Wie Götter“ seien die Sarasin-Eigentümer für ihn gewesen. H. wollte „Halbgott“ werden.

Carsten Maschmeyer: Der Investor steckte viele Millionen in Cum-Ex-Fonds, die Sarasin ihm empfahl. Später kam es zum Streit mit der Bank. Foto: Thomas von Aargh
Sein Ehrgeiz und seine Kontakte machten ihn attraktiv für Berger und Steck, die stets auf der Suche nach finanzkräftigen Investoren für ihre Cum-Ex-Geschäfte waren. Trotzdem habe er ihr Millionenangebot anfangs nicht ernst genommen.
„Ich habe dann entgegnet, dass ich dies nicht möchte, da ich noch eine Karriere bei Sarasin haben möchte und außerdem eine vermögende Ehefrau habe“, sagte H. Doch die beiden Anwälte hätten nicht abgelassen. Immer wieder hätten sie gefragt: „Na, machst du wieder Karriere?“ oder „Na, kümmerst du dich wieder um deine reiche Ehefrau?“
Schließlich sei er schwach geworden. Die permanenten Nachfragen sowie seine Ehekrise hätten ihn dazu gebracht, das Geld anzunehmen. H.: „Maßgeblich war für mich damals die Überlegung, dass ich für den Fall des Scheiterns meiner Ehe, den mein Vater mir schon prophezeit hatte, einen gewissen finanziellen Rückhalt aufbauen wollte.“
Geld in Hongkong versteckt
H. wollte das Geld. Aber er wollte nicht, dass seine Frau etwas von seinen Sondereinnahmen merkte. Er habe sich deshalb an den Serviceprovider Centrapriv in Zürich gewandt. Der habe eine Kontoeröffnung bei der Bank Wegelin in St. Gallen empfohlen.
Später transferierte H. das Geld an die HSBC in Hongkong. Die Bank habe ihm geraten, eine Briefkastenfirma zu gründen – so sei sein Geld „noch sicherer“. H. nannte sie Lelia, gebildet aus den Vornamen seiner Töchter.
CrimeDie Memoiren des ehemaligen Cum-Ex-Kronzeugen Kai-Uwe Steck
11.01.2026Die Geschäfte brachten H. viel Geld, deutlich über drei Millionen Euro insgesamt, teilweise in bar. 2007 und 2008 hätte ihm Steck 80.000 und 250.000 Euro in Umschlägen übergeben – erst in einem Starbucks-Café in Zürich, dann auf der Sonnenterrasse des Fifa-Hotels am Zürichberg.
Es waren aufregende Tage. Er habe die Umschläge jeweils erst bei ihm zu Hause im abgeschlossenen Badezimmer geöffnet und dort das Geld gezählt und sich dann im Nachhinein nochmals bedankt, so H. Er versteckte es in seinem Keller in einem Safe, den ihm seine Schwiegermutter geschenkt habe.
Ein Banker in der Champions League
Bargeld in Briefumschlägen mag andere an Mafiosi erinnern – bei H. löste es kein Störgefühl aus. Er habe den Umschlag gern eingesteckt, sagte er den Beamten. Er berichtete auch von einem Vorbild. In der Bank Sarasin habe er einmal beobachtet, wie sich Hanno Berger Geld aushändigen ließ und prompt in einen Brustbeutel stopfte. Berger galt damals noch als Koryphäe des Steuerrechts.
2010 zahlten Berger und Steck weitere drei Millionen – als Provision für die Vermittlung des Megainvestors Erwin Müller. H. selbst beschrieb, wie sehr er den Zugang zu Männern wie dem Drogeriekönig genoss.

Erwin Müller: Der Drogerieunternehmer gehörte zu den wichtigsten Kunden von Sarasin. Foto: Wolf Heider-Sawall/laif
Er habe sich in der Champions League gesehen, sagte H. „Nach dem Kunden Müller bin ich nur noch durch die Bank geschwebt. Rückblickend muss ich sagen, dass ich mich damals wie im Rausch befunden habe und ich mich auch heute noch an diesen Erinnerungen berauschen kann.“
Um das Geld für die Vermittlung Müllers an das Duo Berger/Steck zu verbuchen, fertigte H. in aller Vorsicht eigene Rechnungen an. Damit seine Frau nicht zufällig auf die Datei stieß, habe er den Computer seiner Eltern in Hamburg genutzt. Der Name der für den Bonus gegründeten Firma: Globe ABC Ltd. Dabei sei ihm klar gewesen, dass er damit eine Urkundenfälschung beging.
Freude an der Höllenmaschine
Laut eigener Darstellung war sich H. auch anderer Seltsamkeiten bei den Geschäften mit Berger und Steck bewusst. Allein Steck verdiente nach eigener Aussage 50 Millionen Euro mit Cum-Ex. Die Geschäfte wurden Investoren als risikolos angepriesen, weil die Gewinne dabei direkt aus der Steuerkasse stammten.
H. rechnete nach: zwölf Prozent Rendite für den Anleger, fünf für ihn selbst, jeweils fünf für Berger und Steck. Fast 30 Prozent in drei Monaten. 100 Millionen Kapital von Investoren seien „gehebelt“ worden, um damit Aktien im Wert von zwei Milliarden Euro zu handeln.
Was habt ihr da für eine Höllenmaschine? Sarasin-Banker H.
Er fuhr nach Frankfurt, um mehr zu erfahren. „Was habt ihr da, was ist los, wie läuft das, wie kann das sein, was habt ihr da für eine Höllenmaschine?“, habe er Berger und Steck gefragt. Ihre Antwort: So funktioniere das eben. Wenn ein Fonds nicht mindestens 40 Prozent Rendite einbringe, sei er „richtig schlecht gemanagt“.
In den Vernehmungen sagt H. später, er habe das Geschäft „nicht im Detail“ verstanden. Der Begriff „Cum-Ex“ sei nie gefallen. Auf Vorhalt der Beamten, er hätte bestimmte Konstruktionen eigentlich wissen müssen, antwortete er, dazu fehle ihm die Erinnerung.
Anklage in 69 Fällen
Die Staatsanwaltschaft Köln sieht das anders. Sie wirft H. 69 Fälle vollzogener und versuchter Steuerhinterziehung vor, dazu zwei Fälle gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Mutmaßlicher Schaden für den deutschen Fiskus: 461 Millionen Euro.
Auch die Bank nahm Schaden. Sarasin musste später 45 Millionen Euro an Erwin Müller zurückzahlen, der das Geld in einem Cum-Ex-Fonds verloren hatte. Müller konnte glaubhaft machen, dass ihm die illegale Natur dieser Anlage nicht bekannt gewesen sei.
H.s drittes Geständnis aus den Vernehmungen war eine falsche eidesstattliche Versicherung, die Hanno Berger in einem Steuerverfahren entlasten sollte. Er habe den Text im April 2016 mit Kai-Uwe Steck verfasst. Sein Anwalt hatte ihn zuvor eindringlich auf die Folgen hingewiesen. Er gab sie trotzdem ab.

Kai-Uwe Steck: Mit dem Anwalt war Sarasin-Banker H. eng befreundet. Steck sei ihm „ein sehr wichtiger Halt“ gewesen. Foto: picture alliance/dpa
Steck war zu diesem Zeitpunkt seit über einem Jahrzehnt sein engster Vertrauter. „Mr. Superglue“ und „Staatssekretär“ nannte H. den Mann, der „die Strippen zieht und dafür sorgt, dass alles funktioniert“. Als seine Ehe in Scherben lag, sei Steck ihm ein sehr wichtiger Halt gewesen. H. habe testamentarisch verfügt, dass Steck sich im Falle seines Todes um seine Kinder kümmern solle.
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Dann wechselte Steck die Seite. Ab November 2016 stellte er sich der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge zur Verfügung. Steck belastete viele ehemalige Partner und Kunden, auch H. Dessen Versuche, nach seinem Abgang bei Sarasin in der Finanzbranche wieder Fuß zu fassen, scheiterten.
Heute lebt H. in Zürich und führt eine Immobilienverwaltung, gegründet 2017 – im Jahr seiner Vernehmungen.
Als Immobilienverwalter wirbt H. mit seiner Expertise, die er in der Finanzbranche erworben hat. „Wir wissen, wo die wirklichen Hebel der Rendite liegen“, heißt es auf seiner Webseite. Auf Anfrage machen sie „den Erfahrungsschatz ihrer Familie Dritten zugänglich“.

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